Während Deutschland nun endgültig aus der Kernkraft aussteigt, bauen andere Länder neue Reaktoren oder nutzen die vorhandenen länger als geplant. Weltweit liegen aber Solar- und Windstrom mittlerweile vor der Kernkraft. Wir beantworten wichtige Fragen dazu.
Wie viele Reaktoren laufen weltweit noch? Nach einer Ende Januar erschienenen Auswertung der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) waren 2022 weltweit 422 Kernreaktoren in Betrieb. Für das Jahr davor hatte die Organisation 439 aktive Reaktoren gemeldet. Andere Statistiken kommen teilweise zu leicht abweichenden Zahlen, weil in der Stilllegung befindliche Anlagen teilweise unterschiedlich gewertet werden. Wie die GRS weiter berichtet, waren im vergangenen Jahr 57 neue Reaktoren im Bau, während 204 stillgelegt oder bereits zurückgebaut wurden. Das Durchschnittsalter der Anlagen belief sich auf 31 Jahre. Neu gebaute Reaktoren weisen üblicherweise deutlich höhere Leistungen auf als ältere. Die meisten Kernkraftwerke konzentrieren sich in drei Regionen: in Europa, den USA und in Asien – dort insbesondere in China.
Wie hat sich die Stromproduktion aus Atomkraftwerken entwickelt? 2021 lag der weltweite Anteil der Kernkraft an der Stromerzeugung mit 9,8 Prozent erstmals seit rund 40 Jahren unter der Zehnprozentmarke. Zugleich legten Wind- und Solarstrom auf mehr als zehn Prozent zu und überholten damit die Atomkraft. Das geht aus dem World Nuclear Industry Status Report (WNISR) 2022 hervor. 1996 hatten Kernkraftwerke 17,5 Prozent des weltweiten Stroms geliefert – ein Rekordhoch. Der prozentuale Rückgang liege aber nicht daran, dass weniger Strom in Kernkraftwerken erzeugt wurde, betonen die GRS-Experten. „Vielmehr ist der relative Anteil abgesunken, weil die Erzeugungsanlagen der erneuerbaren Energien ausgebaut wurden, vor allem aber weil fossile Kraftwerke auf Basis von Kohle, Öl und Gas absolut gesehen deutlich mehr Strom produzieren als in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten.“
Den höchsten Atomstromanteil hat aktuell Frankreich. 2021 lag er bei fast 70 Prozent. Inzwischen dürfte er durch viele stillstehende Reaktoren deutlich gesunken sein. Belgien, die Slowakei und Ungarn gruppieren sich um die 50-Prozent-Marke herum, Finnland nutzt zu einem Drittel Atomstrom. In Deutschland waren es zuletzt sechs Prozent.
Wo werden neue Reaktoren gebaut? Nach Angaben der GRS entstehen die meisten neuen Reaktorblöcke in Asien. Bei Stilllegung und Rückbau liegt der Schwerpunkt dagegen in Westeuropa und Nordamerika, wo das Durchschnittsalter der Anlagen mit 34 und 40 Jahren besonders hoch ist. Die meisten Neubauten sind in China geplant, dahinter folgen Russland und Indien. In Westeuropa gebe es dagegen keine großen Ausbauaktivitäten, heißt es in dem Bericht. Genannt werden nur einige wenige geplante oder im Bau befindliche Reaktoren – etwa in Frankreich, Großbritannien oder den Niederlanden. In vielen Ländern Mittel- und Osteuropas ist die Bereitschaft zu Investitionen in neue Anlagen höher. Als Beispiele werden Slowenien, Ungarn, Bulgarien und Polen sowie, ungeachtet des dortigen Kriegs, die Ukraine genannt.
Wie wirtschaftlich sind neue Reaktoren? Laut einer Studie der Beratungsfirma Lazard aus dem Jahr 2021 liegen die Stromerzeugungskosten bei neuen Atomkraftwerken zwischen 131 und 204 Dollar je Megawattstunde (1000 Kilowattstunden). Die Kosten für Rückbau und Endlagerung, die im Wesentlichen vom Steuerzahler getragen werden, sind dabei nicht berücksichtigt. Für Windkraftanlagen kommen die Autoren auf 26 bis 50 Dollar je Megawattstunde, für Strom aus Photovoltaik werden 59 bis 221 Dollar angegeben – je nachdem, ob es sich um kleine Privatanlagen oder größere Solarparks handelt, wie sie etwa von Kommunen oder Versorgern betrieben werden. Anders gesagt: Mit erneuerbaren Energien lassen sich Treibhausgasemissionen zu geringeren Kosten vermeiden als mit Atomkraft.
Hohe Baukosten, die im Verlauf meist noch deutlich steigen, dämpfen das Interesse der Energiewirtschaft an neuen Reaktoren. Oft werden sie nur gebaut, wenn der Staat einen Teil der Risiken übernimmt oder – wie beim britischen AKW Hinkley Point – eine großzügige Preisgarantie für den erzeugten Strom abgibt. Ein weiteres Problem sind die Verzögerungen bei Neubauten. Laut WNISR dauern manche Projekte zwei- bis dreimal so lange wie geplant. Selbst in China lagen zum Teil gut neun Jahre zwischen Baubeginn und Inbetriebnahme. Die Autoren des Reports gehen davon aus, dass in diesem und den nächsten beiden Jahrzehnten weltweit mehr Reaktoren abgeschaltet werden, als neue hinzukommen. Dadurch sinke insgesamt die nukleare Erzeugungskapazität.
Was hat es mit den Minireaktoren auf sich, über die schon länger diskutiert wird? Das Konzept sieht vor, statt der bislang üblichen großen Reaktoren mit Leistungen von bis zu 1750 Megawatt viele kleine Reaktoren zu nutzen. In der Fachwelt laufen solche Anlagen, die kostengünstig in Großserie produziert werden könnten, unter dem Kürzel SMR (Small Modular Reactor). Wegen ihrer deutlich geringeren Leistung sollen sie auch ohne Notkühlsysteme sicher sein. Das Bundesamt für die Sicherheit der Nuklearen Entsorgung ist jedoch skeptisch. „Gegenüber Atomkraftwerken mit großer Leistung könnten SMR potenziell sicherheitstechnische Vorteile erzielen, da sie ein beispielsweise geringeres radioaktives Inventar pro Reaktor aufweisen. Die hohe Anzahl an Reaktoren, die für die gleiche Produktionsmenge an elektrischer Leistung notwendig ist, erhöht das Risiko jedoch wiederum um ein Vielfaches“, schreibt die Behörde. Auch an der Wirtschaftlichkeit gibt es große Zweifel.