Besprechung der Notfallseelsorger mit weiteren Einsatzkräften am Unfallort in Horb Foto: Juergen Lueck
Timo Stahl (51) ist nicht nur Pfarrer in Dornstetten. Er leitet auch die Psychosoziale Notfallversorgung im Kreis. Wie er den Einsatz an der Horber Hochbrücke erlebt hat.
Michelle Fabienne Holderied
23.05.2025 - 08:15 Uhr
Wie umgehen mit dem Erlebten?Mit dem Schrecken, dem Schock? Wie weiterleben, wie sich selbst helfen? Bei diesen Fragen versucht die Notfallseelsorge Betroffenen nach einem traumatischen Ereignis – wie dem Absturz der Gondel an der Hochbrücken-Baustelle in Horb am Dienstag – zu unterstützen, wie der Schwarwälder Bote berichtet.
Der Pieper klingelt, der Diensthabende alarmiert sofort den Leiter der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) im Kreis Freudenstadt, Timo Stahl. Der Pfarrer ist seit 27 Jahren auch in der Notfallseelsorge tätig. Nach kurzen Gesprächen mit Polizei, Rettungsdiensten und der Feuerwehr ist bereits klar, dass bei diesem Einsatz ein Team nicht ausreichen wird. Ein Zweites wird hinzugezogen.
Gegen 13 Uhr erreichen die Notfallseelsorger die Unfallstelle. Vor Ort herrscht Chaos: Überforderung, Trauer und Sprachlosigkeit sind spürbar. 70 bis 100 Personen seien sowohl unmittelbar als auch mittelbar an dem Einsatz beteiligt gewesen, berichtet Stahl. Er entscheidet sofort alle verfügbaren Kräfte der PSNV einzuschalten. Innerhalb einer Stunde stehen elf Helfer zur Unterstützung am Unfallort: „Die haben alles liegen und stehen gelassen, um in einen ganz anderen Ort im Landkreis zu fahren“, erzählt Stahl voller Dankbarkeit für den Einsatz aller Helfer.
Einfach da sein
An der Unfallstelle führt der erste Weg der Notfallseelsorger zur Einsatzleitung um weitere Informationen zum Geschehen einzuholen. „Bevor ich helfen kann, muss ich erst einmal verstehen, worum es geht“, sagt Stahl. Dann, erzählt er, mischen sich die Notfallseelsorger unter die Betroffenen. Schauen, wer etwas zu Essen oder Trinken braucht, ob jemand sich über das Geschehene austauschen möchte oder einfach ein offenes Ohr braucht.
Man versuche, in diesem Moment nur für die Betroffenen da zu sein, erzählt Stahl. Im zweiten Schritt sei es wichtig, eine räumliche Distanz zu schaffen – auch deswegen pausiere die Baustelle nun.
Von insgesamt 67 Einsätzen im laufenden Jahr sei dieses Ereignis „objektiv von der Dimension der Tragödie und den Einsatzzahlen am gravierendsten“, sagt Stahl sichtlich bedrückt.
Raum für Trauer schaffen
In den Stunden und Tagen nach einer Tragödie wie dem Absturz der Gondel in Horb versuchen die Notfallseelsorger einfach da zu sein, schildert Stahl die Vorgehensweise. Allen Betroffenen bestmöglich zur Seite zu stehen, Einzelbetreuungsgesprächen anzubieten. Auch an der Einrichtung einer Gedenkstätte sind die Notfallseelsorger beteiligt. Gemeinsam mit der Stadt Horb schaffen sie einen Raum für die Trauer.
24 Stunden nach dem Unfall gibt es eine erneute Besprechung mit den Einsatzkräften von Feuerwehr und Rettungsdiensten. Diesmal wird der Einsatz rekapituliert und die Geschehnisse reflektiert.
Blumen erinnern an die Opfer der Tragödie. Foto: Juergen Lueck
Es ist auch der Raum „um Dinge auszusprechen: Da ist etwas passiert, wo wir alle davor Angst haben, dass wir jemals so etwas erleben müssen“, sagt Stahl mit belegter Stimme.
Der Einsatz in Horb ist für die Helfer in mehrere Hinsicht herausfordernd. Auch, was das zeitliche Pensum angeht. Als Notfallseelsorger sei man in der Regel einige Stunden im Einsatz. „Nicht über Tage und schon gar nicht über Wochen. Das ist jetzt eine Ausnahmesituation“, erklärt Stahl.
Drei Tage nach der Tragödie, am Freitag, beendet die Notfallseelsorge den Einsatz. Heißt: Die Helfer gehen nun nicht mehr aktiv auf die Betroffenen des Unglücks zu. Stehen jedoch zur Verfügung, falls sie kontaktiert werden. „Wir agieren jetzt nicht mehr gezielt, wir reagieren nur noch falls jemand auf uns zukommt“, beschreibt es Stahl.
Die Notfallseelsorge ist ein ökumenisch getragener kirchlicher Dienst, erzählt Stahl. Immer wieder begegnen ihm vor diesem Hintergrund auch Vorurteile. „Bei Notfallseelsorge und Kirche denken Leute oft nur an Glauben, Beten und Bibel. Das stimmt allerdings nicht, es geht nur um den Menschen und die Situation, dabei kann Glaube durchaus helfen, muss es aber nicht“, erklärt Stahl.
Ihn bewegt seine Arbeit sehr: „Sie ist wichtig, denn Menschen können auf eine gewisse Art dadurch erleben, was Menschlichkeit bedeutet.“