Umweltschutz Erste Hilfe fürs kaputte Smartphone

Von Lisa Wazulin 

Viele Handyhersteller verführen mit günstigen Neupreisen und hohen Reparaturkosten zum Wegwerfen.Dabei lassen sich Displays und Akkus mit wenig Aufwand leicht austauschen.

Wo liegt der Fehler? Umweltschützer Malte Graefe schaut sich ein Smartphone an, das nicht mehr ordentlich funktioniert. Foto: Horst Rudel
Wo liegt der Fehler? Umweltschützer Malte Graefe schaut sich ein Smartphone an, das nicht mehr ordentlich funktioniert. Foto: Horst Rudel

Esslingen - So hat die 13-jährige Luise Weichelt ihr Smartphone wohl noch nie gesehen: Akribisch zerlegt in zig winzige ­Einzelteile liegt das fast leere Gehäuse des iPhone 4s auf dem Tisch. Das Handy der Schülerin ist eines von vielen defekten Geräten, die an diesem grauen Samstag­nachmittag Mitte November im Repair-Café im Zentrum für Arbeit und Kommunikation in Esslingen repariert werden sollen.

Zum ersten Mal seit der Entstehung des Esslinger Repair-Cafés im März 2015 sollen an diesem Tag nicht nur kaputte Toaster oder Mixer, sondern auch Smartphones repariert werden. Neben den ehrenamtlichen Helfern des Reparaturcafés sind geschulte Mitglieder der Umweltschutzorganisation Greenpeace anwesend. Gemeinsam bieten sie Hilfe zur Selbsthilfe an und zeigen, dass Reparieren statt Wegwerfen auch bei Handys funktioniert. „Wir selbst reparieren nicht, sondern stehen mit Werkzeug und Fachwissen kostenlos zur Seite“, erklärt Greenpeace-Sprecher Ulrich Schwarz das Konzept. Er hat dafür mehrere Smartphone-Repair-Kits gekauft, die von der wohl bekanntesten Plattform für Selbstbastler iFixit stammen.

Dort finden sich neben kostenlosen Reparaturanleitungen auch Ersatzteile für unterschiedliche Handymodelle. Die Ersatzteile müssen die Verbraucher aber selbst mitbringen, auch übernimmt Greenpeace keine Haftung für die Reparatur. „Eigentlich ist das kein Hexenwerk – ­jeder kann das mit ein bisschen Ruhe und ­Interesse“, sagt Stefan Lauterwasser. Der gelernte Fachinformatiker hat sich bei einer Schulung zeigen lassen, wie sich kaputte Displays oder Akkus austauschen lassen und will sein Wissen weitergeben.

Ein Föhn bringt den Klebstoff unterhalb des Handy-Displays zum Schmelzen

Sein Ziel an diesem Nachmittag: Luise Weichelts iPhone zu reparieren. Dazu baut der Bastler das Handy zunächst auseinander. Immer wieder notiert er sich genau den Ort der einzelnen ­Teile, nur um sie dann behutsam in einzelne Schalen zu sortieren. „Das WLAN funktioniert nicht mehr, und der Händler wollte für die ­Reparatur mehr als 200 Euro“, sagt Weichelt. Für die Schülerin ist das Repair-Café die letzte Möglichkeit, ihr altes iPhone doch noch zu reparieren. „Noch habe ich Angst, irgendetwas kaputt zu machen“, sagt ­Weichelt und schaut Lauterwasser schüchtern über die Schulter.

Mit dieser Angst ist sie nicht alleine: Ein Vater und sein Sohn wollen an diesem Tag das gesprungene Display ihres Samsung Galaxy mini austauschen. Gebannt verfolgen die zwei eine Videoanleitung, die sie später gemeinsam mit den Umweltschützern umsetzen sollen. Darin kommt ein einfacher Föhn zum Einsatz, dessen heiße Luft den Klebstoff unterhalb des Displays zum Schmelzen bringen soll. So lässt sich ein kaputtes Display angeblich, ohne Schaden zu verursachen, vom Touchscreen lösen. Trotz ihrer Skepsis wagen sich die ­beiden selbst an die Reparatur. Nach anfänglicher Zurückhaltung und viel heißer Luft lässt sich das Display unter Anstrengung dann tatsächlich unbeschadet lösen.

Aber lohnt sich am Ende das stundenlange ­Selbsttüfteln im Vergleich zur professionellen Reparatur? Das hat sich auch die Stiftung Warentest gefragt und die Reparaturdienste großer Hersteller – darunter Apple, ­Samsung, HTC – sowie drei unabhängige Online-Dienste getestet. Das Ergebnis: Ausgerechnet der Apple-Konzern schneidet beim Test am besten ab. Doch hier wird für den Preis von 207 Euro einfach ausgetauscht, nicht repariert. Allerdings gibt es dabei einige Mankos: Nicht nur sind nach der Reparatur alle persönlichen Daten weg, auch läuft man Gefahr, dass Apple sich wegen angeblich widersprüchlicher Identifikationsnummern schlicht weigert zu reparieren.

Hersteller verführen zur Wegwerfphilosophie

Mit der Note „befriedigend“ bewertete die Stiftung Warentest den Marktführer Samsung und setzte ihn somit noch hinter dem chinesischen Konkurrenten Huawei auf Platz drei. Der südkoreanische Konzern reparierte die defekten Geräte vor Ort zwar einwandfrei für 170 Euro. Doch bei Samsung-Geräten könnten die Nutzer eigentlich noch mehr sparen: Die Modelle lassen sich leicht selbst reparieren – manchmal sogar mit simplen Gebrauchsgegenständen wie eben einem Föhn.

Der Hersteller LG reparierte die defekten Produkte im Test am günstigsten, gerade einmal 127 Euro kostete hier der Austausch von Kopfhörerbuchse und Display. Die Reparatur lohnt sich meist trotzdem nicht: Ein neues Smartphone von LG ist recht preiswert zu haben. So verführen Hersteller immer wieder mit niedrigen Preisen beim Neukauf regelrecht zur Wegwerfphilosophie.

Auf dem letzten Platz des Tests landete der tai­wanische Computerhersteller HTC: Das Unternehmen lehnte zwei von drei ­Handys der Stiftung Warentest ab. Die Begründung: Es seien „keine Ersatzteile mehr lieferbar“. Für die Reparatur des dritten Handys stellte der Hersteller 469 Euro in Rechnung.

Vom alleinigen Selbsttüfteln rät die Stiftung Warentest ab

Verbrauchern, die Geld sparen möchten und Wert auf Nachhaltigkeit legen, empfiehlt die Stiftung Warentest denn auch den Besuch eines Repair-Cafés. Vom alleinigen Selbsttüfteln ohne fachliche Hilfe rät die Verbraucherorganisation jedoch ab.

Wie wichtig Fachwissen ist, zeigt sich auch bei der Repa­ratur des alten iPhone von Luise Weichelt. Zwar funktioniert das WLAN immer noch nicht, ­als Lauterwasser an diesem Tag damit fertig ist. Dafür hat der Experte das Smartphone ­einwandfrei wieder zusammengebaut und die wahre Ursache des Problems gefunden: „Ein defekter Anschluss war’s; das Ersatzteil dafür habe ich schon gefunden“, sagt Lauterwasser. Nun liegt es an Weichelt, ob sie einen weiteren Rettungsversuch wagen will. „Ein bisschen bin ich schon enttäuscht, dass es heute nicht geklappt hat“, gesteht die Schülerin. „Aber ein zweiter Versuch kann ja nicht schaden.“ Sie hat ihre anfängliche Scheu vor der komplizierten Technik verloren. Bei der nächsten Reparatur will sie ihr Smartphone selbst verarzten.