Bei ihnen wird die Erkrankung meist übersehen, weil sie sich ganz anders zeigt: Sie neigen dazu, die Symptome zu kaschieren, die Unruhe und Nervosität wendet sich nach innen. „Frauen mit AD(H)S sind oft enorm ablenkbar, verträumt und sehr sensibel. Sie nehmen sich alles zu Herzen und sie zweifeln schnell an sich selbst“, sagt Astrid Neuy-Lobkowicz, Fachärztin für Psychosomatik und Psychotherapie. Das Risiko für eine zusätzliche Angststörung, Depressionen und Übergewicht ist deutlich erhöht.
Ablenkt und unorganisiert
„AD(H)S wird bei Frauen und Mädchen viel seltener diagnostiziert und behandelt“, sagt die Ärztin. Dabei könnte ihnen rechtzeitig geholfen werden. Von der Aufmerksamkeitsdefizit- beziehungsweise Hyperaktivitätsstörung sind aktuell etwa drei vier Prozent der Menschen weltweit betroffen. Kernsymptome der AD(H)S sind Konzentrationsstörungen, schnelle Ablenkbarkeit und Probleme, sich gut zu organisieren.
„Schnell können AD(H)S-Betroffene chaotisch werden und es fällt ihnen schwer, Arbeiten anzufangen und sie auch zu Ende zu bringen. Besonders Frauen und Mädchen fühlen sich ganz schnell gekränkt, verletzt, angegriffen oder zu kurz gekommen und genau das macht sie immer wieder unsicher. Während Männer häufiger impulsiv sind, implodieren Frauen eher und fressen eben ihre Gefühle in sich hinein. Niemand bemerkt dann, wie verletzt oder wütend sie sind“, so die Expertin.
Heute weiß die Wissenschaft: AD(H)S ist vorwiegend erblich und hat mit einer Veränderung des Botenstoffes Dopamin zu tun. Dieser Botenstoff ist in unserem Gehirn zuständig für Konzentration, Motivation und Stimmungsstabilität. Bei AD(H)S wird dieser Botenstoff zu schnell abgebaut. „Dann steht er nicht mehr ausreichend zur Verfügung, um unsere Netzwerke der Konzentration und Motivation gut zu verschalten. AD(H)S ist eine Störung der Gefühlskontrolle und der Planungsfunktionen“, erklärt die Fachärztin, die auch Mitglied im Vorstand des Vereins ADHS Deutschland ist.
Für AD(H)S gibt es passgenau Medikamente
Behandeln lässt sich AD(H)S heute gut. Es gibt passgenaue Medikamente, die die Menge an Botenstoff Dopamin erhöhen und damit den Mangel ausgleichen. „Aber eben nur diese Medikamente wirken auf die Kernsymptome, und deshalb ist es so wichtig AD(H)S zu erkennen und störungsspezifisch zu behandeln“, sagt Neuy-Lobkowicz: „Antidepressiva und Psychotherapie helfen nicht ausreichend, um AD(H)S gut in den Griff zu bekommen.“
Das Problem bei Frauen und Mädchen: Die Diagnose ist nicht einfach, denn sie versuchen, ihre Probleme zu verbergen. „Sie strengen sich sehr an, damit niemand merkt, wie es schlecht ihnen geht. Und meist sind sie damit auch erfolgreich“, bedauert Neuy-Lobkowicz. „Denn das ist für sie nicht von Vorteil. Wenn ihre Probleme maskiert bleiben, dann bekommen sie auch keine Hilfe.“ Oft schämen sie sich auch dafür, dass sie so langsam, unkonzentriert und vergesslich sind oder dass sie schon wieder alles auf den letzten Drücker und unvollständig gemacht haben.
Anstrengend im Familienleben oder in Partnerschaften sind die schnellen Stimmungswechsel: Oft wissen die Eltern oder der Partner dann nicht, warum schon wieder die Stimmung entgleist ist oder die Partnerin/ die Tochter sich wieder gekränkt fühlt. „Das sind eben die Probleme mit der Gefühlskontrolle“, erklärt die Fachärztin.
„Auch das durch AD(H)S bedingte Chaos, das Aufschieben von wichtigen Tätigkeiten und das ständige Abgelenktsein können Beziehungen sehr belasten.“ Für Mitmenschen ist es oft schwer zu verstehen, warum glühende Begeisterung so schnell in Frust umschlagen kann, wenn etwas nicht so läuft, wie man es sich vorgestellt hat. Das mangelnde Durchhaltevermögen und die oft eingeschränkte Selbstdisziplin können Erfolgskiller sein.
„Eklatante Unterversorgung“ bei AD(H)S
Und das eben auch in Schule und Job. Bei gleicher Intelligenz erreichen diese Frauen und Mädchen oft nicht die Bildungsabschlüsse, die sie mit ihrem Potenzial hätten erzielen können. „Das ist für sie oft niederschmetternd, weil sie sich so anstrengen und dann doch nicht die Leistungen erzielen, zu denen sie fähig wären, wenn ihr AD(H)S behandelt worden wäre“, bedauert Astrid Neuy-Lobkowicz: „Leider besteht bei der Diagnostik und Behandlung von ADHS eine eklatante Unterversorgung. Studien zeigten, dass die AD(H)S-Symptomatik gerade bei Mädchen und Frauen leider von allen Seiten, von Eltern, Medizinern und Lehrkräften unterschätzt wird.“
Vor allem, wenn Mädchen und Frauen unter einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung – ADS – leiden: „Die sind dann eher leise, still, unsicher und schüchtern“, hat die Medizinerin beobachtet. Sie grübeln nachts lange, finden oft nicht in den Schlaf. „Unerkannt können diese Symptome später in Depressionen, ausgeprägten Erschöpfungszuständen, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung münden.“
Zu AD(H)S kommen oft noch Suchterkrankungen
Bei 80 Prozent aller AD(H)S-Betroffenen kommen im Laufe ihres Lebens noch Angst- oder Essstörungen sowie Suchterkrankungen hinzu. „Meist wird dann nur die Begleiterkrankung erkannt und nicht das darunter liegende AD(H)S“, warnt sie. „Oft führt der Weg erst in die Psychotherapie und es vergehen so oft endlose Jahre auf der Suche nach den vermeintlichen Ursachen in der Kindheit, obwohl man AD(H)S so gut behandelt kann. Die Empfehlung für Betroffene im Erwachsenenalter ist zu allererst die Hochregulierung des Botenstoffes Dopamin.“
Um herauszufinden, ob hinter dem eigenen Anderssein wirklich AD(H)S steckt, gibt es allerdings keine einfache Blutuntersuchung oder Tests. „Dafür braucht es ein ausführliches diagnostisches Interview durch einen Facharzt, einer -Ärztin oder einer Psychologin. Und: Die Symptome der AD(H)S müssen auch schon in der Kindheit nachweisbar sein, denn AD(H)S ist in den meisten Fällen eine erbliche, neurobiologische Besonderheit“, erklärt Neuy-Lobkowicz.
Nicht immer muss AD(H)S behandelt werden
Die gute Nachricht: Nicht immer ist AD(H)S behandlungsbedürftig. Wenn Betroffene für sich eine gute Nische gefunden haben, in der sie ihre positiven Seiten wie Kreativität, Flexibilität und Intuition einbringen können, dann kann man mit AD(H)S sehr gut leben. Wenn allerdings die Beziehung oder die Arbeits- oder Lernfähigkeit stark beeinträchtig ist oder es im Familienleben wiederholt in der Kommunikation knirscht, dann sollten die von AD(H)S-Betroffenen störungsspezifisch medikamentös behandelt werden. Nicht jede braucht danach noch eine Psychotherapie. Neuy-Lobkowicz: „Es ist nie zu spät, sich der eigenen AD(H)S zu stellen. Dadurch lässt sich auch im Erwachsenenalter noch viel Lebensqualität hinzugewinnen!“
Ärztin und Autorin
Astrid Neuy-Lobkowicz
weiß, wie es sich anfühlt: Die Fachärztin für Psychosomatik und Psychotherapie ist selbst von AD(H)S betroffen. In ihrem Praxisalltag im München und Aschaffenburg sieht sie, wie oft die Erkrankung nicht diagnostiziert wird – vor allem bei Frauen und Mädchen. Unbehandelt kann AD(H)S aber drastische Folgen haben, ihr Berufs- wie Privatleben stark beeinflussen. Die Mutter von fünf Kindern, von denen drei ADHS haben, hat zu dem Thema das Buch „Weibliche AD(H)S“ geschrieben. Ein Leitfaden für „Dramaqueens und Traumsusen“, wie sie und ihr Umfeld besser mit ihrem Anderssein umgehen und auch die positiven Seiten sehen können (254 Seiten, 18 Euro, Kösel Verlag).
AD(H)S
ist erblich, das weiß man aus der Zwillingsforschung. Deshalb ist es auch nicht selten, dass davon gleich mehrere Familienmitglieder betroffen sind. Es gibt aber auch nicht erbliche Ursachen: Frühgeborene haben häufiger AD(H)S. Rauchen und Alkoholkonsum in der Schwangerschaft sind ebenfalls Risikofaktoren. Ist die Mutter während der Schwangerschaft gestresst, beeinflusst das die Hirnentwicklung ihres Ungeborenen prägend. Auch daraus kann AD(H)S entstehen.