Ungewöhnliche letzte Ruhestätte Asche des Vaters auf Sardinien verstreut – Odyssee durch Europa macht’s möglich

Toller Blick auf das sardische Inland: die Urne mit der Asche des Vaters der Stuttgarters Simon K. vor der Beisetzung. Foto: privat

In Baden-Württemberg gilt die Friedhofspflicht. Doch es gibt Wege, die umstrittene Regelung zu umgehen. Ein Stuttgarter erzählt, wie er seinen Vater auf Sardinien beisetzen konnte.

Volontäre: Valentin Schwarz (vas)

Sardinien – dieser Name löst sofort Tagträume aus. Unweigerlich steigen dann Bilder von türkisblauen Buchten auf, gesäumt von weißen Sandstränden, im Hintergrund sattgrüne Gebirgszüge. Nicht wenige dürften Simon K. also beneiden, wenn er erzählt, dass seine Familie seit rund 50 Jahren ein Ferienhaus auf der italienischen Mittelmeerinsel besitzt. „Das hat mein Vater damals selbst mitgebaut“, sagt der Stuttgarter.

 

Als ebenjener Vater im vergangenen Herbst verstarb – im Alter von 81 Jahren, friedlich während des Mittagsschlafs – stand deshalb schnell fest, was mit seinen Überresten passieren sollte. „Wir dachten uns, es wäre doch nett, ihn auf Sardinien zu bestatten.“ Zumal der Vater selbst diesen Wunsch zu Lebzeiten geäußert hatte. Einen Wunsch, der die letzte Reise des Verstorbenen zur Odyssee durch Europa machen sollte.

In Baden-Württemberg gilt Friedhofspflicht

Das Elternhaus von K. liegt in Freiburg. Wie in ganz Baden-Württemberg gilt dort eine Friedhofspflicht. Bedeutet: Verstorbene müssen auf einer staatlich anerkannten Grabstätte beerdigt werden. Als Angehörige die Urne zuhause aufzubewahren oder die Asche außerhalb von Friedhöfen zu verstreuen, ist verboten.

Dennoch ist der Begriff leicht irreführend. Schließlich sind neben klassischen Friedhöfen längst auch sogenannte Bestattungswälder zugelassen – festgelegte Naturflächen, auf denen eine Beisetzung erlaubt ist. Die Bäume ersetzen dort gewissermaßen die Grabsteine.

Keine Bestattungswälder in Stuttgart

Nach Angaben des Bestattungsvereins Aeternitas gibt es bundesweit inzwischen mehr als 400 dieser Orte, knapp die Hälfte davon betrieben von den beiden Marktführern FriedWald und RuheForst. In Stuttgart findet sich zwar kein ausgwiesener Bestattungswald, die nächsten liegen in Wangen bei Göppingen und im Naturpark Schönbuch. Dafür ist in der Landeshauptstadt auf einigen Friedhöfen eine Baumbestattung möglich.

Auch für Bestattungsunternehmen wie den Betrieb Ramsaier aus Stuttgart spielt dieser Zweig längst eine wichtige Rolle. So spricht Inhaber Mark Ramsaier mit Blick auf Baumbestattungen von einer „exorbitant“ gestiegenen Nachfrage. „Das ist daran zu erkennen, dass auf den meisten Friedhöfen in Stuttgart die Baumgräber schon vergriffen sind“, ergänzt er.

Der Weg zur Bestattung im Ausland

Aeternitas zufolge zeigt sich dieser Trend auch für Beisetzungen im Ausland, wenngleich hier die Datenlage dünner ist. In Nachbarländern wie der Schweiz oder Frankreich gelten deutlich lockerere Regelungen. Auch in Italien ist es erlaubt, die Asche in der Natur zu verstreuen – was der Familie von Simon K. in die Karten spielte. Doch zunächst landete die Leiche des Vaters in Frankreich. Ein Bestattungsunternehmen aus dem Freiburger Raum hatte sie für die Einäscherung über die Grenze transportiert.

Anschließend brachte der Bestatter die Urne zurück nach Freiburg und übergab sie dort der Familie. Dieser Zwischenschritt wäre nicht zwingend notwendig gewesen, machte es aber bürokratisch einfacher. Schließlich darf die Urne bei einer Einäscherung in Baden-Württemberg zwar für eine Bestattung herausgegeben werden, aber nur unter bestimmten Voraussetzungen. Familie K. hätte in diesem Fall direkt nachweisen müssen, wo und wie die Beerdigung im Ausland erfolgen soll. In Frankreich ist das nicht notwendig. So konnte sich die Familie in Ruhe um den Transport nach Italien kümmern.

Wobei es am Flughafen mit der Ruhe vorbei war. Wer die Asche Verstorbener im Gepäck mitführt, muss das vor der Sicherheitskontrolle nicht gesondert anmelden. Trotzdem habe eine Flughafenmitarbeiterin den Rucksack mit der Urne beanstandet, erzählt K. und fügt hinzu: „Sie hat gemeint, nee, nee, das geht so nicht.“ Schließlich habe aber ein Grenzpolizist grünes Licht gegeben. So stand der Beisetzung auf Sardinien nichts mehr im Weg.

Friedhofspflicht umstritten

Geht es nach Aeternitas-Sprecher Alexander Helbach, ist die Friedhofspflicht ohnehin überholt, denn: „Sie schränkt die Menschen in einem zutiefst emotionalen Lebensbereich unangemessen ein.“ Andererseits gibt der Stuttgarter Bestatter Mark Ramsaier zu bedenken: „Wenn sie wegfallen würde, wäre das ein großer Einnahmenverlust für die Friedhöfe.“ In diesem Fall sei eine zunehmende Verwahrlosung der Anlagen zu befürchten.

Dennoch hat Rheinland-Pfalz im vergangenen Jahr alternative Beisetzungsformen zugelassen, etwa Flussbestattungen oder die Aufbewahrung der Urne zuhause. In Baden-Württemberg ist eine solche Änderung nicht in Sicht. Vor der Landtagswahl findet sich in den Programmen der aussichtsreichen Parteien nichts zu diesem Thema.

Abschied auf Sardinien

Sardinien – ein beliebtes Urlaubsziel und die letzte Ruhestätte des Vaters von Simon K. Foto: dpa

Für Simon K., seine Mutter und seine drei Schwestern spielte das aber ohnehin keine Rolle. In Sardinien angekommen, versammelte sich die Familie vor einem Felsvorsprung auf dem eigenen Grundstück, mit weitem Blick ins Land.

„Alle von uns durften einen Teil der Asche ins Tal verstreuen“, schildert Simon K. „Und am Ende habe ich die Urne wie einen Football in die Luft geschmissen“. Danach habe man gemeinsam Musik gehört, vor sich hin gegrübelt, Sekt getrunken. Kurzum: ein gelungenes Ende der Odyssee. Simon K. sagt: „Das war irgendwie alles stimmig.“

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