Stuttgart - Die Läden bleiben zu. Mit jedem weiteren Tag, an dem kein Überbrückungsgeld fließt, mit jedem weiteren Tag ohne Kunden und Umsatz, schwindet die Hoffnung der Händler, die Coronakrise zu überstehen. Die Zeit läuft gegen den Handel. Auch auf andere Weise. Denn aus der Entwöhnung beim Shoppen könnte Gewohnheit beim derzeitigen Einkaufsverhalten werden. „Wenn das Ganze vorbei ist, wird die Welt des Handels eine andere sein“, sagt etwa Frank Rehme, einer der profiliertesten Handelsexperten im Land. Auch das Institut für Handelsforschung (IFH) Köln, ein Marktforschungs- und Beratungszentrum für den Einzelhandel, spricht von einer „Stärkung der Bequemlichkeit“ bei den Konsumenten. Will sagen: In der Coronakrise wechseln viele zum Online-Kauf auf der Couch.
Schon jetzt fragen sich daher viele: Was wird aus den Innenstädten? Verliert die Stadt ihre Grundlage, die auf Handel beruht? Die gleiche Frage stellt sich noch dringender für die Einkaufszentren. Das Gerber hat lange vor der Pandemie die Reißleine gezogen. Ein Hotel und Bürofläche sollen die Mall, die nie beim Kunden angekommen ist, retten. Aber was wird aus dem Milaneo? Wie steht es um den Stuttgarter Einkaufstempel der ECE? Immerhin dachte auch ECE-Chef zuletzt laut über „ergänzende Nutzungsformen wie Hotels, Wohnen, Büros, Fitnessstudios und Freizeitvergnügen“ seiner Center nach. Denn Experten sind sich einig: Rund ein Fünftel der Fläche wird in Zukunft nicht mehr für den Handel benötigt werden. Das gilt für Innenstädte ebenso wie für Malls. Der Blick in die USA zeigt dies: Dort hat das Sterben der Einkaufscenter schon längst begonnen. Im Wochenrhythmus schließt dort ein ehemaliger Sehnsuchtsort des Konsums nach dem anderen.
Poul wechselt nach Frankfurt
Ein Alarmsignal auch für die ECE. Natürlich gibt es unter den etwa 60 Einkaufscentern in Deutschland unterschiedliche Ertragslagen und Passantenfrequenzen. Offenbar gehört das Frankfurter Center „My Zeil“, das 2009 eröffnete, zu einem der Problemkinder der ECE. Denn schon 2016 wurde das Konzept runderneuert. Jetzt aber sind an diesem Standort offenbar die Besten gefragt. So kommt es, dass das Milaneo seine Centermanagerin Andrea Poul im siebten Jahren verliert. „Mich schmerzt der Abschied“, sagt Poul, „denn das Milaneo war mein Baby. Aber ich gehe jetzt auch mit Begeisterung die neue Aufgabe an.“
In Frankfurt erwartet sie eine „Herausforderung an einem Prestige-Objekt“, die sie offenbar nicht schreckt. Denn in Stuttgart habe sie sich einen guten Ruf erarbeitet. Hier kämpfte sie anfangs nicht nur gegen äußere Widerstände der Stadtgesellschaft und des konkurrierenden City-Handels, sondern zuletzt auch gegen die allgemeine Strukturkrise: „Keiner in der Stadt wollte dieses Center“, sagt sie, „und dann ist auf einmal der Knoten geplatzt.“ In der Anfangszeit zählte die Centermanagerin täglich 100 000 Besucher im Schnitt.
Auch jetzt sind die Zahlen im Milaneo laut Poul passabel geblieben: „Alle haben auch bei uns große Verluste erwartet. Aber wir standen vor dem Lockdown stabil da.“ Warum das Milaneo mitten in der größten Krise des Handels eine Ausnahme darstellt, kann auch Andrea Poul nicht eindeutig erklären. „Vielleicht liegt es an der zweiten Stadtbahnhaltestelle Budapester Platz. So haben wir es zuletzt geschafft, dass die Hälfte der Besucher mit dem ÖPNV gekommen ist.“ So kamen angeblich im Jahr 2019 täglich im Schnitt insgesamt 30 000 Besucher und im Coronajahr 2020 immerhin noch 70 Prozent davon.
Zehn Prozent Leerstand im Milaneo
Aus Sicht der scheidenden Center-Managerin übergibt sie nun an ihren Nachfolger Dirk Keuthen (zuletzt Marstallcenter Ludwigsburg) ein „geordnetes Feld“, aber auch „große Aufgaben“. Denn trotz der zuletzt guten Auslastungen sei auch das Milaneo mit seinen 200 Läden und einer zehnprozentigen Leerstandsquote vor der allgemeinen Entwicklung nicht gefeit. Der Grund ist auch die Abhängigkeit von den großen Filialisten. Als Beispiel nennt Poul die Insolvenz der größten deutschen Friseurkette Klier: „Wenn so ein Großer in die Knie geht, bist du machtlos.“
Doch trotz Lockdown und einer drohenden Insolvenzwelle im Handel ist der neue Center-Manager Keuthen guter Dinge, das Milaneo auf Kurs zu halten. „Ich werde versuchen, die Auswirkungen der Coronasituation zu moderieren und auszupendeln“, sagt er und meint damit vermutlich, die Gespräche mit den existenzbedrohten Mietern um Nachlässe. Zudem will Keuthen, der sich im Sportfachhandel seine Meriten verdiente, beim Thema Breitensport punkten. Als Zugpferd soll die Eröffnung von Decathlon im Herbst 2021 dienen. „Die Verbindung von Sport und Emotionen hat Decathlon stark gemacht“, sagt er und hofft vom Erfolg des neuen Ankermieters zu profitieren.
Zuletzt war Decathlon mit einer so genannten Connect Filiale (50 m² Fläche, Eröffnung 2016) auf der unteren Königsstraße vertreten. „Durch die größere Verkaufsflächen im Milaneo haben wir nun die Möglichkeit ihre Bedürfnisse besser zu bedienen”, sagt Expansionsleiter Stefan Kaiser. Der neue Standort legt Schwerpunkte auf Produkte aus den Bereichen Rad-, Bergsport und Fitness, allerdings sollen Waren für 100 verschiedene Sportarten zu finden sein. Außerdem sollen alle Sportarten in der Filiale in Testzonen ausprobiert werden können. Kaiser nennt das „Shopping Experience“. Ob sich damit der allgemeine Trend aufhalten lässt? Zumindest scheint es ein Ansatz zu sein, das Image des monostrukturierten Einkaufscenters aufzumöbeln.