Unfall bei Schönaich: Eine 94-jährige Frau, die im Wagen des 92-jährigen Unfallverursachers (graublaues Auto) saß, kam ums Leben. Foto: SDMG
Nach dem schweren Unfall in Schönaich, den ein 92-jähriger Mann verursacht hat, kommt die Frage nach der Verkehrstüchtigkeit von Senioren und in diesem Fall sogar Hochbetagten auf.
Der schwere Unfall, der an Palmsonntag in der Nähe von Schönaich passiert ist, zählt zu den besonders schweren in diesem noch jungen Frühjahr. Den Unfall verursacht hat laut Polizeiangaben ein 92-jähriger Mann. Es war wahrscheinlich seine Frau, die neben ihm saß.
Die 94-Jährige wurde so schwer verletzt, dass sie an den Folgen im Krankenhaus gestroben ist. Der Mann selbst wurde ebenfalls schwer verletzt. Auch in dem anderen Fahrzeug sind Menschen teils schwer verletzt worden. Ein hochdramatischer Unfall. Und zugleich stellt sich schnell die Frage nach der Sicherheit und dem Fahrkönnen von Senioren und in diesem Fall Hochbetagten.
Zu dem Unfall war es gekommen, weil der 92-Jährige von Neuweiler kommend nach links Richtung Schönaich abbiegen wollte und dabei den entgegenkommenden Mercedes eines 49-Jährigen übersehen hatte. Die beiden Autos prallten frontal zusammen.
Ob der 92-Jährige aus Unachtsamkeit den Mercedesfahrer übersehen hat oder weil er vielleicht womöglich sehbeeinträchtigt war, kann die Sprecherin des Polizeireviers Ludwigsburg, Yvonne Schächtele, nicht sagen. Kollegen hätten den Unfall aufgenommen – und im Polizeibericht sei direkt vermerkt, dass ein Gutachter hinzugezogen wurde. Das sei ein durchaus übliches Vorgehen bei so hochbetagten Verkehrsteilnehmern und der Tragweite des Unfalls.
Aber auch die Befragung nach einem solchen Unfall gestalte sich schwierig, vielleicht noch schwieriger als bei jüngeren Verkehrsteilnehmern. Woran erinnern sich die Verunglückten noch? Und: Wann können sie überhaupt befragt werden? „Das kann Wochen dauern“, erklärt die Sprecherin.
Man sieht, dass im Honda auch die Airbags ausgelöst haben. Foto: SDMG
Unfälle mit sehr alten Verkehrsteilnehmern erregen immer die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Schnell wird gefragt: Muss denn der oder diejenige noch Auto fahren? Muss man so Hochbetagten den Führerschein gar abnehmen – einfach, weil sie eine Gefahr für sich und andere seien? Aber tatsächlich sind ältere Verkehrsteilnehmer nicht häufiger an Unfällen beteiligt als jüngere – wobei die Statistik da nicht sehr schmeichelhaft ist: Ab 65 wird man nämlich schon zu den Alten gezählt. Etliche Statistiken machen dann noch eine weitere Unterscheidung ab 75 Jahren.
Im Kreis Böblingen sind 2025 sieben Senioren getötet worden
Die Anzahl der Verkehrsunfälle unter Beteiligung von Seniorinnen und Senioren – wie gesagt, ab 65 Jahren – stieg im Kreis Böblingen im vergangenen Jahr um 6,6 Prozent. Betrachtet man die Entwicklung der vergangenen fünf Jahre, so zeigt sich: Die Zahlen steigen jedes Jahr, wenn auch nicht stark. Das wird wahrscheinlich aber auch mit der immer älter werden Bevölkerung zusammenhängen. Von rund 1170 Unfällen mit Älteren (bei mehr als 30 000 Unfällen insgesamt) sind allein 344 Vorfahrtsverletzungen, dicht gefolgt von Unfällen beim Abbiegen, Wenden oder Rückwärtsfahren (283 Fälle). Allerdings: Es sind sieben Menschen bei sehr schweren Unfällen getötet worden – so viele, wie nie zuvor.
Eines zeigt die Statistik nämlich auch: Menschen ab 65 Jahren sind überproportional häufig in schwere Verkehrsunfälle verwickelt. Das gilt landes- und bundesweit. Im Jahr 2024 lag gemäß Angaben des Statistischem Bundesamts ihr Anteil an allen Verunglückten bei 14,9 Prozent. Bei den Verkehrstoten waren es allerdings 39,7 Prozent.
Körperliche und geistige Mängel als Unfallursache
Im vergangenen Winter hat die Björn Steiger Stiftung eine Untersuchung veröffentlicht zu den Ursachen für Unfälle, bei denen Senioren beteiligt waren. Demnach seien von älteren Menschen verursachte schwere Verkehrsunfälle häufig auf medizinische Notfälle zurückzuführen. Die Forscher haben Daten von 230 000 Unfällen ausgewertet, die von der Polizei aufgenommen wurden. Laut der Analyse für die Jahre 2021 bis 2024 seien unter den Unfallverursachern im Alter von 75 bis 84 Jahren in 13 Prozent der Fälle „sonstige körperliche oder geistige Mängel“ Unfallursache gewesen – Platz zwei hinter der nicht beachteten Vorfahrt (17 Prozent). Bei den über 85-Jährigen seien Vorfahrtsfehler und „körperliche und geistige Mängel“ in je 17 Prozent der Fälle als Ursache festgestellt worden.
Der Mercedes landete auf der Seite. Auch in diesem Wagen sind Menschen teils schwer verletzt worden. Foto: SDMG
Im Gegensatz dazu: Bei den Verursachern im Alter von 25 und 64 Jahren machten „körperliche und geistige Mängel“ nur vier Prozent der Unfallursachen aus. „Je älter der Verursacher des Unfalls, umso häufiger sind körperliche und geistige Mängel die Ursache“, sagte Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung bei der Björn Steiger Stiftung.
Am Mittwoch meldete die Polizei: Ein 83 Jahre alter Mann ist in Nürtingen (Landkreis Esslingen) schwer verletzt worden. Der Mann hatte die Kontrolle über seinen Wagen verloren – vermutlich aus medizinischen Gründen, wie die Polizei mitteilt. Er rammte zunächst ein Verkehrsschild und krachte dann bei Rot auf einen anderen Wagen.
Senioren als Verkehrsteilnehmer
Blick auf Europa Das Statistische Bundesamt hat (Zahlen von 2020) die Zahlen von getöteten Seniorinnen und Senioren im Alter von 65 Jahren und älter bei Straßenverkehrsunfällen in den Mitgliedstaaten der Europäischen Union je eine Million Einwohnerinnen/Einwohner veröffentlicht. Demnach lag Deutschland auf Platz 7 mit 49 getöteten Senioren pro eine Million Einwohner. Auf Platz eins liegt Schweden (37). Am gefährlichsten ist es für Seniorinnen und Senioren in Rumänien (128).
Stiftung Die Björn Steiger Stiftung mit Sitz in Winnenden (Rems-Murr-Kreis) wurde im Jahr 1969 von Ute und Siegfried Steiger gegründet, nachdem ihr Sohn nach einem Verkehrsunfall an den Folgen unzureichender Notfallversorgung verstarb. Seitdem engagiert sich die Stiftung für die Verbesserung des Rettungswesens. Auch viele Verkehrsthemen zählen dazu.