Umwelt Grauwale in der Nordsee?

Von Roland Knauer 

Der Klimawandel öffnet Grauwalen den Weg in den Nordatlantik. Bereits 2010 schwamm ein riesiger Grauwal im Mittelmeer vor der Küste Israels. Wissenschaftler können sich vorstellen, dass die Riesen auch in die Nordsee zurückkehren könnten.

Grauwale könnten über die Nordwest-Passage vom Pazifik in den Atlantik und weiter ins Mittelmeer wandern. Foto: dpa
Grauwale könnten über die Nordwest-Passage vom Pazifik in den Atlantik und weiter ins Mittelmeer wandern. Foto: dpa

Stuttgart - Wie stark der Klimawandel bereits das Eis auf dem Nordpolarmeer dezimiert hat, konnten Strandbesucher im Mai 2010 sogar vor der Mittelmeerküste Israels in Augenschein nehmen. Schwamm doch dort ein ausgewachsener Grauwal. Diese Art ist zwar an der Pazifikküste von Kalifornien und Mexiko eine große Touristen-Attraktion, aus dem Atlantik und seinen Randmeeren wie Nordsee und Mittelmeer ist sie jedoch seit Jahrhunderten verschwunden. Höchstwahrscheinlich war der Grauwal, der 23 Tage später und 3000 Kilometer von Israel entfernt noch einmal vor dem Hafen von Barcelona auftauchte, vom Pazifik an Nordamerika vorbei in den Atlantik und weiter ins Mittelmeer gewandert. Diese Nordwest-Passage war im Norden von Kanada seit Menschengedenken vom Eis auf dem Nordpolarmeer blockiert. Im Sommer 2007 aber hatte der Klimawandel das Eis dort oben so stark dezimiert, dass Schiffe und Wale gleichermaßen freie Fahrt hatten. Bringen die steigenden Temperaturen auf dem Globus den Grauwal also in den Nord-Atlantik und vielleicht sogar in die Nordsee zurück?

„Das kann ich mir durchaus vorstellen“, meint Michael Hofreiter von der Universität Potsdam. Der Spezialist für die Analyse des Erbguts von längst verendeten Tieren hat triftige Gründe für diese Annahme: Im Erbgut von Grauwalen, die vor mehr als 250 Jahren an den Küsten der Nordsee lebten, findet er Hinweise auf frühere Wanderungen vom Pazifik in den Atlantik, die er jetzt in der Fachzeitschrift „Molecular Ecology“ veröffentlicht. Einen Teil des Materials für ihre Untersuchungen erhielten Michael Hofreiter und seine Kollegen von den Nordsee-Fischern. Die holen mit ihren Grundschleppnetzen oft genug nicht nur lebende Tiere für die Fischmärkte aus der Tiefe, sondern auch jede Menge Material vom Meeresboden, in dem ganz selten ein Knochen eines längst verstorbenen Wals steckt. Solche Fossilien nehmen die Fischer meist mit an Land. Dort gibt es nämlich private Sammler wie den Niederländer Klaas Post, die ihnen solche seltenen Funde abkaufen. Der Holländer wiederum schickt schon mal einen Wirbel des Meeressäugers zur genaueren Untersuchung an Hofreiter.

Erbgut der Knochen wird analysiert

„Beim Öffnen des Pakets kitzelt dann der Geruch von Meer die Nase“, sagt der Forscher. Der Duft hält sich leider nicht lange, bald dominiert wieder die Atmosphäre eines Labors, in dem mit peinlicher Sauberkeit altes Erbgut aus dem Knochen isoliert und danach vermehrt wird. Diese DNA analysieren die Forscher. Gleichzeitig bestimmen sie mit der „Radiocarbon-Methode“ das Alter der untersuchten Knochen. Sieben von ihnen waren ungefähr 40 000 und zum Teil sogar mehr als 50 000 Jahre alt. Die restlichen 25 Knochen lagen dagegen höchstens zehntausend Jahre, ein vor der Küste des englischen Cornwall gefundener Wirbel sogar nur zwischen 150 und 650 Jahre am Grund der Nordsee,. „Die 30 000 Jahre lange Lücke zwischen den Funden fällt genau in die Zeit, in der die Nordsee zum Teil trocken gefallen war“, erklärt Hofreiter. Damals können dort natürlich kaum Grauwale geschwommen sein und ihre Knochen samt Erbgut der Nachwelt hinterlassen haben. Ansonsten aber gab es bis vor wenigen Jahrhunderten neben den noch heute im Nordpazifik lebenden Grauwalen eine weitere Gruppe dieser großen Säugetiere im Nord-Atlantik.

Als die Forscher die DNA der Tiere vom Grund der Nordsee mit dem Erbgut anderer Grauwale verglichen, die in der Gegenwart oder in der Vergangenheit an der amerikanischen Atlantikküste oder im Pazifik schwammen, erlebten sie einige Überraschungen. „Andere Walarten leben im Atlantik und Pazifik ziemlich getrennt voneinander, ihr Erbgut zeigt daher deutliche Unterschiede“, erklärt Hofreiter. Solche Differenzen finden die Forscher zwar auch zwischen den Grauwalen von Atlantik und Pazifik. Sie sind aber deutlich geringer und kaum älter als 150 000 Jahre. In den Maßstäben der Evolution ist das extrem wenig, die beiden Gruppen waren also sehr eng miteinander verwandt.

Allzu häufig aber scheinen die Kontakte nicht gewesen zu sein. „In der alten DNA finden wir drei Linien, die wahrscheinlich auf jeweils ein einziges Tier zurückgehen, das nach der letzten Eiszeit vom Pazifik in den Atlantik gekommen war“, fasst Hofreiter ein weiteres Ergebnis zusammen. Solche langen Wanderungen gehören für Grauwale ohnehin zum Alltag. Im Herbst schwimmen die Tiere an der amerikanischen Pazifikküste entlang nach Süden, um später in flachen Buchten der 1200 Kilometer langen, mexikanischen Halbinsel Baja California ihre Kälber zu bekommen. Weshalb die Wale jedes Jahr diese lange Reise unternehmen, ist noch nicht ganz klar. Vermutlich würden die neugeborenen Wal-Babys in den kalten Gewässern des hohen Nordens rasch auskühlen und haben daher im warmen Wasser der flachen Buchten im Süden besser Überlebenschancen. Vielleicht weichen die Tiere auch den Schwertwalen aus, die vor allem die jungen Grauwale jagen und von denen viele vor der Küste Kanadas und Alaskas leben.

Mit ihren Barten sieben Grauwale die Nahrung

Im Frühjahr wandern die rund 25 000 Grauwale des Pazifiks dann wieder an der Küste entlang nach Norden. Dort tauchen sie in den flachen Gewässern der Beringstraße zwischen Alaska und Sibirien und in der im Norden angrenzenden Tschuktschensee auf den Grund, legen sich meist auf ihre rechte Seite und wirbeln den Schlamm am Boden auf. Während sie langsam weiterschwimmen, saugen sie die trübe Brühe durch ihr Maul. Dort bleiben kleine Krebse und andere Tierchen in eng nebeneinander stehenden Hornplatten hängen. Diese „Barten“ sieben also wie bei anderen Walen mit solchen Barten auch Nahrhaftes aus dem Wasser. Mit dieser Methode fressen sich die Grauwale in der warmen Jahreszeit im hohen Norden eine dicke Speckschicht an.

Während der Eiszeit war die Beringstraße vor rund 10 000 bis vor 70 000 Jahren trocken gefallen. Damals mussten sich die Grauwale also weiter im Süden ihren Winterspeck anfressen. Und noch bis vor kurzem endete ihre Wanderung an der Eisdecke auf dem Nordpolarmeer. Der Klimawandel aber dünnt das Eis dort zunehmend aus. An der Nordküste von Sibirien und Nordamerika öffnet sich für die Grauwale so im Sommer ein Weg nach Westen oder Osten bis in den Nord-Atlantik. Manchmal scheinen die Tiere diese Chance auch zu nutzen. Das zeigt nicht nur das im Mai 2010 im Mittelmeer aufgetauchte Tier: „Im Erbgut der Grauwale des Atlantiks haben die Verwandten aus dem Pazifik immer dann ihre Spuren hinterlassen, wenn auf dem Nordpolarmeer sehr wenig Eis schwamm“, erklärt Michael Hofreiter.

Im Atlantik weideten die Grauwale im Sommer wohl vor den Küsten von Skandinavien, Grönland und der kleineren Inseln wie Island, den Färöern und Spitzbergen, sowie vermutlich auch in der Nordsee die Krebse am Meeresgrund ab. Im Herbst wanderten sie dann nach Süden und bekamen ihre Kälber in den warmen Gewässern des Mittelmeeres oder vor den Kanarischen Inseln und der nordafrikanischen Küste. „Nach unseren Computerberechnungen könnten mit dem Klimawandel diese Regionen in Zukunft wieder vielen Tausend Grauwalen eine Heimat bieten“, berichtet Hofreiter. Vielleicht war das Tier, das im Mai 2010 Israel und Barcelona besuchte, also nur eine Vorhut, die auskundschaftete, ob die Zeit für die Rückkehr der Grauwale in den Nord-Atlantik reif ist.

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