Stuttgart - Plötzlich hat der Polo-Fahrer keine Chance mehr – und jetzt steht in Möhringen eine Straßenlaterne schief. Am Mittwoch gegen 9.10 Uhr ist der Kleinwagen im Bereich der Widmaierstraße auf eisglatter Fahrbahn ins Rutschen geraten und gegen die Laterne geprallt. Der Schaden: 1500 Euro. Mehrere Tausend Euro Schaden sind es tags zuvor auf der Haugstraße in Stuttgart-Vaihingen, als eine 57-jährige Ford-Fahrerin auf glattem Untergrund mit ihrem Wagen gegen einen geparkten BMW schlittert.
Das Glatteis hat Stuttgart erwischt. Die Filder mit ihrer Höhenlage waren am Dienstagabend und Mittwochmorgen besonders betroffen. „Kurz vor Mitternacht hat eine Streife den Streudienst nach Möhringen in die Rembrandtstraße beordern müssen“, sagt die Polizeisprecherin Monika Ackermann. Den hätte gegen 23.40 Uhr auch ein 50-jähriger Motorradfahrer quasi am anderen Ende der Stadt am Kelterplatz in Zuffenhausen auch brauchen können – beim Sturz mit seiner Maschine wurde er leicht verletzt. Doch ein Chaos mit Hunderttausenden Euro Blechschaden, wie bei solchen Witterungsverhältnissen in Stuttgart üblich, ist indes nicht ausgebrochen. Denn arg viel mehr als diese Kleinunfälle hat die Stuttgarter Polizei nicht registrieren müssen. „Durch die Corona-Einschränkungen ist das Verkehrsaufkommen in Stuttgart auf einem niedrigen Niveau“, sagt Polizeisprecherin Ackermann, „Das zeigt sich auch an den niedrigen Unfallzahlen.“
Unfall-Minusrekord zum Jahresbeginn
Am Neujahrstag 2021 ist in Stuttgart das Rekordtief aller Zeiten erreicht worden: sieben Unfälle an einem Tag – im gesamten Stadtgebiet. Selbst beim ersten Corona-Lockdown hatte es an einem Tag immerhin noch elf Karambolagen gegeben. Dass die Unfallzahlen 2020 landesweit deutlich rückläufig sind, ist ein eindeutiger Trend, der vorerst auch für 2021 gilt.
Dies zeigt der Montag, der erste Arbeitstag nach den Weihnachtsferien: An diesem Tag hat die Polizei 59 Unfälle aufnehmen müssen, der bisher höchste Wert. „Im Vergleich ist das aber dennoch wenig, weil auch diese Zahl deutlich unter dem Durchschnitt liegt“, so die Polizeisprecherin. Der statistische Durchschnitt lag zuletzt bei 71 Verkehrsunfällen. Kein Wunder: Viele Berufspendler sind im Homeoffice, Einzelhandel und Gastronomie sind geschlossen. Und auch die Nachtschwärmer sind derzeit nicht unterwegs.
Selbst ein Streudienst-Lkw
Selbst die mehr als 20 Glatteisunfälle in den Kreisen Böblingen und Ludwigsburg am Dienstag und Mittwoch sind eine glimpfliche Bilanz: „Es ist einfach weniger los auf den Straßen“, sagt die Ludwigsburger Polizeisprecherin Yvonne Schächtele. In der Vergangenheit hatte es in solchen Fällen auch schon mal binnen eines Tages 40 bis 60 Glätteunfälle gegeben.
Dass die überfrierende Nässe in der Nacht zum Mittwoch bei „normalen“ Verkehrsverhältnissen durchaus mehr hätte anrichten können, zeigen die Unfälle auf der B 464 bei Böblingen-Hulb. Um 1.20 Uhr durchbricht ein schlitternder Lkw-Anhänger die Mittelleitplanke, um 3.15 Uhr schleudert ein Streudienst-Lkw der Autobahnmeisterei in die Böschung. In Großbettlingen (Kreis Esslingen) prallt ein 22-Jähriger mit seinem Mercedes gegen einen Baum – auf Sommerreifen.
110 Tonnen Salz in Stuttgart
Nicht alles wird der Polizei gemeldet: Ein junger VW-Fahrer, der gegen 8.50 Uhr in der Scheffelstraße im Stuttgarter Westen gegen ein geparktes Auto rutscht, sucht selbst nach der Besitzerin in der Nachbarschaft. Ein Lieferant schimpft am Unfallort: „Wo ist eigentlich der Streudienst gewesen?“ Die wichtigsten Straßen seien bereits am Dienstagnachmittag „mit Sole vorgesprüht“ worden, „weil der Wetterdienst für den Abend überfrierende Nässe vorhergesagt hat“, heißt es beim städtischen Betrieb AWS. Auf den Hauptverkehrsstraßen und Busrouten seien bis 6 Uhr 110 Tonnen Salz gestreut worden.