Umstrittenes Projekt in Hemmingen Sorge um Vögel – „Windpark und Rastgebiet schließen sich nicht aus“

Der geplante Windpark in Hemmingen ist umstritten. Foto: Pia Bayer/dpa

Naturschützer sind frustriert, wohingegen der Projektleiter erfreut ist. Wie geht es – trotz Bedenken der Genehmigungsbehörde – weiter mit dem geplanten Windpark in Hemmingen?

Leonberg: Stefanie Köhler (koe)

Nördlich von Hemmingen dürfen sich Windräder drehen. Die Stuttgarter Regionalversammlung hat Anfang Dezember insgesamt 20 Vorranggebiete für Windkraft im Kreis Ludwigsburg beschlossen. Das wohl umstrittenste Gebiet liegt im Strohgäu. Die Pläne für den Windpark mit vier Anlagen im Gebiet LB-08 erhitzen die Gemüter. Denn die Fläche umfasst auch den Regenpfeiferacker auf den Gemarkungen Hochdorf, Hemmingen und Schwieberdingen. Seitdem das Gebiet als Vorranggebiet ins Gespräch gekommen ist, protestieren Naturschützer erbittert dagegen. Sie wollen die Fläche, die, wie sie betonen, ein landesweit bedeutsamer Rastplatz für gefährdete Zugvogelarten sei, unbedingt schützen. Besonders im Blick haben sie die Gold- und Mornellregenpfeifer.

 

Während sich die Naturschützer nach der Entscheidung in Stuttgart ernüchtert, gar frustriert zeigen, sieht die Welt bei Uhl Windkraft, einem Anlagenbauer aus Ellwangen im Ostalbkreis, anders aus. „Wir freuen uns sehr, dass die Regionalversammlung die bisherigen Planungen bestätigt hat und in der ganzen Region nun Planungssicherheit für die Windparkprojekte besteht“, sagt Philip Gohl, zuständig für den Windpark in Hemmingen. Man sei „überzeugt, dass wir ein von einer breiten Unterstützung getragenes Projekt verwirklichen können“.

Nabu: Regenpfeiferacker ist landesweit bedeutsamer Rastplatz

Doch was sagt der Projektleiter zu den Einwänden der Naturschützer? „Uns ist die Brisanz und die Sorge bekannt. Wir haben hierzu eine fachliche Einschätzung eingeholt, die aufzeigt, dass Windpark und Rastgebiet sich nicht ausschließen“, sagt Philip Gohl.

Dem widersprechen die Naturschutzbünde (Nabu) Schwieberdingen-Hemmingen und Markgröningen. „Die langjährigen Beobachtungen lassen keinen anderen Schluss zu, als dass die Ackerflächen für viele seltene Rastvogelarten schützenswert und zu erhalten sind und ihre Eignung als Rasthabitat durch die Errichtung von Windkraftanlagen verlieren würden.“ Der Regenpfeiferacker sei aber nicht nur ein landesweit bedeutsamer Rastplatz. Er biete auch einigen seltenen Vogelarten wie Rebhuhn, Rotmilan, Wanderfalke und Wiedehopf einen Lebensraum.

So sieht der Regenpfeiferacker auf den Gemarkungen Hochdorf, Hemmingen und Schwieberdingen von oben aus. Foto: Simon Granville

Philip Gohl kündigt indes „weitere Gespräche mit allen Beteiligten“ an, damit bei der Umsetzung der Windräder „die verträglichste Form“ gefunden werde. Dabei sei es ihm wichtig darauf hinzuweisen, dass man auch die Gesamtpopulation der Vögel im Auge behalten müsse – und die fachliche Einordnung auch diesen Aspekt zu berücksichtigen habe. „Generell kommt uns in der bisherigen Diskussion zu kurz, dass die Vögel in Nordeuropa leben und mit Masse über Nordwestdeutschland, Frankreich und Spanien nach Afrika ziehen. Nur ein sehr geringer Anteil der europäischen Brutpaare zieht über Baden-Württemberg.“ Die Vögel könnten hierbei Etappen von mehreren tausend Kilometer am Stück zurücklegen.

Aus Sicht des Windpark-Betreibers bleiben für Vögel genug geeignete Flächen

Man gehe nicht davon aus, so Gohl, dass der Rastplatz für den Mornellregenpfeifer verlorengehe. Die Attraktivität des Regenpfeiferackers bestehe vor allem darin, dass zur Zugzeit des Vogels die Ackerflächen ausgeräumt seien. „Der Mornellregenpfeifer bevorzugt Flächen mit weitreichender Sicht, um Fressfeinde frühzeitig entdecken zu können. Er meidet deshalb auch Gebüsche oder das Umfeld von Wäldern.“ Daher könnten schon Änderungen der derzeitigen landwirtschaftlichen Nutzung die Attraktivität des Gebiets „erheblich mindern“. Zu Windenergieanlagen gibt es laut Gohl Untersuchungen, die von einer sogenannten Scheuchwirkung im Umkreis von etwa 400 Metern ausgehen würden. „Aus unserer Sicht bleiben genügend geeignete Flächen für den Mornellregenpfeifer im direkten Umfeld. Zu glauben, dass die Vögel exakt standortgebunden seien und lieber vor Erschöpfung tot vom Himmel fielen als einen alternativen Rastplatz zu suchen, halten wir für lebensfremd.“ Uhls Ziel sei es, einen Weg zu finden, der für die Arten einen verträglichen Eingriff darstelle und mit dem sich die Sorgen abmildern ließen.

Auch das Regierungspräsidium Stuttgart hatte Bedenken geäußert – wie das Landratsamt Ludwigsburg, das den Antrag Uhls genehmigen muss. Was bedeutet das für den Windpark? Im immissionsschutzrechtlichen Genehmigungsverfahren prüfe das Landratsamt, ob schädliche Umwelteinwirkungen durch Errichtung und Betrieb der Anlagen entstehen können und öffentliche Belange betroffen sind, sagt der Sprecher Andreas Fritz: Geprüft würden im Wesentlichen Aspekte wie Lärmimmissionen, Schattenwurf, Auswirkung auf Natur und Landschaft sowie Artenschutz. Stellungnahmen der Fachbehörden zur inhaltlichen Antragsprüfung fehlen laut Fritz aber noch. Daher könne er noch keine Aussage über die Genehmigungsfähigkeit des Projekts treffen.

„Ich bin frustriert, das ist ein Unding“, sagt der Naturschützer

Uhl Windkraft jedenfalls steht in den Startlöchern. In Ellwangen rechnet man im ersten Halbjahr 2026 mit einer Entscheidung in Ludwigsburg. Sollte sie positiv ausfallen und das Landratsamt eine Genehmigung erteilen, leitet der Anlagenbauer die nächsten Schritte ein. Bis der Windpark gebaut ist, vergehen dann noch zwei Jahre. „Wir sind überzeugt, dass alle vier Windenergieanlagen genehmigungsfähig sind“, sagt Philip Gohl.

Derweil verhehlt Thomas Gölzer, der Sprecher des Nabu Schwieberdingen-Hemmingen, seinen Unmut nicht. „Ich bin frustriert, das ist ein Unding“, sagt er. Der Regenpfeiferacker sei als Vogelbeobachtungsgebiet eine Sensation im Kreis, das sei geopfert worden. Dass die Behörden grundsätzlich auf seiner Seite sind, ist für ihn kein Trost: „Ich glaube gar nichts mehr, was da erzählt wird.“

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