Umwelt Ein Pilz als unheimlicher Amphibienkiller

Von Roland Knauer 

Ein aus dem Ausland eingeschleppter Hautparasit bedroht europäische Salamander und Molche. Die Opfer haben kaum eine Chance zu überleben.

Unverkennbar: der Feuersalamander ist gelb-schwarz ­gefärbt. Foto: dpa
Unverkennbar: der Feuersalamander ist gelb-schwarz ­gefärbt. Foto: dpa

Stuttgart - Die Indizien beweisen es eindeutig: Der Serienkiller kommt aus Asien, schlägt in Europa zu und frisst seine Opfer bei lebendigem Leib auf – genauer gesagt, er vertilgt ihre Haut. Dieses Organ übernimmt bei den geschädigten Tieren – nämlich Salamander und Molche – einen Teil der Aufgaben mit, die bei Säugetieren so zentrale Organe wie Lunge und Niere allein erledigen. Frisst der von Experten kurz „Bs“ genannte Killer einem Salamander also Löcher in die Haut, sieht das furchtbar aus, stört verschiedene, lebenswichtige Funktionen und führt rasch zum Tod.

Mancherorts sterben 99 Prozent der Opfer qualvoll, und die wenigen Überlebenden haben eine mehr als ungewisse Zukunft vor sich. Viele Salamander- und Molcharten Europas könnten vor dem Aus stehen, befürchten Amphibien-Experten wie Dirk Schmeller vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung UFZ in Leipzig. Gemeinsam mit Kollegen appelliert der Wissenschaftler daher an die Kommission der Europäischen Union, den Killer zu bekämpfen, bevor er in Europa eine große Tiergruppe weitgehend auslöscht.

Schmarotzender Pilz

Die Forscher greifen mit guten Gründen zu einer solchen in Wissenschaftlerkreisen sehr ungewöhnlichen Vorgehensweise: Bereits 1998 hatten sie in der Verwandtschaft von Bs einen anderen Killer identifiziert, den sie Bd nennen. Die Abkürzung steht für Batrachochytrium dendrobatidis und ist ein Pilz aus einer großen Familie, deren Mitglieder meist als Schmarotzer leben. Meist sind die Opfer Organismen wie Algen. Nur ein Familienmitglied attackiert Wirbeltiere, eben der 1998 ins Fadenkreuz geratene Pilz Bd. Der wiederum stammt ursprünglich aus Afrika und schmarotzt dort zum Beispiel an der Haut des Krallenfrosches Xenopus laevis. Offensichtlich haben sich Pilz und Opfer in langen Jahren aneinander gewöhnt, die Parasiten richten jedenfalls keine größeren Schäden an.

Das änderte sich, als Apotheker mit Hilfe der Krallenfrösche im 20. Jahrhundert Schwangerschaftstests durchführten und Entwicklungsbiologen die Tiere als wichtiges Studienobjekt entdeckten. Bald begann ein schwunghafter Handel mit Xenopus laevis – und immer wieder wurden auch mit Bd infizierte Tiere auf andere Kontinente transportiert. Dort konnte der Pilz auch andere Frösche und weitere Amphibien befallen. Da der Schmarotzer und seine Wirte noch keine Zeit gehabt hatten, sich aneinander zu gewöhnen, endeten die Infektionen oft fatal.

Katastrophe in Panama

So erreichte der Erreger zum Beispiel 2004 eine Region in Panama. Es dauerte gerade einmal drei Monate, bis 95 Prozent der Amphibien aus diesem Gebiet verschwunden waren. Allein dort waren mehr als 40 Arten von dieser Katastrophe betroffen. Seit er eingeschleppt wurde, hat der Pilz in Mittel- und Südamerika weit mehr als hundert Froscharten ausgelöscht. Auch in Nordamerika, Europa und Australien macht Bd einigen Hundert weiteren Arten zu schaffen.

Dann verschwanden zwischen 2010 und 2013 im Süden der Niederlande von einem vorher stabilen Bestand 96 Prozent aller Feuersalamander. In tot aufgefundenen Tieren aber konnten belgische Forscher den anfangs verdächtigten Bd-Pilz genauso wenig aufspüren wie andere Viren oder Bakterien, die Salamandern und Lurchen Probleme bereiten. Stattdessen fanden sie mit dem vorher unbekannten Pilz Batrachochytrium salamandrivorans oder kurz Bs einen Verwandten von Bd – bei den Amphibienforschern schrillten die Alarmglocken. „Unsere schlimmsten Befürchtungen bestätigten sich rasch“, erklärt UFZ-Forscher Dirk Schmeller.

Pilz frißt Löcher in die Haut

Bs schadet Fröschen und Kröten anscheinend nicht und konzentriert sich auf Salamander und Molche, bei denen sich die bereits seit einem Vierteljahrhundert bei Fröschen beobachtete Katastrophe wiederholt. Bald nach der Infektion hat der Pilz Löcher in die Haut der Tiere gefressen. An diesen Stellen können die Salamander und Molche nicht mehr atmen, keine Abfallstoffe abgeben und keine Salze aus der Umgebung aufnehmen. Nach wenigen Tagen ist die Ver- und Entsorgung der Amphibien weitgehend zusammengebrochen. Zusätzlich dringen durch die Löcher andere Erreger in den Körper ein. Diese Infektionen schwächen den Organismus weiter, die allermeisten der mit Bs infizierten Salamander und Molche sterben zwei oder drei Wochen nach der Infektion. Laborversuche zeigten rasch, dass es offenbar alle Arten aus dieser Amphibiengruppe treffen kann.

„Mit den Amphibien trifft die Katastrophe obendrein eine Tiergruppe, der es bereits vor Bs dreckig ging“, erklärt Dirk Schmeller. So leben zum Beispiel Feuersalamander im feuchten Laub der Wälder, setzen ihre lebend geborenen Larven aber in Gewässern ab. Dort verbringt der Nachwuchs seinen ersten Lebensabschnitt, bevor er an Land geht. Solche Gewässer aber wurden in der Vergangenheit gerne zugeschoben oder trockengelegt und viele Salamander und Lurche verloren ihren Lebensraum. Weil die Tiere durch ihre Haut atmen und Salze aufnehmen, erwischen sie auf diesem Weg auch Pestizide, die in Land- und Forstwirtschaft eingesetzt werden. Da wundert es nicht, wenn in Europa ein Drittel aller Amphibien als mehr oder minder gefährdet gilt. Überlebt dann doch der eine oder andere Salamander eine Bs-Infektion, sehen seine Zukunftsaussichten unter diesen Bedingungen alles andere als rosig aus.

Die Spur führt nach Japan

Als die Forscher das Erbgut von Bs unter die Lupe nahmen, kamen sie auch seiner Geschichte inklusive der Herkunft aus Fernost auf die Spur: Mindestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts infiziert dieser Pilz in Japan Salamander, zeigen die Forscher an Hand eines Schwertschwanzmolches aus einem Museum. Parasit und Wirt haben sich dort offenbar aneinander gewöhnt. Jedenfalls sieht man vielen infizierten Tieren keine Krankheitssymptome an. Genau wie Bd in Krallenfröschen können anscheinend gesunde Salamander und Molche so den Erreger unerkannt nach Europa bringen. Tatsächlich gibt es längst einen schwungvollen weltweiten Handel mit Amphibien. Statt Apothekern und Forschern kaufen aber im 21. Jahrhundert eher private Sammler solche Tiere, die für einen Färberfrosch aus Südamerika durchaus 700 Euro auf den Tisch legen.

Irgendwann am Anfang des 21. Jahrhunderts haben wohl einer oder mehrere infizierte Salamander BS aus Thailand, Vietnam oder Japan nach Europa gebracht. In Zoohandlungen in Großbritannien und Deutschland konnten Forscher den Erreger inzwischen tatsächlich in äußerlich gesunden Tieren nachweisen. Die sehr infektiösen Sporen des Erregers können von dort mit dem Wasser in die Natur gelangen und frei lebende Salamander und Molche anstecken. Zumindest in der Region im Süden der Niederlande und im Osten Belgiens sowie in den angrenzenden deutschen Gebieten wurde Bs inzwischen in der Natur bereits gefunden. Der Killer aus dem Fernen Osten hat seinen Feldzug in Europa also bereits begonnen.

Die Opfer haben kaum eine Chance

Die Opfer haben kaum Chancen gegen diesen Schmarotzer. Um sich an ihn anzupassen, fehlt ihnen vermutlich die Zeit: Salamander können durchaus 20 Jahre alt werden, vermehren sich erst, wenn sie ein paar Jahre alt sind und haben so eine lange Generationszeit. Wenn der Erreger aber in nur vier Jahren 96 Prozent aller Feuersalamander in Holland tötet, verschwinden die Bestände eben viel schneller als sie sich anpassen können.

Noch aber sehen Dirk Schmeller und seine Kollegen eine Chance für Salamander und Molche. So könnte Europa den Import dieser Arten verbieten und damit verhindern, dass der Erreger in Gebiete eingeschleppt wird, in denen er bisher noch nicht angekommen ist. Die USA haben einen solchen Importstopp bereits beschlossen, um ihr Land vor der tödlichen Infektion zu schützen. So könnte man auch in Europa zumindest die Arten retten, die nur in einem isolierten Gebiet wie zum Beispiel auf Korsika vorkommen.

Intakte Umwelt in den Gewässern hilft

In Bergseen der Pyrenäen hat UFZ-Forscher Dirk Schmeller obendrein entdeckt, dass dort lebenden Miniorganismen, die als Zooplankton zusammengefasst werden, die Pilzsporen von Bd eifrig vertilgen. Da ihnen Bs-Sporen ähnlich schmecken sollten, dürfte ein gesundes Ökosystem mit sauberem Wasser, in dem reichlich Zooplankton schwimmt, die Ausbreitung ebenfalls bremsen. „Zusätzlich brauchen wir dringend ein Monitoring, das uns zeigt, wo die Infektion bereits angekommen ist und wo nicht“, fordern Dirk Schmeller und seine Kollegen. Droht eine Region überrannt zu werden, kann man schnell gesunde Tiere evakuieren und in Gefangenschaft züchten. Später können sie dann in Bs-freien Gebieten in die Natur zurückkehren. Sollten die Behörden solche Maßnahmen einleiten, gäbe es für Salamander und Molche eine Überlebenschance.

Unsere Empfehlung für Sie