Etwas wild und ungepflegt, aber grün sieht es derzeit in Teilen des Bismarckplatzes aus. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Die Stadt will ausloten, ob der Platz im Stuttgarter Westen eine andere Person ehren soll als den umstrittenen Reichskanzler. Die „Anstifter“ plädieren weiter für Betty Rosenfeld.
Schon seit mehr als drei Jahren wackelt der eiserne Kanzler, doch ob er fällt, ist alles andere als ausgemacht. Es war der Verein der „Anstifter“, der, unterstützt etwa von den Gemeinderatsfraktionen der Grünen und der Linke/SÖS/Plus, eine Umbenennung des Bismarckplatzes im Stuttgarter Westen ins Spiel gebracht hat. Nun kommt Bewegung in die Sache: Die Stadt Stuttgart plant im kommenden Jahr mehrere Veranstaltungen, um die Bürger mitzunehmen und das Thema zu diskutieren.
Um den Vorwurf der „Cancel Culture“, also eines angeblich linken Kulturkampfes, zu entkräften, betonen die Anstifter immer wieder: Es gehe nicht darum, den Namen von Otto von Bismarck (1815-1898) aus Stuttgart zu tilgen, so konkret Klaus Kunkel von den Anstiftern. Die direkt vom Bismarckplatz abgehende Bismarckstraße und auch der Bismarckturm am Killesberg sollen ihren Namen behalten.
Auftaktveranstaltung womöglich im Januar
Es gehe aber darum, den Reichskanzler kritisch zu hinterfragen. Neben seinen unbestrittenen Verdiensten etwa um die Reichsgründung habe Bismarck eben auch die Rechte des Reichstages beschnitten, politische Gegner und Katholiken verfolgt sowie aktiv die Kolonialpolitik des Deutschen Reiches vorangetrieben. So schrieben es die Grünen in einem Antrag im Sommer 2023.
Vor Kurzem stellten nun zwei Vertreter der Koordinierungsstelle Erinnerungskultur innerhalb des Kulturamtes ihre Pläne im Bezirksbeirat West vor. Ihre Namen wollen sie nicht in der Öffentlichkeit sehen. Im Januar könnte es eine Auftaktveranstaltung geben, in der über den zeitgemäßen Umgang mit Otto von Bismarck gesprochen werde, heißt es im Grobkonzept. Zwei „Summer schools“ mit den Künstlerinnen Ann-Kathrin Müller und Judith Engel könnten folgen. Auch Anwohner und Akteure rund um den Bismarckplatz sollen eingebunden werden, daneben wolle man mit dem Thema auf dem Platz präsent sein.
So sah der Bismarckplatz im Jahr 1907 aus – die Kirche St. Elisabeth war sechs Jahre zuvor eingeweiht worden. Foto: Haus der Geschichte/Gebr. Metz
Zudem hat die Stadt vor wenigen Tagen eine beratende Kommission für Straßennamen gegründet. Darin sollen Vertreter etwa der Universität Stuttgart, des Stadtarchivs, der Universität Tübingen oder der LMU München über bestimmte umstrittene Personen, nach denen in Stuttgart eine Straße oder ein Platz benannt ist, ein wissenschaftliches Urteil abgeben.
Klaus Kunkel geht jedoch alles zu langsam, vieles dämmere viel zu lange in den Tiefen der Verwaltung vor sich hin, kritisiert er. Es sei auch schade, dass das zivilgesellschaftliche Engagement der Anstifter nicht gewürdigt werde und dass die Stadt mehrere Anträge auf Förderung abgelehnt habe.
Irgendwann aber entscheidet der Gemeinderat über den Namen des Bismarckplatzes. Ob es dort eine Mehrheit gegen eine Umbenennung geben wird, hängt sicherlich auch vom Ergebnis der Bürgerbeteiligung ab. Die CDU und auch die AfD haben sich bereits gegen eine Umbenennung positioniert. So argumentierte der CDU-Bezirksbeirat Richard Holberg in der jüngsten Sitzung, mit dem Namen werde auch ein Heimatgefühl verbunden. Auch Alexander Kotz, der CDU-Fraktionschef im Gemeinderat, hatte sich schon klar gegen eine Umbenennung festgelegt.
Bei der Gründung der besagten Kommission betonte der Erste Bürgermeister Fabian Mayer im Übrigen, dass ein so umfangreiches Verfahren wie beim Bismarckplatz nur im Einzelfall möglich sei. Im Regelfall berate die Kommission und entscheide der Gemeinderat.
Für ein Denkmal wird jetzt Geld gesammelt
Die „Anstifter“ haben auch schon einen Vorschlag eingebracht, nach wem der Bismarckplatz künftig benannt werden könnte: nach Betty Rosenfeld (1907-1942). Rosenfeld ist im Stuttgarter Westen aufgewachsen, war Jüdin, erlernte den Beruf der Krankenschwester, sympathisierte mit kommunistischen Ideen, konnte 1935 rechtzeitig nach Palästina ausreisen, arbeitete dann aber als Pflegerin bei den Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg, wurde in Frankreich inhaftiert und schließlich in Auschwitz ermordet.
Betty Rosenfeld Foto: CDMH Salamanca
Derzeit starten die Anstifter eine Spendenaktion für ein Denkmal für Betty Rosenfeld, das womöglich am Bismarckplatz aufgestellt werden könnte. Rund 90.000 Euro würden benötigt, sagt Klaus Kunkel. Ein Entwurf für das Kunstwerk vom Bildhauer Joachim Sauter existiert schon. Am 20. November um 19.30 Uhr gibt es im Theaterhaus eine Benefizveranstaltung.
Manche Bürger am Bismarckplatz sind gegen eine Umbenennung
Auch die CDU hält eine Ehrung Rosenfelds durch eine Straßenbenennung für richtig; nur gegen den Bismarckplatz wehrt sie sich. Andere Namen für den Platz sind aber ebenfalls im Gespräch. So gibt es zwar seit 2010 eine Fritz-Bauer-Straße in Sillenbuch, die an den Generalstaatsanwalt aus Stuttgart erinnert, ohne den es die Frankfurter Auschwitzprozesse nie gegeben hätte. Manche wünschen sich aber einen zentraleren Ort für diese wichtige Persönlichkeit.
Nicht wirklich begeistert von einem neuen Namen sind aber auch viele Bürger am Bismarckplatz. Der Gastronom Yilmaz Yogurtcu, der die Gaststätte „Die Metzgerei“ am Bismarckplatz betreibt, ist beispielsweise gegen eine Umbenennung: Das koste nur viel Geld, auch die betroffenen Bürger, die etwa ihren Personalausweis ändern lassen müssten. Klaus Kunkel hat dafür Verständnis. Es seien aber nur etwa 40 Haushalte am Bismarckplatz direkt betroffen.