Umwelt Öko-Jahr sucht Freiwillige

Von Eileen Breuer 

Seit Monaten zeigen junge Leute bei den Fridays for Future großes Interesse an Umweltthemen. Die Bewerberzahl für ein Freiwilliges Ökologische Jahr nach der Schulzeit spiegeln das allerdings nicht wider. Warum?

Isra Sellam hat dank des Freiwilligen Ökologischen Jahrs auf der Jugendfarm ihren Weg gefunden. Foto: Eileen Breuer
Isra Sellam hat dank des Freiwilligen Ökologischen Jahrs auf der Jugendfarm ihren Weg gefunden. Foto: Eileen Breuer

Filder - Ein Mädchen in Reiterkluft schnappt sich einen Besen, um die Hinterlassenschaften der Schafe und Pferde wegzufegen. Isra Sellam schaut ihr dabei zu, sie hat ihr Freiwilliges Ökologisches Jahr, kurz FÖJ, hier auf der Jugendfarm Filderstadt absolviert – und ist geblieben. Als ehrenamtliche Helferin. „Mir war klar, dass ich nicht direkt an die Uni will. Ich wusste aber nicht, was ich stattdessen machen will“, erzählt Isra Sellam. Auf der Jugendfarm wurde sie damals fündig.

Genauso wie Jonas Thumm. „Der Hauptgrund war, dass ich nach dem Abi etwas Sinnvolles machen wollte. Ich habe keinen Mehrwert darin gesehen, ein Jahr nach Australien zu gehen“, sagt Thumm. Das FÖJ überbrückt die Zeit zwischen Schule und Studium, vor allem für Leute, die noch nicht genau wissen, wohin mit sich und ihrer Zukunft. „Während des Freiwilligendiensts sitzt man nicht nur dumm rum, sondern kann einen Input verarbeiten und sich orientieren“, sagt Jonas Thumm. Gearbeitet wird Vollzeit, und es gibt Seminare.

In Baden-Württemberg gibt es gerade einmal 240 Einsatzorte

Während sich viele unter einem Freiwilligen Sozialen Jahr, kurz FSJ, etwas vorstellen können, ist sein Pendant FÖJ das unbekannte Geschwister. In ganz Baden-Württemberg gibt es gerade einmal 240 Einsatzorte für Freiwillige mit Faible für die Umwelt. Träger des FÖJ sind die Diözese Rottenburg-Stuttgart, die Diakonie, der Internationale Bund und die Landeszentrale für politische Bildung. Letztere hat die FÖJ-Stellen auf der Jugendfarm unter sich und damit auch die Seminare. „Die Freiwilligen tragen das Thema Ökologie und die gesellschaftliche Verantwortung weiter. Wir sagen: Das FÖJ ist auch ein Bildungsjahr“, sagt Martin Glück, Hauptamtlicher auf der Jugendfarm.

Bisher ist die Filderstädter Jugendfarm auf den Fildern eine von drei Anlaufstellen für ein FÖJ. Im Herbst kommt eine vierte dazu: der Verein Pro Biene. Das Freie Institut für ökologische Bienenhaltung hat seinen Sitz neuerdings in Möhringen. „Für uns liegt der Vorteil eines FÖJler darin, dass neuer Schwung reinkommt, ein Blick von außen und ein zusätzlicher Mensch, der mit anpackt“, sagt der Geschäftsführer Tobias Miltenberger.

Ein Drittel der Jungen versucht, nachhaltig zu leben

Das Thema Umwelt zieht bei den jungen Leuten. Das zeigt auch die Studie „Einfach Machen!“ des baden-württembergischen Umweltministeriums. Ein Drittel der 14- bis 25-Jährigen versucht, nachhaltig zu leben. „Die Jugend hat verstanden, dass die Betrachtung der ökologischen Umstände wichtig ist. Das erleben wir derzeit jeden Freitag“, sagt Miltenberger. „Sie arbeitet mit immer größerer Konsequenz daran, dass es besser wird.“ Die Zahl der FÖJ-Bewerbungen müsste folglich riesig sein. Ist sie aber nicht. Auf die zwei Stellen der Filderstädter Jugendfarm bewerben sich zwar 15 bis 20 Leute, wobei viele von ihnen meist weitere Eisen im Feuer haben. Dadurch relativieren sich die auf den ersten Blick hohen Zahlen wieder, erklärt Martin Glück.

Vielen geht es wohl wie Jonas Thumm: Sie haben noch nie vom FÖJ gehört. Dabei sei es auf seine Interessen zugeschnitten, sagt er. Er bringt Kindern bei, Hütten zu bauen, er misst Holz mit ihnen ab und zieht Wände hoch. Neulich zeigte er, wie man ein Feuer ohne Feuerzeug entfacht. „Es beeindruckt die Kinder, wie aus ein bisschen Zunder und paar Funken ein Feuer entstehen kann“, erzählt er. Für seinen Einsatz bekommt Jonas Thumm knapp 400 Euro im Monat, inklusive Verpflegungs- und Fahrtkostenzuschuss.

Viel Geld gibt es nicht für das Engagement

Martin Glück sagt, die Farm sei natürlich froh über die zusätzliche Arbeitskraft. „Wir profitieren von den Freiwilligen, die sich mit Ideen, Kreativität und Arbeitskraft einbringen.“ Aber vor allem stehe für ihn im Vordergrund, dass sich die jungen Erwachsenen ausprobieren können. „Wir sehen unsere Freiwilligen nicht als billige Arbeitskraft an“, betont er. Miltenberger von Pro Biene in Möhringen sieht das ähnlich: „Der Wert liegt vor allem im Lernen. Wir sehen das FÖJ als eine Ausbildung. Es ist eine Investition, die Menschen auszubilden. Dass es wirtschaftlich Sinn macht, bezweifle ich.“ Die überschaubare Bezahlung findet er okay, da der Anreiz fürs FÖJ kein finanzieller sein sollte.

Jonas Thumm hätte das FÖJ sogar gemacht, wenn er keinen Cent dafür bekommen hätte, sagt er. Aber er weiß, dass sich das nicht jeder leisten kann. „Wenn man aus einer Familie kommt, die sehr aufs Geld achten muss, kann das ein Grund sein, es nicht zu tun.“ So oder so, bei Jonas Thumm zahlt sich das Jahr aus. „Ich habe gemerkt, dass es mir Spaß macht, Leuten die Natur zu vermitteln“, sagt er. „Natur ist die Grundlage unseres Lebens. Was würden wir ohne Wasser und Bäume tun?“ Und auch bei Isra Sellam hat es gezündet: Ihr hat die Arbeit mit den Kindern so viel Spaß gemacht, dass sie nun eine Ausbildung zur Jugend- und Heimerzieherin beginnt.

Selbst aktiv werden

Wer nach der Schule noch nicht so genau weiß, was er machen will, oder sich für die Umwelt einsetzen möchte, kann sich für ein FÖJ bewerben. Voraussetzung ist ein Schulabschluss, und man darf nicht älter als 27 sein. Weitere Infos stehen unter www.foej-bw.de. Eine Bewerbungsfrist gibt es nicht.

Auf den Fildern gibt es vier FÖJ-Einsatzorte: die Jugendfarm Filderstadt, das Ökomobil des Regierungspräsidiums in Stuttgart-Vaihingen, das Amt für Umwelt, Grünflächen und Tiefbau in Leinfelden-Echterdingen und der Verein Pro Biene in Möhringen.