Das vom Gemeinderat beschlossene 470 000 Euro Stuttgart-Sign für den Marktplatz erinnert daran, dass in Stuttgart mal paradiesische Zustände herrschten. Eine Glosse von Jan Sellner.
Stadtrat K. träumte. Er träumte, der Hersteller des vom Gemeinderat auf Vorschlag der CDU-Fraktion gebilligten Stuttgart-Signs habe die Buchstaben verwechselt. Statt „Stuttgart“ prangte in riesigen Lettern „Schlaraffenländ“ auf dem Marktplatz und über den mit LED-Technik ausgestatteten Schriftzug flogen die aus Schlaraffenland-Erzählungen bekannten gebratenen Tauben und flossen Milch und Wein und das Rathaus, wie auch alle anderen Gebäude einschließlich des Hauses des Tourismus bestanden aus Kuchen . . .
Ein Albtraum! Stadtrat K. wachte schweißgebadet auf. Erleichtert stellte er fest, dass die Stadttauben in ihrem ursprünglichen Zustand durch Stuttgart flogen, die Rathausfassade aus robustem Naturstein bestand und aus dem Marktplatzbrunnen weder Wein noch Milch flossen – ja noch nicht einmal Trinkwasser!
Schlanke 470 000 Euro Anschaffungskosten
Seltsam, dachte Stadtrat K., als er den Albdruck abgeschüttelt hatte: Wie man das Stuttgart-Sign nur mit dem Schlaraffenland verwechseln kann? Vielleicht lag’s an den früheren paradiesischen Zuständen in der Stadt? Das Stuttgart-Sign hingegen, das den Marktplatz demnächst in ein Selfi-Paradies verschandeln, pardon, verwandeln und den Ruf Stuttgarts in aller Welt mehren soll, ist bei genauer Betrachtung ein Symbol schwäbischer Sparsamkeit. Auf eine Vergoldung oder Marmorierung wird bewusst verzichtet, das passt nicht in die Zeit. Auch von einer Champagner-Taufe bei der Enthüllung nimmt man feinfühlig Abstand.
Unter dem Strich stehen schlanke, unglamouröse 470 000 Euro Anschaffungskosten. Eine Investition in Stuttgarts Zukunft! Es gilt, ein Zeichen zu setzen! Sign oder Nichtsein, das ist hier die Frage! Und wer so weitsichtig war, sich in Stuttgart rechtzeitig ein 25 Millionen Euro teures Haus des Tourismus zu leisten, in dem – lasst uns größer denken! – auch für den Europa-Park im badischen Rust geworben wird, der wird diese Weitsicht wohl auch beim Stuttgart-Sign für sich beanspruchen dürfen!
Dass Teile der Stadtgesellschaft mit Hinweis auf das Millionendefizit im Haushalt und die strikten Sparvorgaben das Stuttgart-Sign verschmähen, mag als Ausdruck gesunden Menschenverstands gelten. In Wahrheit zeugt es von Ignoranz für die Bedeutung dieses in touristischer (und auch anderer) Hinsicht unbezahlbaren Ausrufezeichens! Anders als Stadtrat K. und die verträumte Mehrheit des Gemeinderats haben die Kritiker die Zeichen der Zeit nur nicht erkannt.