Unfall beim „TV Total Turmspringen“ Das Spiel mit dem Risiko

Von Antje Hildebrandt 

Der Schauspieler Stephen Dürr verunglückt beim Training für Stefan Raabs Fernsehshow „TV Total Turmspringen“. Das weckt schlimme Erinnerungen. Doch Experten warnen davor, den Unfall als Indiz dafür zu werten, dass TV-Unterhaltung wegen der Quote immer unkalkulierbarere Risiken eingehe.

Stephen Dürr Foto: dpa 44 Bilder
Stephen Dürr Foto: dpa

Berlin - Es ist sein 50. Sprung vom Dreimeterbrett. Turmspringen als TV-Ereignis. 49 Mal ist alles gut gegangen, dann passiert etwas, mit dem keiner rechnet. Statt mit den Händen schlägt der ehemalige Soap-Schauspieler Stephen Dürr (38, „Alles, was zählt“) mit der Stirn zuerst auf die Wasseroberfläche auf. Sein Kopf wird in den Nacken gerissen, er verrenkt sich Halswirbel. Der Vater zweier kleiner Töchter schafft es noch an den Beckenrand. Dann bringt ihn ein Rettungshubschrauber ins Krankenhaus. Vorläufiges Fazit dieser Mutprobe: Lähmungserscheinungen in Armen und Beinen. Es bestehe der Verdacht, dass das Rückenmark beim Aufprall beschädigt worden sein könnte, berichtet die „Bild“-Zeitung. Dürr sei vorübergehend sogar ins künstliche Koma versetzt worden.

Das war am Mittwoch. Inzwischen ist der Hamburger jedoch offenbar wieder ansprechbar. Das Blatt zitiert ihn mit den Worten: „Mein erster Gedanke war: ,Bitte, lieber Gott, lass mich nicht gelähmt bleiben! Lass mich nicht im Rollstuhl enden! Dann wurde mir schwarz vor Augen.’“ Ein Foto zeigt Dürr auf der Intensivstation. Sein Kopf ist mit einer Halskrause fixiert.

Wo fängt die Verantwortung der Sender an?

Sein Management bestätigte am Freitag den Unfall. „Mir geht es den Umständen entsprechend. Ich finde es sehr schade, dass ich beim Turmspringen nicht dabei sein kann“, sagte Dürr laut einer Mitteilung von ProSieben. Der Schauspieler sei in ein Berliner Krankenhaus gekommen. Sein Zustand sei am Freitag unverändert gewesen, hieß es vom Management.

Das Foto vom bettlägerigen Dürr weckt schlimme Erinnerungen an einen anderen Unfall. Man denkt an Samuel Koch, den jungen Kunstturner, der sich im Dezember 2010 in der ZDF-Show „Wetten, dass . . .“ vor laufender Kamera das Genick brach. Er ist querschnittgelähmt. Der unglückliche Aufprall beim Turmspringen in einem Berliner Schwimmbad wirft eine Frage auf, die immer dann reflexartig aufkommt, wenn im Fernsehen ein Unfall passiert. Wie viel Risiko dürfen Spielshows den Kandidaten zumuten? Wo fängt die Verantwortung der Sender an, wo hört sie auf?

Es war nicht der erste Unfall in der Geschichte des „TV Total Turmspringens.“ Im Jahr 2010 prallte Elton, der ewige Pro-Sieben-Showpraktikant, beim Salto rückwärts aus fünf Meter Höhe mit dem Gesicht auf das Wasser auf. Er kam mit einem blauen Auge davon.

Der Moderator Daniel Aminati hatte ein Jahr zuvor weniger Glück. Noch heute kursiert im Internet ein Video von „Daniels Horrorsprung“. Man sieht, wie er aus zehn Meter Höhe mit dem Rücken auf die Wasseroberfläche aufschlägt. An den Oberschenkeln platzen Adern, Aminati klagt über Rückenschmerzen, doch er beißt die Zähne zusammen und wiederholt den Sprung – diesmal fehlerfrei.

Stefan Raab lud ihn anschließend zu „TV Total“ ein, um die Szene vom Klatscher immer wieder zurückzuspulen. Der Entertainer ist dafür bekannt, dass er sich selbst auch nicht schont. Gewinnen wollen um jeden Preis, das ist sein Erfolgsrezept.

Stefan Raab geht selbst aufs Ganze

Als er im April 2010 mit dem Mountainbike in seiner Show „Schlag den Raab“ stürzte, rappelte er sich auf und schaffte es noch über die Ziellinie – trotz Gehirnerschütterung. Seinen Kollegen Aminati verlieh er für den Rückenklatscher die „Goldene TV-Tapferkeitsmedaille in Silber“. Der Ausrutscher als PR-Gag.

Stephen Dürr hat allem Anschein nach weniger Glück gehabt. Trotzdem warnen Experten davor, den Unfall hochzuspielen. „Dass sich jemand beim Sprung vom Dreimeterbrett den Halswirbel verrenkt hat, höre ich zum ersten Mal“, sagt etwa Werner Alt, Fachreferent für Turmspringen beim Deutschen Schwimmverband. Er spricht von einer Verkettung unglücklicher Zufälle und davon, dass man sich eine solche Verletzung überall anders hätte zuziehen können. Das Risiko beim Turmspringen hält der Profi für überschaubar.

Auch der Medienpsychologe Jo Groebel mag Dürrs Sturz nicht als Indiz dafür werten, dass die TV-Unterhaltung immer unkalkulierbarere Risiken eingehe, um die Quote anzukurbeln. Er sagt: „Das war ein ganz normaler Sportunfall.“

Mit dem Sturz von Samuel Koch könne man ihn nicht vergleichen. Und selbst Koch hat inzwischen öffentlich beteuert, er alleine trage die Verantwortung für den Unfall. „Ich würde es wieder machen.“ Bei Pro Sieben wird man solche Äußerungen erleichtert registriert haben. Das Turmspringen am 24. November finde auf jeden Fall statt, sagte ein Sprecher. Ob die Szene vom Sturz bei den Proben gezeigt wird, ließ er offen.