Ungewöhnliche Architektur im Land Klare Kante: Das preisgekrönte Wow-Haus im Weinberg

Blick auf die Westfassade und seitlichen Garten: Daniel Henecka baute das Haus für die Familie Klumpp in den Weinberg hinein. Foto: Stephan Baumann, bild_raum

Ob in der Region Stuttgart, im Schwarzwald oder im Kraichgau: Zwischen Weinreben findet sich oft spektakuläre Architektur. Zu Besuch im preisgekrönten Domizil der Familie Klumpp.

Bauen/Wohnen: Tomo Pavlovic (pav)

Architektur im Weinberg? Das war früher kein Thema. Für die Menschen, die im Weinberg schufteten, gab es einfache Unterstände, wohin sie sich bei Blitz und Regenguss, aber auch zum Schutz vor der Mittagssonne zurückzogen. Im Schwäbischen heißen diese Vorläufer des Tiny Houses Wengerthäusle.

 

In Frankreich war das allerdings schon ein wenig anders, was man sehr gut an den Etiketten auf den Flaschen und den darauf befindlichen großen Namen und gezeichneten Schlössern ablesen kann. Ein Château Lafite Rothschild oder ein Château Margaux sind dank ihrer Etiketten auch Werbeträger für schöne Kulturlandschaften, sie sind Sehnsuchtsziele für alle Freunde von prachtvollen Schlössern und Herrenhäusern, von denen nicht wenige in saniertem Zustand auf Besucher warten.

Feine Architektur: Vinothek im Kaiserstuhl, Weinclub in Stuttgart

Mit der Zeit gingen dann auch die moderne Architektur und der Weinbau eine reizvolle Liaison ein, vor allem östlich des Rheins. Gleichgültig, ob es sich dabei um ein spannend designtes Weingut im Herzen des Kaiserstuhls handelt oder um einen reduzierten, aus Sichtbeton gestalteten Weinclub mitten in Stuttgart – viele Winzerinnen und Winzer im Südwesten mögen augenscheinlich gute, ambitionierte Architektur.

Und am Qualitätssiegel „Weinsüden Architektur“, das von der Architektenkammer Baden-Württemberg und der Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg vergeben wird, erkennen ihre Kunden sehenswerte Bauwerke.

Zu den architektonisch interessantesten Gebäuden im Rebenland gehört zweifellos das Privathaus von Andreas Klumpp und seiner Familie. Mit seinem Bruder Markus führt der 41-jährige Winzer erfolgreich fort, was die Eltern mitten in Bruchsal 1983 in einer Garage begonnen haben.

Marietta Klumpp, eine Bankkauffrau, und ihr Mann, hauptberuflich Verwaltungsbeamter, waren waschechte Quersteiger. Enthusiasten, die im Kraichgau mit der Herstellung von Biowein starteten. Die beiden ließen ein Jahr vor ihrer Verbeamtung auf Lebenszeit die Verwaltungslaufbahn sausen.

Spektakulär unprätentiöse Einschreibung in die Landschaft: das Einfamilienhaus von Marcella und Andreas Klumpp. Foto: Stephan Baumann, bild_raum

Das hätte sauber schief gehen können. Das Gegenteil ist der Fall. Heute werden 42 Hektar Fläche bewirtschaftet, die Produktion liegt bei rund 240 000 Liter Wein im Jahr, die in 26 Länder exportiert werden. Quer durch die Republik liest man auf Getränkekarten guter und ausgezeichneter Restaurants den Namen des Weinguts Klumpp, in Hamburg etwa, in der Bullerei von Tim Mälzer genauso wie im Laesâ in Stuttgart.

Ausgezeichnet von der Architektenkammer Baden-Württemberg

Zu den vielen Auszeichnungen vor allem für die Weißweine gesellt sich neuerdings ein weitere von der Architektenkammer Baden-Württemberg dazu: der Preis „Beispielhaftes Bauen“ für den Landkreis Karlsruhe ging kürzlich an das „Haus am Weinberg“, also für das Privathaus von Andreas und Marcella Klumpp auf dem Weingut.

Entworfen und realisiert hat es der Architekt Daniel Henecka. Ein Bau mit Wow-Effekt, auffällig unauffällig, so spektakulär wie dezent. Denn das Gebäude verschmilzt förmlich mit dem Weinberg, ist Teil des Terroirs. Im Außenbereich und in unmittelbarer Nachbarschaft zum Weingut Klumpp sollte ein privater Rückzugsort für das Paar und die zwei Kinder entstehen, ein Refugium, dass sich nicht als prätentiöses Objekt in die Landschaft stellt, sondern sich aus dieser entwickelt.

Der Bruchsaler Architekt Daniel Henecka. Foto: Henecka Architects

Im wahrsten Wortsinn ein Haus im Weinberg. Minimaler Flächenverbrauch, ressourcenschonend in der Nutzung. Man bedient sich vom überschüssigen Strom von der PV-Anlage vom benachbarten Weingut, ansonsten gibt es eine Wärmepumpe – und die thermische Speichermasse wird für den sommerlichen Wärmeschutz genutzt.

Eingeschossig in den Hang eingeschoben, wirkt das Gebäude, von dem nur die Vorderfront sichtbar ist, fast schon schüchtern, während die Ausläufer der sanften Hügellandschaft sich über den Bau stülpen. „Die in den Hang integrierte Massivbauweise minimiert die Versiegelung, der Eingriff ist wenig invasiv“, sagt Daniel Henecka, der auch schon die Vinothek auf dem Weingut der Klumpps gestaltet hat.

Schön, wenn der Arbeitsplatz praktisch nebenan ist. Was aber auch Probleme bereiten kann. Beim Besuch erklärt Daniel Henecka die Herausforderung, Nähe und Distanz in Balance zu bringen. Ein großer Teil des Volumens ist eingegraben, sodass nach außen vor allem die massiven seitlichen Stützwände in Erscheinung treten. Sie verankern das Gebäude in der Topografie, übernehmen Sicht- und Lärmschutz gegenüber dem benachbarten Weingut – und wirken bewusst „wie Scheuklappen“, sagt der Architekt.

Thonet-Stühle im Esszimmer, im Blick die Pfälzer Berge

Das Dach ist begrünt, nicht eingezäunt – und es kommt oft vor, dass sich Rehe auf dem Plateau einfinden und friedlich äsen, berichtet Andreas Klumpp, während er im lang gezogenen Esszimmer auf einem der Thonet-Stühle sitzt. Hier lenkt nichts ab, weder die spartanische Ausstattung noch die vergleichsweise kleine, aber feine Küche in Nussbaum. Die Aussicht: Wow. Eine weite Ebene, im Rücken die badische Toskana, linker Hand die Vogesen, geradeaus am Horizont die Pfälzer Berge.

Man kann hier nun in Ruhe sitzen, auch im Außenbereich – und man sieht nichts vom Weingut und der Vinothek. Das gelingende Wechselspiel von Intimität und Transparenz ist eine Spezialität von Daniel Henecka, gerade beim privaten Wohnungsbau.

Doch das ist nicht immer einfach, der Architekt muss gelegentlich für seine Ideen Überzeugungsarbeit leisten. Das gibt auch der Bauherr zu. „Wir wollten zunächst eine großzügigere Verglasung entlang der kompletten Hausfront, ließen uns dann aber eines Besseren belehren“, sagt Andreas Klumpp und erinnert sich an lebhafte Diskussionen nicht nur mit Daniel Henecka, sondern auch mit seiner Frau Marcella. „Heute sind wir glücklich mit der Entscheidung, dass wir lediglich unseren wichtigsten Gemeinschaftsraum, das Esszimmer, so transparent gestaltet haben.“

Patio im Bruchsaler Architektenhaus

Tatsächlich scheint es auf den ersten Blick naheliegend, solch einen eingeschossigen Quader vollverglast auszustellen, wie einen Pavillon. Doch ein Zuhause ist kein Ausstellungsraum, Menschen brauchen Geborgenheitszonen. Das gilt vor allem für den begrünten Innenhof, das Herz dieser außergewöhnlichen Anlage.

„Der Patio ist funktional begründet. Er lässt Licht in die Zimmer, schafft Abgrenzung und vermittelt Geborgenheit“, erklärt Daniel Henecka. „Und: dieser offene Rückzugsbereich ermöglicht Blickbeziehungen zwischen den Räumen.“

Der Reiz dieser Architektur besteht genau darin: es ist nicht langweilig! Außen und Innen gehen harmonisch ineinander über, die Raumfolge scheint nicht verwirrend, die Zonierungen wirken angemessen und sinnvoll. „Ein Haus sollte eine eigene Dramaturgie haben, wenn es gut werden soll. Die einzelnen Teile ordnen sich dann der Gesamtidee unter, das Gebäude wird zu einem Organismus“, sagt Daniel Henecka.

Parallelen zwischen Architektur und Weinbau

Woher kommt aber die große Liebe von Andreas Klumpp zur Architektur? War es vielleicht sein eigentlicher Berufswunsch? Nein, gar nicht, sagt der 41-Jährige. Schon in der Schule, erinnert er sich, wollte er weder Astronaut noch Feuerwehrmann werden, auch nicht Architekt. Sondern Winzer. Punkt.

Die Parallelen sind für Klumpp dennoch offensichtlich: „Weinbau und Architektur haben viele Gemeinsamkeiten: das permanente Hinterfragen aller Arbeitsschritte, der hohe Anspruch an die Qualität des Produkts und des Materials, der starke Bezug zum Handwerk. All das fasziniert mich an der Architektur.“

Blick bis zu den Pfälzer Bergen

Fertigstellung war 2024, das Haus funktioniert mittlerweile auch im Familienalltag, hier kann man loslassen und den Weinberg Weinberg sein lassen, und das mittendrin. „Am schönsten ist es, wenn die Sonne untergeht und man beim weiten Blick bis zu den Pfälzer Bergen zur Ruhe kommt“, sagt Andreas Klumpp. „Ja, wir fühlen uns hier richtig wohl und genießen jede freie gemeinsame Minute als Familie. Hier leben zu dürfen ist ein Privileg.“ Fehlt eigentlich nur noch, dass man eine Ansicht dieses etwas anderen Weinberghauses auf einem Etikett einer Flasche Grauburgunder verewigt.

Info

Beispielhafte Architektur
Die Auszeichnungen „Beispielhaftes Bauen“ der Architektenkammer Baden-Württemberg“ gehen jeweils gleichermaßen an Bauherrinnen und Bauherren sowie an Architektinnen und Architekten. Bei der Entscheidungsfindung legen die Fachjurys Kriterien zugrunde wie etwa: Äußere Gestaltung, Maß und Proportion des Baukörpers; innere Raumbildung, Zuordnung der Räume und Zweckmäßigkeit; Angemessenheit der Mittel und Materialien, konstruktive Ehrlichkeit; Einfügung und Umgang mit dem städtebaulichen Kontext und der Umwelt; Nachhaltigkeit (ökologisch, ökonomisch, sozial).

Weingut
Wer mal im Kraichgau unterwegs ist und sich das Weingut Klumpp und dessen Produkte genauer anschauen möchte, hier die Adresse: Heidelberger Straße 100, 76646 Bruchsal, https://www.weingut-klumpp.com. Im aktuellen VINUM Weinguide Deutschland 2026 erhält das Weingut Klumpp 4 von 5 Sternen und zählt damit zu den besten Winzern der Weinregion Baden (https://www.vinum.eu/de/weinguide-2026/baden/). Auf dem Weingut haben die Klumpps bereits 2015 eine ebenfalls architektonisch überzeugende und besuchenswerte Vinothek gestalten lassen. Regelmäßig finden hier neben Verkostungen auch kleinere Kulturveranstaltungen statt. Architekt war auch hier: Daniel Henecka.

Siegel
Unter der Marke „Weinsüden“ wird seit einigen Jahren gebündelt die Weinbauregion Baden-Württemberg beworben. Mehrere Qualitätssiegel wurden bereits etabliert: „Weinsüden Weinort“, „Weinsüden Hotel“, „Weinsüden Vinothek“ und das im Test erwähnte „Wein und Architektur“. Näheres unter https://www.visit-bw.com/de/wein/architektur

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Wohnen Architektur Winzer Bruchsal Baden