Umstrittenes Eislinger Denkmal Adler mit flatterhafter Gesinnung

Von Klaus Nonnenmacher 

Eislingens Stadtobere sorgen sich um das Denkmal am Schillerplatz. Der dortige Adler hat eine ganz besondere Historie: Vor dem Dichterfürsten sollte es einen Nazi ehren.

Äußerlich befindet sich der entnazifizierte Adler auf Sturzflug. Foto: Horst Rudel
Äußerlich befindet sich der entnazifizierte Adler auf Sturzflug. Foto: Horst Rudel

Eislingen - Ein bisschen heruntergekommen, leicht angeschmutzt von vagabundierenden Tauben, von Efeu umrankt und auf bröckelndem Gestein breitet am Schillerplatz der Freiheitsadler seine Schwingen aus. Das Bronze-Denkmal an der Stuttgarter Straße, an dem in den vergangenen 53 Jahren seit seiner Aufstellung zig Millionen Autos auf der alten Bundesstraße 10 vorbeigebraust sind, ist sichtlich in die Jahre gekommen. Nun hat sich der Gemeinderat der Sache angenommen. Eckehard Wöller von den Freien Wählern, hatte in seiner Haushaltsrede das Thema angesprochen und eine Beratung über die Zukunft des Adlers angemahnt. Das Ganze verband er mit der Nachfrage, was es denn eigentlich überhaupt mit diesem Denkmal auf sich habe.

Gegossen als Nazidenkmal

Die Frage ist berechtigt. Gewiss hat auch Schiller in seinem Werk immer wieder den Adler bemüht. So heißt es in seinen Räubern: „Das Gesetz hat zum Schneckengang verdorben, was Adlerflug geworden wäre.“ Eine Anspielung auf die Eislinger Stadtpolitik dürfte dies allerdings nicht gewesen sein. Ursprünglich hat der hiesige Raubvogel mit dem Dichterfürsten und dessen Freiheitsliebe auch herzlich wenig zu tun gehabt. Vielmehr sollte der Adler ein Nazi-Denkmal zieren. Kurz vor Kriegsbeginn gegossen, soll die massive Bronzeskulptur dann aber jahrelang im städtischen Bauhof versteckt worden sein, angeblich, weil man fürchtete, das Denkmal werde zu Kriegszwecken eingeschmolzen, womit ihm zumindest eine gewisse pazifistische Vergangenheit zu attestieren wäre. Als der Adler später wieder auftauchte, wusste man lange nichts mit ihm anzufangen – bis zum 10. November 1959. Zum 200. Geburtstag Friedrich Schillers wurde der Bronzevogel genau dort aufgestellt, wo er schon im „Dritten Reich“ hätte landen sollen.

Damals hieß der Schillerplatz noch Schlageterplatz, benannt nach Albert Leo Schlageter, einem militanten Aktivisten der NSDAP-Tarnorganisation Großdeutsche Arbeiterpartei. Schlageter war im Jahr 1923 von einem französischen Militärgericht zum Tode verurteilt und hingerichtet worden. Die Nazis schlachteten diese Geschichte aus und erhoben sie zur Märtyrer-Legende. Schlageterplätze und -denkmäler gab es vielerorts, so übrigens bis heute noch bei Auendorf.

Auch in Eislingen, das sich erst kürzlich zweier in Vergessenheit geratener Nazi-Ehrenbürger entledigt hat, muss die Begeisterung für den nationalistischen Saboteur groß gewesen sein. Mit einem stolzen Adler wollte man ursprünglich also weniger Schiller’schem Sturm und Drang, sondern vielmehr der paramilitärischen nationalsozialistischen Sturmabteilung ein Denkmal setzen.

Wiederkehr zum Schillerjahr

Im Jahr 1936 war der Ausbau des Schlageterplatzes beschlossen worden, 1937 sollte durch Spenden der einheimischen Industrie das Denkmal gesetzt werden. Die Säule und der davor platzierte Brunnen, heute nurmehr ein Blumentrog, standen bereits. Erst 1938 soll auch der Adler gegossen worden sein. Zur Aufstellung kam es jedoch nicht mehr, ob aus Geldgründen, oder weil die Eislinger tatsächlich Angst hatten, man würde ihnen die Bronze wegnehmen, ist unklar. So oder so verschwand das Objekt in einem Lager des Bauhofs.

21 Jahre später, im Schillerjahr, erinnerte man sich wieder daran und fand damit bundesweite Beachtung. Sogar die Wochenzeitung „Die Zeit“ berichtete über die Wandlung des Eislinger Überfliegers und titelte „Metamorphose“ zu einer Kurznotiz, in der von einem „entnazifizierten Adler“ die Rede war, der nun als Symbol für den Höhenflug des Geistes wiederkehre.

Vielsagend ist neben der Schillertafel ein Gedicht des Freiheitsdichters am damals neuen Schillerdenkmal in Eislingen angebracht, das kaum passender hätte ausgesucht sein können: „Lebe mit deinem Jahrhundert, aber sei nicht sein Geschöpf“ beginnt es. Neben dem ehemaligen Naziplatz befindet sich heute übrigens die Moschee des türkischen Kulturvereins, der sich mit vielen sozialen Projekten und kulturellen Veranstaltungen ins Stadtleben einbringt.




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