Unbekannter Streetart-Künstler Er mischt Stuttgarts Straßen auf

Von Rebecca Beiter 

Mit Kleister, Edding und freundlichen Botschaften entschleunigt er Stuttgart: Wir haben den Künstler getroffen, der seit Monaten die Innenstadt mit Plakaten dekoriert.

An der Königsstraße hängt seit Dienstag ein neues Plakat, das bereits einigen Passanten aufgefallen ist. Foto: Rebecca Beiter 23 Bilder
An der Königsstraße hängt seit Dienstag ein neues Plakat, das bereits einigen Passanten aufgefallen ist. Foto: Rebecca Beiter

Stuttgart - Entschleunigung und Ausbruch aus dem System sind Begriffe, die in Fred Collants Wortschatz groß geschrieben und mit drei Ausrufezeichen versehen sind. Der Streetart Künstler macht sich viele Gedanken über den Sinn seiner Plakate. Wenn er von seiner Kunst erzählt, schleicht sich dem jungen Mann ein Lächeln ins Gesicht. Er freut sich, dass so viele Stuttgarter auf Instagram oder Facebook Fotos seiner Plakate posten und teilen. „Ich hätte nie gedacht, dass sich irgendjemand wirklich dafür interessiert“, erzählt er.

Der aufmerksame Stuttgarter hat sie schon bemerkt, die Botschaften wie „Ich freu mich dich hier zu treffen“ oder „Heute wird ein guter Tag“. Sie tauchen seit Monaten in der Stuttgarter Innenstadt auf. In bunten Farben auf Plakate geschrieben kleben sie an Wänden, Türen, Stromkästen und den Rückseiten von Straßenschildern. Jede Woche entdecken Passanten neue Sprüche, die Bildergalerie zu diesem Bericht zeigt einige davon. „Sagt die eine Hand zur anderen: Komm lass Mal waschen“, teilte zum Beispiel eine neue Botschaft an einer glatten Fassade in der Königsstraße mit.

Der Unbekannte lädt zum Tee

Stuttgart rätselt, wer hinter der Plakataktion steckt. Einen Namen oder eine Unterschrift sucht man auf den Plakaten vergebens. Fred Collant ist nicht der echte Name des Künstlers, er möchte anonym bleiben. Auch die Autorin, bei der er sich vor einigen Tagen mit einem kleinen Päckchen meldete, wusste nicht, wen sie zum Interview treffen wird. Sein Erkennungsmerkmal: Er bringt eine Kanne Tee zum Gespräch am Schlossplatz mit. „Schwarztee, damit macht man nie etwas falsch“, sagt er.

Der Künstler, der Stuttgarts Streetart aufmischt, ist männlich und um die 30 Jahre alt. Sein Kleidungsstil ist unscheinbar, nur seine bunten Socken stechen ins Auge. Er arbeitet in Teilzeit, seinen Job möchte er nicht verraten. Geld ist ihm nicht so wichtig, „ich möchte lieber Zeit für das Leben und die Kunst haben“. Kunst umfasst für ihn nicht nur die wertvollen Gemälde im Museum. Auch seine Form, simple Streetart auf Plakaten, gehört für ihn dazu. Während er redet, schaut er oft in die Ferne. Er denkt erst lange über seine Antworten nach, doch dann sprudeln sie aus ihm heraus. Seine Wortschwalle enden häufig bei dem Fazit, dass jeder sein Leben mehr genießen sollten.

Mehr Herzlichkeit im Kessel

Fred Collant genießt das Leben, indem er sich Zeit für die Kunst nimmt. Rund 15 Stunden investiert er nach eigenen Angaben pro Woche in die Plakate. Die meisten Sprüche überlegt er sich selbst und schreibt dann Sätze wie „Man lebt nur einmal, warum dann nicht machen, was man wirklich will?“ mit buntem Filzstift auf dünnes Papier. Die Sprüche sind mal mehr, mal weniger tiefsinnig, lustig oder einfach zum Schmunzeln.

Er möchte die Stadt ein bisschen freundlicher machen. Die schwäbische Mentalität ist ihm zu kalt: „Stuttgart ist unpersönlich, die Menschen bauen schnell eine Barriere um sich auf“, sagt er. Der Streetartist ist hier geboren und wohnt seit rund acht Jahren wieder im Kessel. Andere Städte, in denen er lebte, empfand er als offener und freundlicher. Mit Sätzen wie „Lächel mal wieder“ auf seinen Plakaten erhofft er sich, die Menschen in der schwäbischen Landeshauptstadt an ein herzlicheres Miteinander zu erinnern. Manche Sprüche entstanden laut ihm auch nur aus Jux und Tollerei.

Ausbruch aus dem Alltagstrott

Das Essentielle seiner Werke ist für den Streetart Künstler nicht nur der Inhalt. „Die Leute sollen stehen bleiben, kurz aus ihrem Alltagstrott ausbrechen, darum geht es mir“, sagt er. Er beobachtet mit Sorge, dass immer weniger Menschen ihre Umgebung wahrnehmen. Der Blick der Stuttgarter sei nach unten gerichtet, ob mit oder ohne Smartphone in der Hand. Und jeder laufe zielstrebig, schnell, das Schlendern werde zur Seltenheit. Deswegen entwickelte er seinen eigenen Stil. Seine Sprüche schreibt er im Blocksatz auf, korrekte Worttrennung ist dabei zweitrangig. Ein schneller Blick auf die Plakate reicht nicht, um sie zu entziffern. Die bauchige Graffiti-Schrift erschwert das schnelle Lesen zusätzlich. Entschleunigung ist sein Ziel.

Die Plakate hängen an der Grenze zur Legalität

Auch Fred Collant bricht aus seinem Alltagstrott aus, wenn er die Botschaften aufhängt. Er geht mit rund 30 Plakaten bewaffnet spätnachts alleine durch die stille Stadt. Nur dem Stuttgarter Batman sei er einmal nachts begegnet. „Ich mag es einfach, mir die Nächte um die Ohren zu hauen“, sagt er und grinst dabei. Die Plakate klebt er mit Kleister an „gute Spots“, wie er sie nennt. Geeignete Orte sind glatte Oberflächen, an denen viele Passanten entlang laufen, aber auch unbekanntere Ecken, in denen niemand eine nette Botschaft vermutet. Seine nächtlichen Streifzüge sind einer der Gründe, warum er anonym bleiben will. Ganz legal ist seine Plakatierungsaktion nicht, denn er kleistert auch private Wände an.

Die Pressestelle der Staatsanwaltschaft Stuttgart erklärt, dass seine Werke unter Sachbeschädigung fallen könnten, wenn jemand Anzeige erstattet. Graffitis seien im Streetart-Bereich allerdings deutlich schlimmer, da diese aufwendig entfernt werden müssten. Plakate gingen hingegen meist leicht ab. Für Sachbeschädigung liegt die Höchststrafe bei zwei Jahren Freiheitsstrafe oder einer Geldstrafe. Ohne Tatbestand könne man nur schwer einschätzen, inwieweit die Plakate eine Strafe nach sich zögen, erklärt die Staatsanwaltschaft. Doch Kunst dieser Art falle meist, wenn überhaupt, unter eine Geldstrafe. Fred Collant hat noch Glück, bisher scheinen die Botschaften eher zu erheitern als zu stören, angezeigt hat ihn niemand.

Er macht weiter

Die Stuttgarter dürfen sich auch in Zukunft auf Werke des Streetart-Künstlers freuen. Er erzählt, dass er noch so viele Ideen für Plakate habe, die er an Stuttgarts Wänden hängen sehen möchte. Bilder von den Plakaten kursieren seit Wochen im Internet, zum Beispiel auf dem Instagram-Blog notesofstuttgart oder auf der Facebookseite des Stuttgarter Stadtkinds. Selbst fotografiert er seine Werke nicht. Wer auf ein Plakat von Fred Collant gestoßen ist und das Werk mit der Welt teilen möchte, kann ein Foto seiner Entdeckung an stadtkind@stadtkind-stuttgart.de senden.

In unserer Street-Art-Serie Stuttgart berichten wir über weitere Kunstwerke, die das Stuttgarter Stadtbild kreativ verschönern.

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