UN-Übung in Neuhausen Der Sauhag wird zum Kongo

Fiktiver Hilfseinsatz: Eine Schwangere in einem Flüchtlingscamp muss unter widrigen Bedingungen versorgt werden. Foto: Horst Rudel

Naturkatastrophen, Konflikte, Fluchtwellen – die Welt versinkt in Krisen. Die Vereinten Nationen bilden dafür Helfer aus. So wie jetzt in der Nähe von Stuttgart. Mit Hunderten Beteiligten und dem THW verwandelt sich ein Wald in eine Bürgerkriegszone.

Kriminalität, Sicherheit und Justiz: Jürgen Bock (jbo)

Im Kongo ist es an diesem Tag ungewöhnlich frisch. Während erst noch die Sonne durch die Wolken geblitzt hatte, beginnt es jetzt zu regnen. Das passt zu der tristen Situation, die sich auf der Waldlichtung bietet: Rund 50 Menschen kauern dort auf dem Boden, liegen in einfachsten Zelten aus Planen und ein paar Stöcken oder wärmen sich an einem Feuer. Frauen, Männer und Kinder. Einige von ihnen tragen bunte Gewänder. Es liegt viel Spannung in der Luft in diesem improvisierten Flüchtlingscamp. Ein Bürgerkrieg hat Chaos ausgelöst, hier an der Grenze zu Ruanda treffen Geflüchtete zweier verfeindeter Gruppen aufeinander, die alles verloren haben.

 

Dann fahren zwei Autos vor. Zehn Menschen steigen aus, müssen erst mit den Soldaten an einer Straßensperre diskutieren, bevor sie – auch nach ein paar Zigaretten für die bewaffneten Männer – durchgelassen werden. Sie tragen blaue Westen der UNHCR, der Flüchtlingshilfsorganisation der Vereinten Nationen. Sie sind frisch ins Krisengebiet gekommen, um die Lage zu erkunden und Unterstützung zu organisieren.

Doch es herrscht ein großes Durcheinander. Kinder bestürmen die Helfer, Frauen fordern Wasser, eine Hochschwangere schreit. Die ersten Medien sind eingetroffen und wollen mit gezückter Kamera sofort Interviews. Im Hintergrund brechen derweil Konflikte zwischen einigen Männern aus, und zur Krönung tauchen Kämpfer einer Miliz auf und versuchen, Menschen aus dem Lager gewaltsam mitzunehmen. Es ist ein unübersichtliches und gefährliches Szenario.

Hinweisschilder warnen Spaziergänger

Genauso stellt sich die Situation oft dar, wenn die Vereinten Nationen ihre Leute zu den vielen Krisen rund um den Globus schicken – jetzt wohl auch im Gaza-Streifen. Emergency Response Teams heißen die Mannschaften, die als erste vor Ort eintreffen, die Lage erfassen und Hilfe organisieren müssen. Doch das will gelernt sein – und deshalb ist der Bürgerkrieg im Kongo ein fiktives Szenario. Es spielt nicht in Afrika, sondern in Baden-Württemberg. Genauer im Sauhag, einem Wald bei Neuhausen auf den Fildern im Landkreis Esslingen, der dafür über mehrere Tage in ein Krisengebiet verwandelt wird. Mit weit über 100 Helfern und Laienschauspielern, die den Konflikt nachstellen.

Organisiert wird all das von den Vereinten Nationen und dem Technischen Hilfswerk (THW). Das hat in Neuhausen eines seiner drei deutschen Ausbildungszentren und ist dort unter anderem auf den Auslandsbereich spezialisiert. Geschult werden eigene Mitarbeiter für den Einsatz in anderen Ländern, seit 1999 richten hier aber auch die Vereinten Nationen regelmäßig einwöchige Seminare aus. Teilnehmer sind diesmal 40 Frauen und Männer aus der ganzen Welt von den USA über Südamerika und Afrika bis nach Asien. Sie alle haben in ihren Heimatländern schon für die UNHCR gearbeitet, aber noch nicht international. Auch die 21 Trainerinnen und Trainer kommen aus unterschiedlichsten Ländern.

„Die Leute melden sich dafür, auch auf internationale Einsätze gehen zu wollen“, erzählt Mareike Harms, die für das THW die Trainings organisiert. Nach der Schulung verpflichten sie sich für neun Monate. „Sie sitzen auf gepackten Koffern und müssen bereit sein, innerhalb von 72 Stunden vor Ort einzutreffen, wenn es eine Krise gibt.“ Die Einsätze können dann bis zu drei Monate dauern. Die Trainings dafür dienen auch der Vernetzung der Helferinnen und Helfer untereinander.

Das THW in Deutschland ist von den Vereinten Nationen bewusst ins Boot geholt worden. „Kaum ein Land kann eine solche Organisation bieten“, sagt Jens-Olaf Sandmann, der Leiter des Ausbildungszentrums in Neuhausen. Die Trainings finden in Europa nur in Deutschland, Italien und Norwegen statt. Dementsprechend gibt man sich beim THW viel Mühe und versucht, auch noch ans kleinste Detail zu denken. Theorie und Praxis lösen sich während der Woche ab. „Leider häufen sich die Krisen auf der Welt. Wir simulieren hier ein Szenario, das einer verworrenen Katastrophenlage möglichst nahe kommt“, so Sandmann.

Die Teilnehmer werden unter Stress gesetzt

Dazu gehört auch der mehrtägige Teil im Wald. Der wird dafür zwar nicht gesperrt, aber mit Hinweisschildern an allen Zugängen versehen, damit kein erschreckter Spaziergänger einen Notruf absetzt, was es in der Vergangenheit auch schon gegeben hat. Die umliegenden Gemeinden, Polizei und Behörden sind eingebunden, die Anwohner inzwischen an das Szenario gewöhnt. Die ehrenamtlichen Schauspieler und Helfer kommen hauptsächlich vom THW und von der örtlichen Mozartschule.

Die 40 Seminarteilnehmer leben in einem eigens aufgebauten Zeltcamp am Waldrand, bekommen nur abgepackte Lebensmittel, müssen ihre Einsätze planen und geraten in ungeahnte Situationen. Beim Navigieren durch den Sauhag etwa taucht plötzlich ein Verkehrsunfall auf. Oder man steht vor einer Militärkontrolle. Und landet am Ende in einem Flüchtlingscamp voller Spannungen.

Alessandro Pasta steht am Rand und macht sich Notizen. Der 38-Jährige aus Italien ist einer der Trainer, die die UNHCR abgestellt hat. Er beobachtet genau, wie die Neulinge sich verhalten. „Hier lernen sie die wichtigsten Dinge. Wir stressen sie dabei vom frühen Morgen an. Im Einsatz arbeitet man schließlich auch nicht von 9 bis 17 Uhr“, sagt er. Die Teilnehmer werden in vier Gruppen aufgeteilt und kennen sich vorher nicht, das macht die Aufgabe noch schwieriger. „Sie müssen zusammenarbeiten und einen Plan entwickeln“, so Pasta. Dabei müssen sie besonders vulnerable Menschen wie Kinder oder Schwangere herausfiltern, aber auch Situationen bis hin zur Geiselnahme meistern. „Da wird auch mal einer gekidnappt. Wichtig ist dann, ruhig zu bleiben und die Situation nicht zu verschlimmern“, sagt Pasta.

Auch Bestechung gehört zur Übung

Er weiß, wovon er spricht. Der 38-Jährige ist seit zehn Jahren bei der UNHCR, hat in Mosambik und Kolumbien gelebt und vor sechs Jahren selbst an einem solchen Training teilgenommen. Danach war er bei Einsätzen in Angola und Äthiopien. „Unsere Arbeit ist draußen. Wir müssen dort sein, wo man uns braucht“, sagt Alessandro Pasta. Und gibt im Hinblick auf die Diskussionen über die Zahl Geflüchteter in Europa eine Sache zu bedenken: „Die schlimmsten Flüchtlingskrisen haben wir nicht in Deutschland oder Italien, sondern in armen Ländern. Wir kümmern uns vor Ort um sie und schicken sie nicht nach Europa. Hier sieht man nur die Spitze des Eisbergs.“ Diese Botschaft, hofft er, könne vielleicht manchen zum Nachdenken bringen.

Die Teilnehmer ordnen derweil das Chaos auf der Waldlichtung. Die Soldaten schauen inzwischen weg, wenn sich eine Prügelei anbahnt. Offenbar hat eine der beiden verfeindeten Gruppen im Flüchtlingscamp sie bestochen. Auch das gehört zum Alltag bei Krisen. Dann ist dieser Teil der Übung vorbei. Alle stellen sich im Kreis zur Besprechung auf. Der Regen wird stärker. Nachher geht es für die UNHCR-Helfer kurz unter die Dusche, dann ins Zeltcamp. Es steht eine ungewöhnlich frische Nacht im Kongo bevor.

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