Umweltserie Kurze Wege sind gut für das Klima
Wer sich klimafreundlich ernähren will, sollte öfter auf Fleisch verzichten, darauf achten, wie die Produkte angebaut wurden – und mit dem Fahrrad statt dem Auto zum Einkaufen fahren.
Wer sich klimafreundlich ernähren will, sollte öfter auf Fleisch verzichten, darauf achten, wie die Produkte angebaut wurden – und mit dem Fahrrad statt dem Auto zum Einkaufen fahren.
Stuttgart - Am Anfang hat das Nachbarskind mit angepackt und Beate Hörz geholfen, die Gemüsekisten für ihre Kunden fertig zu machen. Das war vor 25 Jahren, die Packerei war keine große Sache, und ausgeliefert hat die Kisten die Hofchefin noch höchstselbst: Es waren ja nur etwa 20 Abnehmer im Nachbarort. Mittlerweile hat der Biohof Hörz in Filderstadt-Bonlanden (Kreis Esslingen) mehr als 40 Mitarbeiter. Und mehr als tausend Kunden im Umkreis von 30 Kilometern lassen sich regelmäßig Frisches vom Hof nach Hause liefern: 1700 Kisten wurden in der Lagerhalle in der vergangenen Woche gepackt.
Die deutsche Landwirtschaft steuert laut einer Untersuchung des Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft inklusive der Düngemittelproduktion etwa ein Sechstel des gesamten Treibhausgasausstoßes in Deutschland bei. Neben Kohlendioxid sind das vor allem Methan und Lachgas. Diese beiden gelten als noch klimaschädlicher als Kohlendioxid, weil sie, einmal emittiert, nicht mehr gebunden werden können – anders als CO2, das durch Fotosynthese abgebaut werden kann.
Fast drei Viertel dieser Treibhausgase hängen mit der Tierhaltung zusammen – entweder direkt durch die bei der Verdauung entstehenden Gase der Tiere oder durch die intensive Bodennutzung zur Futtererzeugung für die Viehwirtschaft. Wer sich klimaschonend ernähren möchte, reduziert daher seinen Fleischkonsum und kauft regional und saisonal. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung zum CO2-Fußabdruck von Gemüse je nach Herkunft und Anbauart, die das Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (Ifeu) im Jahr 2013 im Auftrag der Marketinggesellschaft Baden-Württemberg erstellt hat. Dafür waren die Treibhausgas-Bilanzen von Tomaten, Eissalat und Weißkohl je nach Anbauart – in beheizten Gewächshäusern, im unbeheiztem Folientunnel, im Freiland – und ihre unterschiedlichen Vermarktungswege untersucht worden.
Die Haupterkenntnis: Regionale und saisonale Produkte aus unbeheiztem Anbau seien aus Sicht des Klima- und Ressourcenschutzes Produkten, die weite Transportwege aus dem In- und Ausland hinter sich haben oder beheizt angebaut würden, vorzuziehen. „Die größten Umweltvorteile werden erzielt, wenn die regionalen und saisonalen Produkte als lose Ware direkt vom Erzeuger über regionale Wochenmärkte vermarktet werden“, heißt es in der Studie.
Insbesondere der beheizte Gemüseanbau kommt schlecht weg, was die Klimabilanz angeht. Bei Tomaten im Winter und Frühjahr hilft alle Regionalität nichts mehr. Um ein Kilogramm Tomaten aus einem beheizten Gewächshaus aus Baden-Württemberg zu ernten, werden etwa drei Kilogramm an Treibhausgasen emittiert, 80 Prozent davon wegen der Heizerei und des Stromverbrauchs. Die gleiche Menge Tomaten, die im Südwesten in einem unbeheizten Folientunnel heranwächst, erzeugt deutlich weniger als ein Kilogramm an Treibhausgasen – ist aber eben auch nicht ganzjährig verfügbar.
Die Studie nimmt aber auch den Verbraucher in Blick. Wer nämlich nur wegen eines Kilogramms Tomaten allerdings mit dem Auto fünf Kilometer zum nächsten Wochenmarkt fährt, hat zwar ein klimafreundliches Produkt gekauft, diesen Vorteil aber im Auspuff des eigenen Wagens wieder verbraten.
Aldi verkauft zurzeit holländische Cocktailrispentomaten für 2,98 Euro das Kilogramm. „Wir können Lebensmittel nicht immer billiger anbieten, wenn unsere Kosten dafür steigen“, sagt Jörg Hörz (56), der Mann von Beate Hörz. Wer nur auf den Geldbeutel achte, der lande nicht beim Direktvermarkter. „Am gesündesten, umweltschonendsten und günstigsten ist man unterwegs, wenn man kauft, was jetzt wächst“, sagt seine Frau.
Die Hörzens merken dafür jeden Lebensmittelskandal, die Fridays-for-Future-Bewegung – und nun die Corona-Krise sofort. Insbesondere Lieferdienste haben wegen der Epidemie gerade Konjunktur. „Unsere Kapazitäten sind am Limit“, sagt die 54-Jährige. „Wir können gerade keine Neukunden mehr aufnehmen.“ Auch der Hofladen ist am Limit. Dort heißt es zurzeit Schlangestehen, weil wegen der Infektionsgefahr nur zwei Kunden gleichzeitig in den kleinen Markt am Hof dürfen. Die ersten stehen schon Minuten vor der eigentlichen Ladenöffnung mit ihren Stofftaschen da und warten geduldig.
Der Bioland-Hof lebt zu 60 Prozent von der Direktvermarktung. Neben den Gemüsekisten und dem Hofladen besucht das Ehepaar Hörz auch Wochenmärkte. Plastiktüten hat es schon vor Jahren abgeschafft, verkauft wird verpackungsfrei. 60 Prozent dessen, was die Hörzens dort verkaufen, stammt aus dem Anbau des Bioland-Betriebs. Auf 20 Hektar Land ziehen sie im Lauf des Jahres 80 unterschiedliche Gemüsekulturen. Sie verzichten auf beheizte Gewächshäuser und nutzen lediglich Folientunnel. Ihr Obst, das sie verkaufen, beziehen sie überwiegend von Kollegen aus der Region. Am Eingang des Hofes steht ein Kühlhaus. Dort können sich Kunden ihre Gemüsekisten auch selbst abholen, wann immer sie wollen; sie haben einen eigenen Zugangscode dafür.
Die Auslieferung der Kisten erfolgt künftig mit dem E-Transporter, der jüngsten Anschaffung. Ein E-Lastenbike ist schon länger im Einsatz. Der Strom kommt vom Dach. Die drei Anlagen liefern jährlich mehr als 200 000 Kilowattstunden, das ist mehr als doppelt so viel, wie der Hofbetrieb selbst benötigt.
„Durch die Corona-Krise haben Bauern auf einmal eine ganz andere Wertigkeit“, sagt Beate Hörz. „Ich würde mir wünschen, dass das auch danach noch anhält. Geld können wir nämlich immer noch nicht essen.“