Die bayerische Stadt bewirbt sich mit ihrem historischen Wassernetzwerk als Unesco-Welterbestätte. Am Wochenende fällt in Aserbaidschan die Entscheidung.

Augsburg - Der Holbeinplatz in der Augsburger Altstadt ist voll mit Menschen. Einige sitzen im Schatten, andere stehen in einer Gruppe um den kleinen Brunnen herum. „Hier können Sie Augsburgs leckeres Trinkwasser probieren“, sagt die Stadtführerin und hält ihre Hände zur Schale geformt unter den Wasserstrahl. Einige der Touristen haben bereits ihre Trinkflaschen gezückt. Ein älterer Herr mit Sonnenhut nimmt einen Schluck und nickt anerkennend. Es schmeckt, das Augsburger Wasser. Aber die eigentliche Besonderheit, die es damit auf sich hat, schmeckt man nicht heraus.

 

Seit 800 Jahren werden die Bürgerinnen und Bürger in Augsburg mit sauberem Trinkwasser versorgt. Was heute für uns selbstverständlich ist, war in früheren Jahrhunderten purer Luxus. An diesem Wochenende könnte Augsburg für sein jahrhundertealtes Wassermanagementsystem, für die Kanäle, Kraftwerke, Wassertürme und Brunnen im Stadtgebiet von der Unesco zur Welterbestätte ernannt werden. Mehr als acht Jahren hat die drittgrößte Stadt in Bayern auf diese Entscheidung hingearbeitet. Seit vergangenen Montag tagt in Aserbaidschan das Gremium. Mit Augsburg haben sich noch 35 andere Städte und Regionen aus der ganzen Welt beworben, darunter auch die Montanregion Erzgebirge/Kruśnohoří und der westliche Abschnitt des Donaulimes als ehemalige Grenze des Römischen Reiches. Am Samstag oder Sonntag wird die Entscheidung der 21 stimmberechtigten Ländervertreter erwartet.

In Augsburg steht nicht ein kulturelles Denkmal im Mittelpunkt, sondern ein Netzwerk

Aber was macht die Wasserversorgung in Augsburg weltweit einmalig? Martin Kluger holt tief Luft, bevor er antwortet. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem historischen Augsburg, schrieb Bücher darüber, und er brachte das Thema Wasser für die Weltkulturerbe-Bewerbung ins Spiel. „Im Stadtgebiet liegen zahlreiche hydrologische Denkmäler an einem Kanalsystem von insgesamt 156 Kilometer Länge. Wasserwerke, Wassertürme und die Brunnen versorgten die Bewohner früh mit Trinkwasser. Und die Wasserkraft war der Grund dafür, dass sich die Stadt zu einer Hochburg für Kunst und Handwerk entwickelt hat. Die Handwerker konnten ihre Maschinen mit dem Wasser antreiben.“

Anders als bei anderen Bewerbern steht in Augsburg nicht ein kulturelles Denkmal im Mittelpunkt, sondern ein zusammenhängendes Netzwerk aus verschiedenen Epochen. 22 Denkmäler sind in die Bewerbung eingeschlossen. Darunter die drei Monumentalbrunnen aus dem 16. Jahrhundert, die mit stattlichen Bronzefiguren von Kaiser Augustus, Merkur und Herkules bestückt sind und von damaligen Stars der Bildhauerszene wie Adriaen de Vries und Hubert Gerhard hergestellt wurden. „In Augsburg wusste man schon immer, wie wertvoll und wichtig das Wasser für die Stadt ist“, sagt Kluger. Deshalb sehen einige der historischen Wasserwerke aus wie kleine Schlösser.

„Das Thema Wasser könnte ein Vorteil sein“

Dank Aufzeichnungen und Dokumenten im Stadtarchiv sowie der größtenteils noch vorhandenen Architektur weiß man sehr viel über das historische Wassersystem. Etwa, dass im 14. Jahrhundert Augsburger Goldschmiede die Technik der Wasserhebung aus Bergbaugebieten in den Kaparten und dem Erzgebirge nach Augsburg brachten. Ein wertvolles Wissen, denn so konnte mit der Kraft des Wassers selbst Trinkwasser in die Stadt befördert werden. „Was wir aber nicht wissen“, sagt Kluger, „wieso in Augsburg so früh das Trinkwasser vom Fließwasser getrennt wurde. Das war völlig untypisch für die damalige Zeit.“ Um 1500 galt der Konsens: Wenn Wasser fließt, ist es genießbar. Hygienestandards gab es nicht.

Der internationale Denkmalrat Icomos berät das Welterbe-Komitee und hat eine Empfehlung dafür ausgesprochen, Augsburg in die Reihe der Welterbestätten aufzunehmen. „Das Thema Wasser könnte ein Vorteil sein“, sagt Kluger. „Es ist ein Zukunftsthema, das die Menschheit noch stark beschäftigen wird.“ Außerdem dürfte die Kombination aus Kultur- und Industriedenkmälern mit technischen und kunstgeschichtlichen Facetten gut in die sogenannte „gap list“ passen. Eine Liste, die aufzählt, in welchen Bereichen die Unesco noch Nachholbedarf in Sachen Welterbestätten sieht.