Umweltschutz Artenvielfalt in Deutschland stark gefährdet

Dem Seeadler geht es in Deutschland wieder besser – auch deshalb, weil das Umweltgift DDT verboten und viel zum Schutz der Brutstätten getan wurde. Foto: dpa
Dem Seeadler geht es in Deutschland wieder besser – auch deshalb, weil das Umweltgift DDT verboten und viel zum Schutz der Brutstätten getan wurde. Foto: dpa

Der erste Artenschutz-Report des Bundesamtes für Naturschutz zeigt: Von dem Ziel, die Vielfalt zu erhalten, ist man weit entfernt. Im Gegenteil: Der Bestand vieler gefährdeter Tiere hat sich weiter verringert. Ursache ist vor allem die intensive Bewirtschaftung landwirtschaftlicher Flächen.

Wissenschaft: Klaus Zintz (Zz)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - In Brandenburg ist ein Wildkatzenzentrum eröffnet worden, das vom 1. Juni an auch für Besucher zugänglich ist. Bereits jetzt leben in dem Zentrum namens Felidae in Barnim 32 Groß- und Kleinkatzen aus aller Welt, so zum Beispiel Schneeleoparden, Geparde, Ozelots und Panther. Erklärtes Ziel ist, europäische Erhaltungszuchtprogramme für Wildkatzen zu unterstützen, und zwar, wie es heißt, „im Rahmen der Zucht in Gefangenschaft“. Das Zentrum finanziert sich über Spenden und Eintrittsgelder.

Solche Bemühungen um den Schutz weltweit bedrohter Arten begrüßen natürlich auch die Naturschützer. Allerdings reicht es nicht, die bedrohten Tiere mit Hilfe von Zoozuchten zu erhalten oder im fernen Afrika Schutzprojekte zu unterstützen. Auch in Deutschland besteht beim Artenschutz dringender Handlungsbedarf – beispielsweise bei der Wildkatze. Sie ist hierzulande fast ausgestorben gewesen. Experten zufolge leben heute wohl wieder 5000 bis 7000 Tiere frei in naturnahen deutschen Laub- und Mischwäldern.

Ein Wegenetz soll der Wildkatze helfen

Um die nach wie vor hoch bedrohte Art zu erhalten, arbeitet der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) seit 2007 an einem Wildkatzenwegeplan: „20 000 grüne Kilometer Waldverbund“ sollen der Wildkatze bundesweit neue Lebensräume und Wandermöglichkeiten erschließen. So haben Naturschützer beispielsweise bei Herrenberg und Nufringen Bäume und Büsche gepflanzt, um der Wildkatze den Weg vom Schwarzwald in den Schönbuch zu erleichtern. Seit Anfang des Jahres wird zudem in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Naturschutz und der Senckenberg-Gesellschaft eine Gendatenbank für die Europäische Wildkatze erstellt.

Aber ist so viel Engagement für eine einzelne – wenn auch stark bedrohte – Art gerechtfertigt? „Dort, wo es der Wildkatze gut geht, fühlen sich auch viele andere Arten wohl“, argumentiert der BUND. In der Tat helfen naturnahe Wälder und Wandermöglichkeiten auch dem Luchs, der Bechsteinfledermaus oder dem Feuersalamander. Und Wildkatzen sind Sympathieträger – Erfolge bei ihrem Schutz lassen sich besonders gut öffentlichkeitswirksam darstellen.

Positive Meldungen sind beim Artenschutz gerade deshalb so wichtig, weil sie so selten sind. Nicht umsonst listet das Bundesamt für Naturschutz (BfN) in seinem nun der Öffentlichkeit vorgestellten ersten Artenschutzbericht prominente Erfolgsbeispiele auf. Dazu gehört neben der Wildkatze und der Kegelrobbe, die wieder in die deutsche Ostsee zurückgekehrt ist, auch der Seeadler. Der majestätische Greifvogel profitiert unter anderem davon, dass Landwirte Ausgleichszahlungen erhalten, wenn sie das Land in der Nähe von Horsten nicht bewirtschaften.

Intensive Landwirtschaft ist das größte Problem

Doch leider ist der Horstschutz eines der wenigen positiven Beispiele, in denen die Landwirtschaft einen Beitrag zum Artenschutz geleistet hat. „An vorderster Stelle der Ursachen für die Gefährdung der Arten stehen intensive Formen der Landbewirtschaftung“, betont das BfN. Ein trauriges Beispiel ist die Feldlerche, deren Gesang früher beinahe über jedem Acker ertönte. So beklagt der Naturschutzbund Brandenburg für sein Bundesland, dass es 1995 noch 600 000 Feldlerchen-Paare gegeben habe, während es zehn Jahre später gerade einmal die Hälfte war. Noch deutlich schlechter geht es dem Rebhuhn, dessen bundesweiter Bestand laut BfN seit 1990 sogar um 90 Prozent zurückgegangen ist. Alle diese Arten leiden darunter, dass ihr angestammter Lebensraum immer lebensfeindlicher wird: Zum einen spritzen die Landwirte viel Gift, zum anderen gibt es immer mehr Mais- und Rapsfelder und gleichzeitig immer weniger Hecken, Baumgruppen, Feldraine und Brachflächen, die als Nahrungs- und Brutreviere dienen.

Deutschland steht bei dieser Entwicklung keineswegs alleine dar, wie der ebenfalls jetzt der Öffentlichkeit vorgestellte Umweltbericht der EU-Kommision und der Europäischen Umweltagentur zeigt. Demnach ist in Europa fast jede dritte Vogelart vom Aussterben bedroht oder steht auf der Warnliste. Besonders alarmierend ist, dass sich die Entwicklung bei jeder fünften der untersuchten Arten in den vergangenen Jahren verschlechtert hat. Auch die Bedingungen in vielen Lebensräumen und sogar in Schutzgebieten haben sich negativ entwickelt.

Der Rückgang ist alarmierend

Die BfN-Präsidentin Beate Jessel fasst diese Entwicklung in klaren Worten zusammen: „Der Zustand der Artenvielfalt in Deutschland ist alarmierend, denn ein Drittel der auf Roten Listen erfassten Arten ist im Bestand gefährdet und weitere Arten sogar ausgestorben.“ Besonders dramatisch ist dieser Trend bei wirbellosen Tieren, beispielsweise Insekten: Hier gelten sogar 46 Prozent der bisher untersuchten gut 6000 Arten und Unterarten als bestandsgefährdet, extrem selten oder bereits ausgestorben. So kommt Jessel zu der bitteren Erkenntnis: „Damit wird bislang auch das nationale Ziel verfehlt, den Verlust der biologischen Vielfalt aufzuhalten.“

Mit einem Acht-Punkte-Programm will das Bundesamt nun gegensteuern. Dazu zählt vor allem eine nachhaltigere und naturverträglichere Nutzung und damit ein besserer Schutz der Lebensräume: eine ökologischere Bewirtschaftung von Agrarflächen, mehr nutzungfreie Wälder und eine bessere Vernetzung naturnaher Landschaftselemente sind dabei besonders wichtige Bausteine. In Bächen und Flüssen müssen Wehre für Wassertiere passierbar gemacht sowie Auen renaturiert und an das Gewässer angebunden werden. Ganz oben auf der To-do-Liste aber steht für das Amt, Programme zum Artenschutz auszubauen und zu ergänzen sowie bestehende Schutzgebiete weiter zu entwickeln.

Unsere Empfehlung für Sie