Unesco zeichnet aus Welterbe-Ehre für Bayerns Schlösser
Die fantastischen Bauten des bayerischen Exzentrikers Ludwig II. sind Unesco-Weltkulturerbe. Neben Neuschwanstein betrifft es drei weitere Paläste.
Die fantastischen Bauten des bayerischen Exzentrikers Ludwig II. sind Unesco-Weltkulturerbe. Neben Neuschwanstein betrifft es drei weitere Paläste.
Die Busse kommen jeden Tag einer nach dem anderen, die Reisegruppen steigen aus. Rauf zum Schloss Neuschwanstein, Besichtigung, Handy-Fotos, danach Souvenir-Läden, Schweinsbraten oder Kaffee und Kuchen. Abfahrt. Rund eine Million Besucher werden jährlich in Neuschwanstein in den Allgäuer Alpen nahe Füssen gezählt, ein absoluter bayerischer Hotspot.
Das Schloss, das architektonisch als umstritten angesehen wird, erhielt nun mit drei weiteren Bauten des „Märchenkönigs“ Ludwig II. den höchsten Ritterschlag. Die Unesco hat sie zum Weltkulturerbe erklärt. In Deutschland gibt es nun 55 solcher Stätten, darunter sind etwa die Berliner Museumsinsel, der Kölner und der Aachener Dom oder die Klosterinsel Reichenau im Bodensee.
Als „Gebaute Träume“ bezeichnet die Bayerische Schlösserverwaltung die ausgezeichneten Neuschwanstein, Schloss Linderhof, Schloss Herrenchiemsee sowie das weitaus weniger bekannte Königshaus am Schachen südlich von Garmisch-Partenkirchen. Sie stehen nicht nur für den Erbauer und Exzentriker Ludwig II., sondern für historisierende Architektur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Romantisch-verklärend orientierte man sich an früheren Epochen und Stilen, baute diese nach.
Ludwig II., der „Kini“ ( bayerisch: König), betrieb den Historismus bis zum Exzess. Schloss Neuschwanstein etwa, erbaut von 1869 bis 1892, könnte man als Fake bezeichnen. Es stellt ganz und gar eine mittelalterliche Ritterburg dar, welche aber 600 Jahre zuvor errichtet worden war. Schloss Herrenchiemsee wiederum, auf der Herreninsel im Chiemsee gelegen, war als Versailles konzipiert. Das Schloss der französischen Könige allerdings wurde im Barockstil erbaut und 1682 fertiggestellt, also zwei Jahrhunderte vor Herrenchiemsee. Schloss Linderhof wiederum, in der Nähe von Ettal gelegen, ist dem Rokoko des 18. Jahrhunderts verschrieben.
Trotz dieses stilistischen Wirrwarrs haben die vier Ludwig-Bauten jährlich 1,7 Millionen Besucher aus Deutschland, Europa, USA, Asien. Wie viel Geld Neuschwanstein als größter Magnet in den bayerischen Staatshaushalt spielt, wird nicht veröffentlicht. Mit Sicherheit ist es ein größerer Teil der insgesamt rund 82 Millionen Einnahmen, die für 2024 verbucht wurden.
Gerade bei Neuschwanstein wird immer wieder vom Phänomen des „Overtourism“ gesprochen, das bedeutet, dass ein Ort zu viele Besucher anzieht und dies negative Folgen hat. Zweifellos ist das Märchenschloss ein touristischer Ausnahmeort. Bei einer Abstimmung in der Gemeinde Schwangau, ob man überhaupt Weltkulturerbe werden möchte, stimmten vor zwei Jahren 56 Prozent der Bürger dafür. Schwangau hat nur rund 3300 Einwohner, zählt aber jährlich 850 000 Übernachtungen. Viele leben vom Tourismus. Die Haltung zum Welterbe lautet: Noch mehr Besucher werden es dadurch auch nicht. Die Ludwig-Schlösser sind eh schon eine Welt-Marke.
Die Schlösserverwaltung lobt die Königsbauten über den grünen Klee. Auch 150 Jahre nach ihrer Entstehung übten sie über alle Kulturgrenzen hinweg „eine ungebrochene Faszination aus“, so die Behörde. Sie seien „Gesamtkunstwerke“. So wird dieser Unesco-Zuschlag in den kommenden Tagen und Wochen begeistert gefeiert werden. Der um großes Eigenlob selten verlegene CSU-Ministerpräsident Markus Söder meint: „Neuschwanstein ist Bayern pur.“ Und über den Erbauer Ludwig II. haut er einen Satz raus, der so schrill und gleichzeitig schief ist, wie das nur wenige neben Söder fertig bekommen: „Ich sehe ihn als einen James Dean von Bayern.“ James Dean spielte in den 1950er-Jahren in drei Filmen den jungen, zornigen, rebellischen und unverstandenen Mann. Mit nur 24 Jahren kam er bei einem Autounfall in seinem Porsche ums Leben, was ihn zugleich zur Legende werden ließ.
Gut, Ludwig II. ist auch zur Legende gemacht worden. Er gilt als Exzentriker, als Melancholiker, als Nachtmensch. Wie sehr er seine Seele nach außen kehrte, lässt sich nicht nur an den Schlössern als Gebäuden sehen. Sondern vor allem an der opulent-fantasievollen Ausstattung des Inneren. Da gibt es unzählige Bezüge zu vergangenen Zeiten, zu Musik, gibt verspielte Neuerungen. Der Leuchter im Thronsaal von Neuschwanstein etwa ist einer byzantinischen Krone nachempfunden, Gewicht eine Tonne. Der Sängersaal ein Nachbau des Raumes in der Wartburg. Mit Neuschwanstein huldigte Ludwig II. dem von ihm hoch verehrten Richard Wagner.
Doch war der Monarch auch ein Förderer neuester Technik. Im Badezimmer von Neuschwanstein gab es fließendes Wasser, damals eine absolute Neuheit. In die fantastische Venusgrotte in Schloss Linderhof erzeugten schon 1878 insgesamt 24 Dynamos Elektrizität, um die Grotte farbig zu beleuchten. Die Siemens AG lobte ihn deshalb als „Pionier des Stromzeitalters“.
Das alles genoss Ludwig II. ganz für sich allein, die Schlösser hatten keine Funktionen etwa für Empfänge. „Eskapismus“ wird dem schwulen König bescheinigt – Realitätsflucht. Die sich in einer Art von Bausucht äußerte, ein Ersatz für soziale Kontakte, welche der Monarch mehr und mehr vermied. Viele seiner Projekte blieben Träume. Mit seinen Bauprojekten trieb er das Königreich in den Bankrott. Am 9. Juni 1886 entmündigte ihn die bayerische Staatsregierung wegen Geisteskrankheit. Man brachte ihn nach Berg an den Starnberger See. Am 13. Juni kam es zu einem Kampf von ihm mit dem Psychiater Bernhard von Gudden im See. Nach offiziellem Gutachten ertrank Ludwig II. Sein Sarkophag steht in der Wittelsbachergruft in der Münchner Michaelskirche.