Ungarn Genuss aus dem Jammertal

So mancher Winzer verbringt hinter diesen Türen mehr Zeit als im heimischen Wohnzimmer: Kellerdörfer wie das malerische Villánykövesd sind charakteristisch für eine von Ungarns spannendsten Weinregionen. Foto: Rometsch
So mancher Winzer verbringt hinter diesen Türen mehr Zeit als im heimischen Wohnzimmer: Kellerdörfer wie das malerische Villánykövesd sind charakteristisch für eine von Ungarns spannendsten Weinregionen. Foto: Rometsch

Als „Bordeaux des Ostens“ wird Villány gerne bezeichnet. Das kleine Städtchen im äußersten Süden Ungarns zählt 2800 Einwohner, darunter 400 Weinbauern.

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Villány - Wie an einer Perlenschnur gezogen reihen sich die kleinen Giebelhäuser mehrere Hundert Meter entlang der Straße. Allesamt weiß getüncht wirken sie mit ihren bunten Türen zunächst wie eine Ansammlung von Garagen mit zu klein geratenem Tor. Doch die Häuschen beherbergen keine gewienerten Karossen, sondern Schönheit und Reichtum der Region von ganz anderer Art. Hinter den reich verzierten Holztüren werden von alters her Trauben gekeltert. Ein paar Treppenstufen tiefer lagern in langen Kellergewölben die edlen Gewächse, die zum Besten gehören, was Ungarn an Weinen zu bieten hat, und auch internationale Vergleiche längst nicht mehr scheuen müssen. Die Weinroute zwischen den Örtchen Villány und Siklós, 40 Kilometer südlich der Regionshauptstadt Pécs, war 1994 die erste und ist bis heute die meistbesuchte Weinstraße Ungarns.

Allein das rund 2800 Einwohner zählende Dorf Villány lockt pro Jahr rund eine halbe Million Touristen an. Die Gäste werden mit viel Herzlichkeit empfangen und mit schweren Rotweinen bewirtet. Der Traubensaft sicherte vermutlich bereits in der Zeit der Kelten vielen Familien den Lebensunterhalt. Das ist bis heute so, und die besten unter den Winzern sprechen hervorragend Deutsch. Denn eigentlich ist Villány eine deutsche Stadt namens Wieland. So sehen es jedenfalls ihre deutschstämmigen Bewohner. Sie sind die Nachfahren der Donauschwaben, die im 17. Jahrhundert nach Südungarn kamen, um das durch den Türkenkrieg entvölkerte Gebiet zu besiedeln. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden viele von ihnen vertrieben. Auch die Tiffáns sollten 1947 ausgesiedelt werden. Doch sie entzogen sich dem Zugriff des Staates, indem sie sich drei Jahre lang bei Bekannten in einem Nachbardorf versteckten. Als sie zurückkamen, bewohnten andere ihren Hof. „Es war schwer für meine Eltern, mich aufs Gymnasium zu schicken. Sie sind arm gestorben“, erinnert sich der 72-jährige Ede Tiffán.

„Der Titel hat mir die Tür zu den Restaurants aufgestoßen“

Heute gehören ihm 24 Hektar Weinberge, in den Lagen Sterntal, Teufelsgraben und Jammertal. Der letztgenannte Flurname soll auf die Vertreibung durch die Türken zurückgehen. Grund zum Jammern haben heute aber weder die Winzer noch ihre Gäste. Denn was hier entsteht, ist großer Genuss. Ede Tiffán ist der wohl einzige gelernte unter den 400 Winzern des Städtchens. 27 Jahre lang arbeitete der Diplom-Ingenieur für Weinbau und Kellerwirtschaft im Staatsweingut, leitete die Weinsektion in der örtlichen LPG, der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft. Schon zu Zeiten des Kommunismus hat die Villányer Genossenschaft die besten Budapester Restaurants beliefert.

Auch seiner eigenen Reputation hat die Tätigkeit für den Staat keinen Abbruch getan: Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs gründete er 1989 seinen eigenen Betrieb. 1991 wurde er als Erster zum ungarischen Winzer des Jahres gekürt und genießt bis heute höchstes Ansehen bei seinen Kollegen. „Der Titel hat mir die Tür zu den Restaurants aufgestoßen“, erinnert sich der hagere Mann mit dem weißen Schnurrbart und der leisen Stimme. 10 000 Flaschen hat er damals produziert. Heute sind es 150 000 Flaschen pro Jahr. Von der Terrasse seines Anwesens schweift der Blick auf den Flickenteppich aus grün, rot, braun und gelb gefärbten Rebparzellen. Die Region ist gesegnet von der Natur. Die Temperaturen sind hier im Durchschnitt um ein Grad höher als in anderen Regionen Ungarns, der Mittelmeereinfluss sorgt für ein hervorragendes Rotweinklima.

Schmecken kann man das vor allem in der Grande Selection, eine Cuvée aus Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und Merlot. Nur zwischen 1400 und 4000 Flaschen produziert Tiffán von diesem Spitzenwein, der eineinhalb Jahre in französischen Holzfässern ausgebaut wird und ein Lebenspotenzial von 20 bis 25 Jahren hat. Die Trauben dafür wachsen am Steilhang Kopár. „Die wärmste Lage in Ungarn“, wie Tiffán sagt. „Ein Villányer war früher kein Villányer, wenn er keinen Weinberg und Keller hatte“, sagt Tiffán. Noch heute zählt der Ort rund 400 Weinbauern, von denen aber nicht mehr jeder selbst produziert, viele verkaufen ihre Trauben auch. So etwas würde Attila Gere nicht in den Sinn kommen. Er macht alles selbst. Vom Weinberg über den Keller bis hin zur Verkostung im eigenen Restaurant. Wem das nicht genug ist, der kann sich im Hotel auch noch einer auf Trauben und Wein basierenden Wellness-Behandlung hingeben. Eigentlich hat Attila Gere Förster gelernt. Doch nach seiner Hochzeit 1978 hängte er den Beruf an den Nagel.

Lohnenswert ist ein Ausflug nach Nagyharsány

Fortan war nicht mehr der Wald, sondern der Weinberg sein Arbeitsplatz. Nicht seiner Frau Katalin wegen, sondern weil das Paar von deren Eltern als Hochzeitsgeschenk einen kleinen Weinberg geschenkt bekommen hat, 2500 Quadratmeter. Heute umfasst das Weingut 80 Hektar. Auch Gere war schon Winzer des Jahres (1994), auch er ist Donauschwabe und spricht Deutsch. In seinen Weingärten gedeihen die Klassiker Blaufränkisch und Portugieser, die Franzosen Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und Syrah, Exoten wie Barbera und Tempranillo. Und immer wieder Merlot, Geres Lieblingssorte. Die besten Trauben landen im Solus, einem samtig-feinen Wein, der bei Blindproben auch schon Frankreichs Elite hinter sich lassen konnte. Auch abseits des Weins hat die Region in Südungarn viel zu bieten: Lohnenswert ist ein Ausflug in das wenige Kilometer entfernte Nagyharsány.

Am Fuße des spitz herausragenden Berges Szársomlyó (442 Meter) liegt ein alter Steinbruch, der in den vergangenen Jahrzehnten zu einer großen Freilichtwerkstatt ungarischer und ausländischer Bildhauer umfunktioniert wurde. Ihre schönsten Objekte sind in einem Skulpturenpark mitten im Naturschutzgebiet zu sehen. Wer die Geschichte Ungarns auf einem einzigen Quadratkilometer erleben möchte, der ist in Pécs an der richtigen Stelle. Die Kulturhauptstadt 2010 mit dem deutschen Namen Fünfkirchen hat seit der Römerzeit bis heute alle Kulturen bewahrt und ist seit dem Jahr 2000 Unesco-Welterbe.

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