UN-Sonderbotschafterin in Stuttgart Im Namen der IS-Opfer

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Sie ist die Stimme Tausender verschleppter und missbrauchter Jesidinnen: Weltweit wirbt die 23-jährige UN-Sonderbotschafterin Nadia Murad dafür, den IS-Opfern nach dem Vorbild Baden-Württembergs zu helfen. Die Landesregierung baut ihr eine Basis in der Region Stuttgart auf.

Nadia Murad bei einem der derzeit seltenen Stuttgarter Aufenthalte im Park der Villa Reitzenstein Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Nadia Murad bei einem der derzeit seltenen Stuttgarter Aufenthalte im Park der Villa Reitzenstein Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Als Nadia Murad ihre Rede beendet hat, erhebt sich das kanadische Parlament zu stehenden Ovationen. Der Appell der UN-Sonderbotschafterin, die Jesiden als Opfer des „Islamischen Staates“ nicht zu vergessen, hat die Herzen der Abgeordneten erreicht. Einstimmig votieren sie am Dienstagabend (Ortszeit) in Ottawa für eine Resolution. Darin wird der Genozid an der religiösen Minderheit anerkannt, deren Frauen und Kinder im Irak und in Syrien zu Tausenden verschleppt und missbraucht wurden. Die Regierung wird zur Aufnahme jesidischer Frauen und Kinder binnen 120 Tagen aufgerufen – mit Hilfe einer Luftbrücke, die diese Menschen sicher nach Kanada zu bringen soll.

Vorbild ist Baden-Württemberg, das voriges Jahr 1000 traumatisierte Flüchtlinge aufgenommen hat: 940 Jesidinnen, 50 Christinnen und einige Muslima, jeweils mit Kindern. Auch Nadia Murad gehörte zu diesem Sonderkontingent – nun ist sie weltweite Botschafterin der IS-Gräueltaten. Nach ihrem Kanada-Aufenthalt reist die Menschenrechtsaktivistin in die USA weiter, wo sie schon von Mitte September bis Anfang Oktober Dutzende Termine hatte. Die 23-Jährige trifft so häufig Staatsführer und Prominente wie andere ihre Hausnachbarn: die Kanzlerin, den früheren US-Präsidenten, Kanadas Premier, Österreichs Außenminister, den UN-Generalsekretär und viele mehr, „nicht zu vergessen Ministerpräsident Winfried Kretschmann“, wie die junge Frau ergänzt.

Als UN-Sonderbotschafterin ist sie die Stimme der Opfer von Menschenhandel weltweit. In etwa 20 Ländern schon hat sie binnen eines Jahres die Politiker ermahnt, das Leid in ihrer Heimat nicht zu vergessen. Der Europarat hat ihr jüngst einen Menschenrechtspreis verliehen. Zudem ist sie für den Sacharow-Preis des Europäischen Parlaments nominiert, über dessen Vergabe an diesem Donnerstag entschieden werden soll.

Erinnerungen an die Hölle

Gerade war die Vielfliegerin noch für ein paar Tage in Stuttgart. Eigentlich hatte sie vorgehabt, sich etwas zu erholen. Doch die Ruhephase wird unterbrochen von einer Veranstaltung in Hannover, diversen Telefonkonferenzen und Gesprächen im Staatsministerium. Immerhin bleibt noch Zeit für ein einstündiges Gespräch im Nebengebäude der Villa Reitzenstein, dem Sitz des Ministerpräsidenten. Die zerbrechlich wirkende Person mit zaghaftem Händedruck bestreitet es verhalten, aber mit großem Ernst. Die Antworten fallen kurz aus, ihre Erinnerungen an die Hölle schildert sie eher wortkarg. Emotionen versagt sie sich. Ein Lächeln huscht nur vor und nach dem Gespräch über ihr Gesicht, in dem sich eine tiefe Traurigkeit spiegelt. Und Müdigkeit. Hat sie die Tage auch Schönes in Stuttgart erlebt? „Ich habe nichts Erwähnenswertes getan, was sonderlich schön war“, übersetzt die Dolmetscherin den kurdischen Dialekt Kurmandschi. „Aber ich konnte mich ausruhen und meine Schwester treffen, die ich einen Monat lang nicht gesehen habe. Und ich habe mit Verwandten telefoniert, die in den Camps im Irak leben.“ Ihre 30-jährige Schwester Dimal war bereits vor ihr mit dem Sonderkontingent nach Baden-Württemberg gekommen.

Wohnung und Geschäftsstelle in der Region Stuttgart

Das Projektteam der Landesregierung hat Nadia Murad eine Wohnung und eine Geschäftsstelle in der Region Stuttgart beschafft, von wo aus sie eigenständig als Sonderbotschafterin agieren kann. Die Adressen sollen geheim bleiben, der Schriftverkehr wird über ein Postfach abgewickelt, denn Nadia Murad erhält weiterhin Drohbotschaften vom IS. Das Staatsministerium versuche, ihr ein „warmes Nest“ zu schaffen, sagt der zuständige Referatsleiter Michael Blume. Damit sie jederzeit wisse, wohin sie zurückkehren kann. Später soll sie auch Deutschkurse besuchen und eine Ausbildung machen.

Die Region Stuttgart wird demnach ihre neue Heimat – die alte Heimat Nordirak will sie nur aufsuchen, falls sie Einladungen von der kurdischen oder der irakischen Regierung erhält. Es sei sehr gefährlich dort, und die Flüchtlinge müssten in Zelten und Camps ausharren. „Eine Rückkehr für immer kann ich mir gerade nicht vorstellen“, betont sie. „Es müsste ein vergleichbares Leben wie in Deutschland möglich sein, und es müsste uns dort Gerechtigkeit widerfahren.“ Man hat ihr auch angeboten, in die USA überzusiedeln, doch Nadia Murad zieht den deutschen Südwesten vor, was dem Staatsministerium imponiert.

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