Umstrittene WM in Katar Darf man bei dieser WM Fußball-Sticker sammeln?
Hat der Austragungsort Einfluss auf die Sammelleidenschaft von Fußballstickern? Einblicke in die Geschichte des Bilderbuchs des kleinen Mannes.
Hat der Austragungsort Einfluss auf die Sammelleidenschaft von Fußballstickern? Einblicke in die Geschichte des Bilderbuchs des kleinen Mannes.
Der Blick in die Geschichte der Fußballweltmeisterschaften zeigt: Katar ist nicht das erste umstrittene Land, das eine WM ausrichten darf, im Gegenteil. Die Vergabe von Sportereignissen an Länder, die demokratische Werte mit der Kraft eines Antonio-Rüdiger-Schusses mit Füßen treten, hat Tradition. Dabei zeigt sich, wieso der Weltfußballverband Fifa heute zu Recht zu jenen Organisationen gehört, die ähnlich gut beleumundet sind wie kriminelle Mafia-Banden.
Längst wundert man sich, wieso die Kritik an WM-Vergaben nicht schon früher größer war: 2018 fand die WM in Russland statt, vier Jahre, nachdem Putin die Krim überfallen hatte. Oder, die Älteren werden sich erinnern: Vor der Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien hat es ebenfalls Anlass für heftige Kritik gegeben. Während das Regime von Junta-Chef General Jorge Videla damals 30 000 politisch Andersdenkende ermordete, versicherte der damalige DFB-Kapitän Berti Vogts, er habe keinen einzigen politischen Gefangenen in Argentinien zu Gesicht bekommen.
Der Fußball ist also schon lange auf mindestens einem Auge blind, wenn es darum geht, Geschäfte zu machen. Rund um die inzwischen marsmäßig abgehobene Fußballblase hat sich eine Devotionalien-Industrie entwickelt, die während Kontinentalmeisterschaften viel Geld verdient – zum Beispiel mit Fußball-Sammelkarten oder -aufklebern.
In Deutschland ist der in Stuttgart ansässige Panini-Verlag der vielleicht bekannteste Anbieter von Sammelbildchen. Legendär sind die Sticker der 1970er und 80er Jahre, als Fußballer den Begriff Metrosexualität noch nicht buchstabieren konnten und herrliche Varianten des ungehemmten Bart- und Haarwuchses, gerade auch im Nackenbereich, zur Schau stellten.
Dabei hat der im italienischen Modena gegründete Verlag das Genre Fußballsammelkarte nicht erfunden. Im lesenswerten Buch „Vom Bilderbuch des Kleinen Mannes: Über Sammelmarken, Sammelbilder und Sammelalben“ beschreibt Heinz-Peter Mielke die Anfänge der Fußballbildchen in Deutschland. Im Jahr 1931 erschien bereits ein Sammelband mit dem schmissigen Titel „Die Deutsche Liga. Deutsche Fußball-Verbands-Gau- und Pokalmeister im Deutschen Fußballbund 1930/31 mit 780 Schwarz-Weiß-Bildern“.
Im Jahr 1938 lieferten die Union Zigarettenwerke aus Dresden schließlich das Album „König Fußball mit 340 Bildern“. Das Motto „Sport stählt Körper und Geist“ auf der Rückseite der Karten liest sich aus historischer Sicht mit Blick auf das damalige Nazideutschland besonders schaurig.
In den Wirtschaftswunderjahren wurde der Fußball dann zu dem identitätsstiftenden Konsumwunder, das er bis heute ist. „Besonders in den 70er Jahren nehmen Fußball- und Sportalben einen breiten Platz ein, nachdem 1954 der unerwartete deutsche Sieg bei der Fußballweltmeisterschaft in Bern schon eine Reihe von Alben über dieses Ereignis nach sich gezogen hatte“, heißt es bei Heinz-Peter Mielke.
Die Sammelleidenschaft grassierte aber nicht nur in Deutschland, sondern auch in Italien, dem Mutterland des Calcio. 1955 verwandelte eine Familie mit Namen Panini einen Zeitungskiosk in einen Zeitungsvertrieb, die „Agenzia Distribuzione Giornali Fratelli Panini“.
Das Geschäftsmodell des Familienbetriebs: Man brachte unverkaufte Restbestände anderer Verlage unter die Leute. Die Familie kreierte Wundertüten und füllte diese mit Fotoromanen, Zeitschriften, Krimis – und manchmal auch mit Sammelbildchen.
Ein erster Versuch, in größerem Stil Sticker mit Blumenmotiven zu verkaufen, ging schief. Mit einem anderen Thema lief es besser: „Bei einer Reise nach Mailand fanden die Brüder Panini 1960 eine Charge unverkaufter Fußball-Sammelbilder. Zurück in Modena verpackten sie jeweils zwei Karten in ein Tütchen und verkauften dieses zu zehn Lire, heute rund 0,005 Cent pro Tütchen“, heißt es in der Firmenchronik von Panini, und weiter: „Binnen kürzester Zeit hatten sie drei Millionen Bilder verkauft. Giuseppe Panini nahm dies zum Anlass, selbst Herausgeber von Stickern zu werden. Er gründet das Unternehmen 1961.“
Heute zeichnet in Deutschland Geschäftsführer Hermann Paul für Panini verantwortlich. Nachdem es in den vergangenen Wochen in diversen Medienbeiträgen hieß, dass der Absatz an Katar-Bildchen ausbaufähig sei („Panini-Bildli sind so unbeliebt wie an keiner WM zuvor“, Züri Today), erklärt Paul auf Nachfrage: „Unsere Erwartungen werden erfüllt, ohne konkrete Zahlen nennen zu können. Eine WM im Spätherbst und Winter bedeutet, dass wir im Grunde keine stimmungsvollen Public-Viewing-Treffen bei bestem Wetter haben. Die Welle der allgemeinen Fußball-Begeisterung kann also nicht so stark wie sonst auf Panini überschwappen. Damit haben wir aber geplant und buchstäblich gerechnet.“
Und wie steht der Herr der Fußballsticker persönlich zur WM? „Meine persönliche Meinung ist an der Stelle nicht relevant. In meiner Rolle als Panini-Geschäftsführer haben wir wie immer versucht, ein Produkt auf den Markt zu bringen, von dem am Ende alle sagen: Panini-Bildchen sammeln ist doch die schönste Nebensache der schönsten Nebensache der Welt“, sagt Paul. Und was soll der Geschäftsführer eines Verlags, für den eine WM genauso wichtig ist wie das Weihnachtsgeschäft für den Einzelhandel, auch anderes sagen?
Wer bei der WM in Katar aus eingangs genannten Gründen dagegen keine Lust hat, Fußballbildchen zu sammeln, der kann sich auf ein Angebot von „11 Freunde“ konzentrieren: Das Fußballkulturmagazin gibt in Zusammenarbeit mit dem schwedischen Projekt „Blankspot“ die „Cards of Katar“ heraus. Diese Sammelkarten zeigen keine Fußballstars, sondern Arbeiter, die beim Bau der Stadien ums Leben gekommen sind.
Ziel der Aktion im Internet ist, den getöteten Arbeitern in Katar ein Gesicht zu geben. „Wir präsentieren die Bilder und Schicksale im Look offizieller Sammelkarten, um die Offiziellen daran zu erinnern, unter welch makabren Umständen dieses Turnier stattfindet. Die Hinterbliebenen sind damit einverstanden, sie wollen auf ihre Angehörigen und ihren Tod aufmerksam machen und hoffen darauf, nicht länger ignoriert zu werden“, heißt es im Netz zu „Cards of Katar“.
Nach der WM ist vor der EM: Wie geht es für Panini künftig weiter? Bei der Europameisterschaft 2024 in Deutschland werde es keine Bildchen des Verlags geben, weil ein amerikanischer Anbieter bei der Rechtevergabe des europäischen Fußballverbandes Uefa den Zuschlag bekommen habe, erklärt eine Sprecherin des Verlags. Am Ende ist im Fußball eben alles eine Frage des Geldes.