Umstrittenes Bauprojekt Rampal in Bangladesch Ein Kohlenmeiler im Reich des Tigers
Hiesige Unternehmen geraten in die Kritik, wenn sie im Ausland strittige Projekte durchziehen. Die Fichtner GmbH ist ein Beispiel.
Hiesige Unternehmen geraten in die Kritik, wenn sie im Ausland strittige Projekte durchziehen. Die Fichtner GmbH ist ein Beispiel.
Stuttgart - Die Veranstaltung vom Klima und Umweltbündnis Stuttgart (KUS) im Welthaus am Stuttgarter Charlottenplatz vergangene Woche war gut besucht. Der Film „Vor uns die Sintflut“ wurde gezeigt – über den Klimawandel und wie schlimm es Bangladesch treffen werde. Dabei ist mit dem Zeigefinger anklagend auf eine Firma aus Baden-Württemberg gewiesen worden: Die Stuttgarter Fichtner GmbH wirke als leitendes Ingenieurbüro mit am Bau des umstrittenen 1320-Megawatt-Kohlekraftwerks Rampal in Bangladesch. Sie beeinträchtige dadurch das Klima und gefährde das seit 1987 anerkannte Unesco-Weltnaturerbe der Sundarbans, des größten Mangrovenwaldes der Erde, wo der bengalische Tiger und Flussdelfine daheim sind. Rampal kostet zwei Milliarden US-Dollar und ist im Bau. 2022 soll das Kraftwerk fertig sein.
Der KUS-Koordinator Dieter Bareis betont, dass man die Errichtung neuer Kohlekraftwerke weltweit verurteile, Deutschland will ja sein letztes 2038 abschalten: „Scharf kritisieren wir die Stuttgarter Fichtner GmbH, die maßgeblich am Bau von Rampal beteiligt ist und alle Bemühungen um Klimaschutz konterkariert.“ Es sei „unerträglich“, dass offenbar die Deutsche Bank, der Allianz-Konzern und die genossenschaftliche DZ-Bank aus Frankfurt zur Finanzierung des Kohlekraftwerks beitragen, indem sie Anleihen der indischen Exim-Bank gekauft haben. „Allianz entwickelt einen Kohleausstiegsplan für den Gesamtkonzern und finanziert zugleich ein Kohlekraftwerk in Bangladesch. Wie passt das zusammen?“, fragt Bareis.
Sie predigen Wasser daheim und trinken Wein woanders auf der Welt. Auf den Vorwurf lässt sich die Kritik an deutschen Firmen, die weltweit an strittigen Bauprojekten beteiligt sind, zusammenfassen. Der Politikwissenschaftler Dieter Reinhardt, der an der Hochschule Rhein-Waal über Ressourcenkonflikte in Bangladesch und Myanmar forscht, ist ein guter Kenner der Geschichte von Rampal. Früh habe es Warnungen gegeben, sagt Reinhardt. Schon 2014 hatte der deutsche Botschafter in Bangladesch den Standort als „ein wenig abenteuerlich“ und „gefährlich“ bezeichnet. Drei Jahre später teilte die Bundesregierung auf eine Parlamentsanfrage mit, sie habe der Regierung in Dhaka ihre „erheblichen Sorgen“ bezüglich des Kraftwerks Rampal „explizit mündlich und schriftlich“ mitgeteilt.
Früh hat es auch eine Protestbewegung in Bangladesch und sogar in Indien gegen das Kraftwerk gegeben, gegen Demonstranten wurde mit Tränengas vorgegangen. 2018 mahnte der UN-Sonderberichterstatter für Menschenrechte, John Knox, dass die „zunehmende Industrialisierung“ der Sundarbans ein ernstes Risiko für die 6,5 Millionen Menschen in der Region darstelle, da ihr Leben, Gesundheit, Wohnraum und Ernährung „direkt von einem nachhaltigen Sundarbans-Wald“ abhingen. Dieter Reinhardt hat die jüngste Tagung des Unesco-Komitees für das Weltnaturerbe mitverfolgt, das sich seit zehn Jahren ständig mit Rampal befasst. Eine ursprünglich scharfe Resolution des Beratergremiums der Unesco sei „weichgespült“ worden, kritisiert er. In der Ursprungsversion war bedauert worden, dass die Regierung von Bangladesch die Umweltfolgen von Rampal nicht genau beschreibe, dass sie 154 Industrieprojekte nahe der Sundarbans plane. Es war festgestellt worden, dass der Mangrovenwald auf die Liste der gefährdeten Weltnaturerbe gehöre. Nach einem Veto von China, Kuba und Bosnien-Herzegowina wurde die Entscheidung über die Sundarbans um ein Jahr vertagt.
Die Firma Fichtner antwortet auf Anfrage, dass sie aus Vertragsgründen nicht Stellung nehmen könne. Sie verweist auf die Website des Betreibers von Rampal, der Bangladesh India Friendship Power Company. Auf ihr finden sich beschwichtigende Antworten auf 44 Fragen. Ist Rampal zu dicht an den Sundarbans? Nein, der Abstand betrage 14 Kilometer und zum Weltnaturerbe 65. Besteht eine Unfall- oder Emissionsgefahr bei den täglichen Schiffstransporten auf dem Passur-Fluss – 12 000 Tonnen Kohle sollen ja täglich verheizt werden? Nein, die bestehe nicht, die Schiffe seien überdeckt. Besteht eine Gefahr durch Ascheregen, Stickoxide oder Schwefeldioxide? Nein, der Schornstein sei 275 Meter hoch.
Im Firmenleitbild von Fichtner heißt es, man fühle sich „der Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung“ verpflichtet. Auf der deutschen Firmenwebsite werden Offshore-Windanlagen, Solarprojekte, Meerwasserentsalzungsanlagen oder Energy-from-Waste-Projekte herausgestellt. Dass Fichtner bei zwei weiteren Kohlekraftwerken in Bangladesch dabei sein will (Matarbarhi und Kohlia) und nur auf der Fichtner-Indien-Website der Bau und Betrieb von acht Kohlekraftwerken dargestellt wird – das findet sich nicht auf den Titelseiten.
Dabei haben am Planungsbüro, das weltweit 1500 Mitarbeitern hat, wegen Rampal offenbar Selbstzweifel genagt. In einem Bericht der Bundestagsabgeordneten Claudia Roth (Grüne) und Matthias Zimmermann (CDU) vom März 2019 über eine Reise nach Rampal steht, dass die Zivilgesellschaft das Projekt „sehr kritisch“ sehe. Der Vertreter von Fichtner vor Ort habe sich im Gespräch „offen“ gezeigt: „Man habe in der Firma intensiv darüber diskutiert, ob man ein solches Projekt verantworten könne“, heißt es im Bericht. Dafür gesprochen habe die lange gute Zusammenarbeit mit Bangladesch, die effiziente Technologie zur Kohleverstromung und wegen der „sehr hohen Schlote“ würden die Sundarbans von Emissionen geschont, so der Mitarbeiter. Wäre Fichtner nicht eingestiegen, würden Chinesen oder Russen mit älterer und unsauberer Technologie das Kraftwerk bauen.
Die Abgeordneten hat das nicht überzeugt, sie nennen die Argumente „nicht befriedigend“: „Mit der gleichen Logik könnte man den Bau ähnlicher Anlagen in jedem Schutzgebiet rechtfertigen“ heißt es.