Der operierende Arzt Professor Ulrich Liener (li.) im Marienhospital mit dem Artisten Dmitriy Grygorov. Foto: Dmitry Grygorov
Der im Weltweihnachtscircus Stuttgart beim Hochseilakt abgestürzte Artist macht wieder erste Übungen und will wieder auftreten. Lob kommt von seinem Arzt.
Schockmoment im Weltweihnachtszirkus in Stuttgart: Am 5. Januar stürzen zwei Luftakrobaten von Flight of Passion aus mindestens fünf Metern Höhe in die Tiefe. Während Artistin Daria Verbitskaya nach fünf Tagen aus der Klinik entlassen wurde, musste ihr Partner Dmitriy Grygorov mit seinen schweren Fußverletzungen im Marienhospital deutlich länger bleiben. Vor fünf Wochen konnte er das Krankenhaus schließlich verlassen und ist zurück in Mannheim, wo er lebt.
Grygorov selbst ist sehr froh und dankbar, im Marienhospital so gut von einem „Dream-Team“ wie er sagt, umsorgt gewesen zu sein. „Mir geht es gut“, sagt der 49-Jährige im Telefongespräch. Gerade kommt er von der Lymphdrainage zurück. Er war von 5. Januar bis 14. Februar in der Stuttgarter Klinik und hatte sich in der Zeit sechs Operationen unterziehen müssen. Jetzt muss er noch sehr vorsichtig sein und darf die Füße nicht belasten.
Großes Ziel: Im Oktober im Palazzo in Mannheim auftreten
Am 8. April hat er den nächste Nachschautermin bei Professor Ulrich Liener, Ärztlicher Direktor der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie im Marienhospital. Dann weiß er mehr, wie es weitergeht, je nachdem, was die Computertomografie zeigt. Wenn alles klappt, kann er bald beginnen, mit Krücken zu laufen. „Im Oktober will ich gerne im Palazzo in Mannheim wieder auftreten, das ist mein großes Ziel und meine große Motivation“, sagt der Artist. In Mannheim wird er in einem Rehazentrum weiterbehandelt.
Zum Unfall im Weltweihnachtscircus am 5. Januar kann er nur sagen, dass es sehr schnell gegangen sei und sehr unerwartet. Er habe noch versucht, Daria zu greifen. Doch schon seien sie am Boden gewesen. Und Artist Florian Richter habe ihn davon abgehalten, wieder aufzustehen, was gut war, weil es ja mit den gebrochenen Fußgelenken nicht ging. Zur Unfallursache sagt Grygorov: Nach seiner Meinung sei es zum Absturz gekommen, weil eine Art von Karabiner am Seil gerissen sei. Es sei ein technischer Fehler gewesen, so der Artist. Es war nicht sein erster Unfall. 1996 ist er im Kiewer Nationalcircus in der Show aus zehn Metern Höhe heruntergefallen und hat sich damals die Arme und Beine gebrochen.
Mit offenen Frakturen beider Sprunggelenke ins Krankenhaus
Doch die Folgen des aktuellen Unfalls waren einiges komplexer, wie der operierende Arzt Liener erklärt: Nach dem Absturz aus einer Höhe von fünf Metern sei der Artist mit schwersten, offenen Frakturen beider Sprunggelenke ins Marienhospital eingeliefert worden. Die besondere Schwierigkeit habe darin bestanden, dass im Bereich des Sprunggelenks kaum schützendes Weichteilgewebe vorhanden sei. Durch die exponierte Lage des Knochens direkt unter der Haut habe ein extrem hohes Infektionsrisiko bestanden. Deshalb sei eine sofortige, mehrstufige operative Versorgung der zertrümmerten Knochen erforderlich gewesen. Aufgrund der Komplexität der Verletzungen mussten die Eingriffe in mehreren Schritten durchgeführt werden samt Rekonstruktion der knöchernen Strukturen und Knochentransplantation. Nebst Verwendung einer Kunsthaut zum Schutz vor Infektionen wurde ein Muskellappen aus dem Oberschenkel entnommen und erfolgreich transplantiert zur Durchblutung und zum Schutz der Gelenkregion.
Liener freut sich: „Dem Patienten geht es den Umständen entsprechend gut.“ Die Transplantate seien stabil angewachsen. Aktuell gelte ein striktes Verbot der Vollbelastung beider Extremitäten, bis die knöcherne Heilung vollständig abgeschlossen ist. Der Arzt lobt den Artisten: „Er zeigt jedoch eine außergewöhnliche Motivation und hat bereits mit ersten physiotherapeutischen Trainingseinheiten begonnen. Sein erklärtes Ziel ist die Rückkehr in die Manege.“
Trotz der Schwere der Zertrümmerung und der Komplexität der Weichteilrekonstruktion ist der Mediziner vorsichtig optimistisch: „Wenn der Heilungsprozess weiterhin ohne Komplikationen verläuft und die intensive Rehabilitation konsequent fortgesetzt wird, ist eine Wiederherstellung der berufsspezifischen Belastbarkeit mittelfristig ein realistisches Ziel. Sein körperlicher Zustand vor dem Unfall und sein eiserner Wille sind hierbei seine größten Verbündeten.“
Produzent Henk van der Meijden: Sind dankbar für die gute Hilfe
Grygorov ist froh, dass die Versicherung des Weltweihnachtscircus die Behandlungskosten zahle. Der 49-jährige sieht sich sehr gut betreut auch vom Weltweihnachtscircus und dem Produzenten. Über die positiven Nachrichten und Fortschritte bei der Genesung freuen sich der Zirkuschef Dalien Cohen und der Produzent des Weltweihnachtscircus, Henk van der Meijden: „Wir sind selbstverständlich sehr zufrieden mit der schnellen und positiven Genesung von Dmitriy. Sie gehören schließlich zu den besten Künstlern der Welt, und sie haben aus dieser Kunst ihren Act und ihr Leben gemacht – dazu gehört auch ein gewisses Risiko. Wir hoffen, sie in Zukunft wieder engagieren zu können und sind sehr dankbar für die gute Hilfe, die er erhalten hat – und natürlich auch für Daria.“ Sie habe eine Halswirbelprellung erlitten und einen Monat lang eine Halskrause getragen. Sie sei wieder in Kiew zu Hause und es gehe ihr gut, weiß Grygorov.
Akten sind jetzt bei der Staatsanwaltschaft
Indes sind die Ermittlungen der Polizei zu dem Absturz im Weltweihnachtscircus abgeschlossen. Die Akten wurden am 20. Januar an die Staatsanwaltschaft Stuttgart übergeben, wie Stefanie Ruben, Sprecherin der Staatsanwaltschaft auf Nachfrage erklärt. Dabei seien auch mehrere Videos von Zuschauern beigefügt gewesen, die den Unfall gefilmt haben. „Die Ermittlungen werden mit dem Verdacht auf fahrlässige Körperverletzung geführt“, so Ruben. Geprüft werde unter anderem ein Verstoß gegen Vorgaben des Arbeitsschutzes respektive der Arbeitssicherheit. Die Ermittlungen dauern an. Ein Tatverdacht gegen eine bestimmte Person habe sich bislang nicht ergeben, so Ruben.