Umzug im Alter Die letzte Verbliebene auf der Baustelle in Stuttgart Ost

Huri Barlas vor dem Stuttgarter Wohnhaus ihrer 82-jährigen Mutter. Diese lebt noch als einzige in dem Gebäudekomplex der SWSG, der derzeit saniert wird. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

56 Wohnungen in einem Gebäudekomplex mit sozial geförderten Wohnungen im Stuttgarter Osten werden saniert – im unbewohnten Zustand. Eine 82-Jährige wohnt als letzte Mieterin noch dort. Ein Ding der Unmöglichkeit, findet ihre Tochter.

Architektur/Bauen/Wohnen: Andrea Jenewein (anj)

Nicht einmal der Briefträger kommt mehr zu dem Haus in der Wunderlichstraße. „Der denkt, da wohnt niemand, denn da ist ja Baustelle“, sagt Huri Barlas und schüttelt verärgert den Kopf. Doch der Briefträger irrt, wenn auch aus verständlichen Gründen. Denn in einer der 56 Wohnungen des Wohnkomplexes, der nun wie ausgestorben daliegt, wohnt doch noch jemand. Eine 82-jährige Dame, deren Ehemann vor etwas mehr als einem Monat gestorben ist – und die hier bereits seit 40 Jahren lebt. Sie wohnt hier nun nicht nur alleine in ihrer 60 Quadratmeter großen Drei-Zimmer-Wohnung, sondern auch alleine im Gebäude.

 

Über ihr niemand, unter ihr niemand, der Boden ist eiskalt, die Füße von Fatma Aydinli werden nie warm, und der Körper auch nicht. Die Wärme fehlt, obschon die Heizung noch funktioniert. Aber auch die soziale Wärme, das Miteinander und der Austausch mit den Nachbarn, sind längst nicht mehr gegeben.

Fatma Aydinli blieb in der Wunderlichstraße als einzige übrig

Denn in der Wunderlichstraße modernisiert die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG) die 56 Wohnungen – wohlgemerkt in unbewohntem Zustand. „Seit Herbst 2022 sind wir diesbezüglich mit den Mieterinnen und Mietern in Kontakt und suchen für sie neue, ihren individuellen Bedürfnissen entsprechende Wohnungen“, sagt Saskia Bodemer-Stachelski, Sprecherin der SWSG. Ein langer Zeitraum, in der immer mehr Mieter gingen, bis nur noch Aydinli übrig blieb.

Der Briefträger kommt auch nicht mehr – da außer Fatma Aydinli Foto: Max Kovalenko

Auch sie und ihr inzwischen verstorbener Mann hatten freilich von der SWSG alternative Wohnungen vorgeschlagen bekommen. Diese hatte sich das Ehepaar angeschaut – aber nicht bezogen. „Das, was meinen Eltern da angeboten wurde, ging gar nicht. Das war wirklich zum Heulen. Teilweise lagen die Wohnungen direkt an der Kreuzung am Ostendplatz und die Abgase standen in der Wohnung, sobald man das Fenster öffnete, oder im alten Bürgerhospital, aber dort ist weiterhin eine große Baustelle“, sagt Huri Barlas, die sich, zusammen mit ihrem Bruder für ihre Mutter einsetzt – auch bei der SWSG. Die Mietpreise für diese Wohnungen seien noch dazu viel höher gewesen als für die alte Wohnung, für ihre Eltern kaum stemmbar.

Alternativ angebotene Wohnungen waren nicht altersgerecht

Hinzu kam, dass die Wohnungen nicht altersgerecht gewesen seien. Ihr Vater hatte an Alzheimer gelitten, brauchte zudem ein behindertengerechtes Badezimmer, zumindest aber eine Dusche statt einer Badewanne. Doch nichts dergleichen sei dabei gewesen, sagt Barlas. So starb der Vater, bevor es zum Bezug einer neuen Wohnung kam. „Die Zeit vor seinem Tod ist mein Bruder mit meinem Vater dann aus lauter Verzweiflung in die Türkei gegangen, weil es dort leichter war, ihn zu pflegen und zu versorgen“, sagt Barlas.

In ein Heim hätten sie ihn auf keinen Fall geben wollen. Zumal sie das Geld dafür gar nicht gehabt hätten. Zu sich nach Hause konnte Barlas ihre Eltern auch nicht holen, da sie in einer Ein-Zimmer-Wohnung in Botnang lebt und teilweise in Homeoffice arbeitet. „Aber wie kann die SWSG ältere Menschen so dermaßen im Stich lassen?“, fragt Barlas.

Die SWSG sieht das keineswegs so: „Der genannten Familie hat die SWSG mehrere Wohnungsangebote in Stuttgart-Ost, Stuttgart-Mitte und Degerloch unterbreitet“, sagt Bodemer-Stachelski. „Bei allen Wohnungen wurden die individuellen Wünsche und die spezifischen Ansprüche an ein barrierearmes Zuhause der Familie berücksichtigt. Dazu zählt auch, dass die SWSG angeboten hat, mögliche Wohnungen anzupassen und beispielsweise einen Badezimmerumbau vorzunehmen, um eine Badewanne gegen die gewünschte Dusche auszutauschen.“ Barlas bestreitet das.

Neben all den praktischen Aspekten geht es aber nicht auch zuletzt um die Psyche der Bewohner. Ralf Brodda, Geschäftsführer des Mietervereins Stuttgart, weiß, dass ein Umzug für viele ältere Menschen sehr schwierig und herausfordernd ist: „Für sie ist eine solche Situation wirklich dramatisch, die Menschen werden schließlich aus ihrem gewohnten Umfeld herausgerissen“.

Viele Kündigungen wegen Sanierung oder Eigenbedarf

Neben Kündigungen wegen einer Sanierung der Wohnung gäbe es derzeit zudem viele Eigenbedarfskündigungen, denn je enger es auf dem Wohnungsmarkt zugehe, desto eher kauften die Menschen, deren Suche nach Mietraum erfolglos bliebe, eine eigene Immobilie. Er erinnert sich vage, dass es in Berlin der 1980er Jahre mal einen Gesetzesentwurf gab, der besagte, dass Menschen über 60 Jahren nicht gekündigt werden dürfe. „Er wurde nie umgesetzt – aber da steckt genau die Idee dahinter, ältere Mieter zu schützen“, sagt Brodda.

Die SWSG saniert die 56 Wohnungen in der Wunderlichstraße im Stuttgarter Osten. Foto: Max Kovalenko/Lichtgut

Dem Ehepaar Aydinli wurde im Oktober 2024 dann noch eine Wohnung in Möhringen angeboten – eine, die ihren Vorstellungen auch entsprach. „Doch obwohl die SWSG wusste, dass es sich bei meinen Eltern um einen dringenden Fall handelte, wurden noch rund zehn weitere Interessenten durch die Wohnung geschleust“, sagt Barlas. Einige Zeit nach der Besichtigung starb Barlas Vater. Er wurde in der Türkei beigesetzt, die ganze Familie war dort, als der Anruf kam, sie könnten die Wohnung in Möhringen bekommen. „Meine Mutter konnte in dem Moment nicht zusagen, sie war dazu mental außerstande“, sagt Barlas. Wieder zurück in Stuttgart hätte die Familie dann versucht, Kontakt zu der Frau von der SWSG zu bekommen, über die sie die Wohnung vermittelt bekommen haben – doch ohne Erfolg. „Dann saß meine Mutter alleine da mit all dieser Unsicherheit“, sagt Barlas.

Der SWSG zufolge hat sich Geschichte anders zugetragen: „Durch den Tod des Ehepartners musste der Wohnberechtigungsschein jedoch neu beantragt und ausgestellt werden. Auch hier unterstützte die SWSG die Familie in dieser besonderen familiären Situation bei der Beantragung“, sagt Bodemer-Stachelski. Sie fügt hinzu, dass der Mietvertrag der Familie in den kommenden Tagen zugehe, sodass die neue Wohnung noch in diesem Jahr bezogen werden könne.

„Meine Mutter muss jetzt mit 82 Jahren noch einen Minijob machen“

Barlas beruhigt dies nur wenig. Obschon ihre Mutter inzwischen tatsächlich die Zusage bekommen hat und noch in diesem Jahr umziehen kann. Die Kosten für den Umzug bezahlt die SWSG. „Ich werde für die Zeit, in der meine Mutter und mein Vater hier auf einer Baustelle leben mussten, Mietminderung bei der SWSG beantragen“, sagt Barlas.

„Mein Vater und meine Mutter haben jahrzehntelang gearbeitet, sie lagen dem Staat nie auf der Tasche. Nach dem Tod meines Vaters bekommt meine Mutter aber nun noch weniger Rente, sodass sie einen Minijob annehmen musste – auch, weil die neue Wohnung in Möhringen viel teurer ist. Aber wir haben ja keine andere Wahl.“ Sie beklagt, dass die ältere Menschen nicht ernst genommen würden und es generell zu wenig altersgerechte Wohnungen in Stuttgart gebe.

„Uns ist bewusst, dass das Leben in der Wohnung in der Wunderlichstraße derzeit mit Einschränkungen verbunden ist. Daher haben wir die Familie kommunikativ eng begleitet und durch unterschiedliche Maßnahmen individuell unterstützt. Zudem finden in dem bewohnten Gebäude bis zum Auszug der Familie keine Modernisierungsarbeiten statt“, heißt es von Seiten der SWSG.

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