Undercover-Reportage Gefährliche Alternativen zur Krebstherapie

Von Hristio Boytchev 

Ein Reporter gibt sich bei Alternativmedizinern als Patient aus, um ihre Praktiken kennenzulernen. Obwohl er einen Tumor hat, der sich mit einer Chemotherapie erfahrungsgemäß gut behandeln lässt, raten ihm die Heiler davon ab.

Das Handauflegen hat der Reporter Hristio Boytchev nach seiner Recherche nachgestellt. Foto: Andreas Labes 4 Bilder
Das Handauflegen hat der Reporter Hristio Boytchev nach seiner Recherche nachgestellt. Foto: Andreas Labes

Stuttgart - Ich erzähle immer dieselbe Geschichte: Ich heiße Niko Scholze, ich bin 33 Jahre alt, lebe in Berlin und habe Krebs. Ein Hodgkin-Lymphom, um genau zu sein, also einen Tumor, der die Lymphknoten befällt. Vor einem Jahr habe ich eine Chemotherapie gemacht, der Krebs verschwand, doch nun ist er zurückgekehrt. Mein Arzt dringt auf eine neue Chemo. Das ist zum Glück nur ausgedacht. An Krebs leide ich nur, um Deutschlands Alternativmediziner auf die Probe zu stellen. Was raten Geistheiler und Neugermanische Doktoren, Schamanen und Heilpraktiker einem, der mit einem aggressiven, aber von der Schulmedizin gut behandelbaren Tumor zu ihnen kommt?

Um das herauszufinden, reise ich zusammen mit Claudia Ruby, die sich als meine Studienfreundin ausgibt, quer durch die Republik. Die Journalistin hat für ihren Dokumentarfilm „Krebs – Geschäft mit der Angst“ die Besuche organisiert, auch einen Diagnosebrief, den wir immer vorlegen.

Die Reise führt uns nach Öhringen nördlich von Stuttgart, wo die Heilpraktikerin Ursula Stoll ihre Patienten nach der Methode der „Germanischen Neuen Medizin“ behandelt. Begründet wurde die Lehre von einem gewissen Ryke Geerd Hamer Anfang der achtziger Jahre als Reaktion auf die „jüdische“ Schulmedizin. Mehrere von Hamers Patienten starben. 2007 floh er vor den Behörden – nach ihm wird international gefahndet – nach Norwegen, wo er bis heute als Rektor einer Scheinuniversität auftritt und Bücher verlegt.

„Was ist Krebs?“, fragt die Naturheilerin

Glaubenskern der Germanischen Neuen Medizin: Krankheiten sind Ausdruck eines inneren Konflikts. Ein Hirsch, der aus seinem Revier verdrängt wird, erhöht den Blutdurchfluss zum Herzen, um Kraft zu haben und sein Gebiet zurückzuerobern. Dem Mensch ergeht es ähnlich, wenn er eine Erniedrigung erlebt. Doch er kann seine aufgestaute Energie nicht, wie das Tier, im Kampf freisetzen. Die sinnvolle Überschussreaktion führt zum Herzinfarkt.

Die meisten Heiler, die sich der Germanischen Neuen Medizin verschrieben haben, halten sich bedeckt und werben nur in einschlägigen Foren, Ursula Stoll jedoch offen auf ihrer Website praxis-neue-medizin.de. Stoll praktiziert in einem unscheinbaren Einfamilienhaus, sie trägt ein weißes Hemd und eine Hornbrille, die braunen Haare zum Zopf zusammengesteckt, eine akkurate Gouvernante mit strengem Blick.

Ich fange an, von meiner Krankheit zu erzählen. Stoll unterbricht mich schnell: „Was ist Krebs?“, fragt sie. Man müsse sich von dem Begriff verabschieden. Auch Metastasen gebe es nicht. Den ärztlichen Befund überfliegt sie beiläufig. Ich habe zunächst einmal nur eine Schwellung der Lymphknoten am Hals. Die Ursache: eine Selbstabwertung, und zwar beruflicher Art. Ich erzähle ihr von einem Vortrag, der meinem Chef nicht gefallen hat. Ja, das könne der Grund für die Krebserkrankung sein. Mein Körper versuche, sich selbst zu heilen, doch die erste Chemotherapie habe den Vorgang unterbrochen.

Selbst Schuld, urteilen die Richter oft

Ihr Rat, um den Krebs zu besiegen: ich soll wieder zu meinen Eltern ziehen, das Leben als Single überfordere mich, Berlin sei ohnehin eine furchtbare Stadt. Und ich soll lernen, mich selbst zu lieben. Was ist mit der Chemotherapie? „Ich persönlich würde das nicht machen“, sagt sie, „und für meine Kinder und meine Eltern würde ich genauso entscheiden.“ Eine windelweiche Formulierung, die mir immer wieder begegnet ist – mit der sich die Heiler wohl aus der rechtlichen Verantwortung stehlen wollen, denn Niko Scholze wäre an diesem Rat gestorben. Hodgkin ist heilbar, eine Paradeerkrankung für die Schulmedizin, eine Chemotherapie ist die einzig sinnvolle Option. Macht man sie nicht, stirbt man.

Maia Steinert, Fachanwältin für Medizinrecht in Köln, hat oft die Hinterbliebenen von Kranken vertreten, die sich in ihrer Not an Alternativmediziner gewandt hatten. Wer einem jungen Menschen mit Heilungschancen von mehr als 50 Prozent von einer rettenden Therapie abrät, mache sich der arglistigen Täuschung und Körperverletzung strafbar, sagt Steinert. Doch es sei sehr schwer, vor Gericht eine Strafe durchzusetzen. In der Regel urteilten die Richter, jemand sei selbst schuld, wenn er sich sehenden Auges von einer etablierten Therapie abwende.

Wir haben Ursula Stoll vor der Veröffentlichung dieses Textes kontaktiert und sie gefragt, wie sie ihr Vorgehen rechtfertigt. Per E-Mail wiederholt sie ihre Standpunkte. Eine Chemotherapie schade mehr, als sie nütze, Krankheit sei eine „Selbstregulation“ – und Krebs gebe es nicht.

Unbehelligt darf Ursula Stoll ihr Unheil treiben – als Heilpraktikerin. „Wir brauchen diesen Berufsstand nicht“, sagt Jutta Hübner, Vorsitzende der Arbeitsgruppe „Prävention und Integrative Medizin in der Onkologie” der Deutschen Krebsgesellschaft. Doch solange die Schulmedizin nicht genügend Ansprechpartner anbietet, die sich Zeit für eine ausführliche Beratung und eine empathische Beziehung zum Patienten nehmen, werden charismatische Heiler wohl ihr Publikum finden.