„Türen aus Glas bedeuten, dass ständig alle reingucken können. Das ist lebensfremd“, sagt Minkwitz. Eigentlich gab es Vorrichtungen, die eben das verhindern sollten. Doch an vielen Türen fehlen sie, wie auch an der von Minkwitz. Als sie einzog, war ihre Tür schon beklebt.
Backsteine säumen die Zimmerwände
„Ich würde mein Haus nicht so bauen, aber es hat seinen eigenen Charakter. Andere Studentenwohnheime sind weiß und unoriginell. Das hier nicht, und das gefällt mir“, sagt Minkwitz. Während Holzleisten die Außenwände des Gebäudes zieren, herrscht innen Höhlenstimmung. Backsteine säumen die Zimmerwände.
Über ihrem Bett hat Minkwitz einen Baldachin aufgehängt: „Zum Schutz vor den Mücken“, sagt die 21-Jährige. Denn die angelegten Teiche vor den Wohnheimen locken die Tiere im Sommer an. Ein bisschen fühlt es sich an wie auf einem Bauernhof. „Wir haben hier im Gegensatz zur Stadt viel Natur. An einer großen Straße zu wohnen, würde mich nicht glücklich machen“, sagt die Studentin.
Der Preis hat Minkwitz überzeugt
Die Nähe zur Natur hat es ihr angetan. Doch den Ausschlag, in das außergewöhnliche Wohnheim zu ziehen, gaben nicht die auf dem Feld nebenan weidenden Kühe. Der Preis hat Minkwitz überzeugt. Für die möblierten Einzelzimmer an der Fruwirthstraße müssen die Bewohner nicht mal 300 Euro an das Studierendenwerk überweisen. Inbegriffen in der Miete ist sogar ein Balkon. Hier hat Minkwitz im Sommer Chilis, Tomaten, Basilikum, Oregano und weitere Kräuter angebaut.
Nicht nur in den sogenannten Erdhügelhäusern in Hohenheim gärtnern die Studierenden. Auch im Bauhäusle auf dem Campus in Stuttgart-Vaihingen können die Bewohner ihren grünen Daumen unter Beweis stellen. Anders als in Hohenheim verwalten die Bewohner in Vaihingen ihr Wohnheim allerdings selbst. Das bedeutet, dass sie nicht nur im Garten mitanpacken müssen. Wenn Holzlatten am Bauhäusle der Witterung zum Opfer gefallen und morsch sind, dann müssen die Bewohner Abhilfe schaffen. Am ersten Sonntag im Monat geht es deshalb gemeinsam in die angrenzende Werkstatt. „Viele haben Angst, dass sie nicht einziehen dürfen, wenn sie keine handwerklichen Fähigkeiten vorweisen können. Aber das ist nicht so“, sagt der Student Clemens Mackensen. Die Bewohner des Vaihinger Bauhäusles dürfen nämlich – im Gegensatz zu denen in den Hohenheimer Hügelhäusern – selbst bestimmten, wer ein Zimmer beziehen darf. Und wichtiger als ein grüner Daumen oder Geschicklichkeit im Umgang mit Werkzeug ist, dass man sich gut in die Gemeinschaft des Bauhäusles integriert. Denn wenn man mit 29 Leuten zusammenwohnt, kommt es vor allem darauf an. „Man kann im Bauhäusle von neun Uhr morgens bis um drei Uhr nachts frühstücken, und es kommt immer wer dazu“, sagt Mackensen. Die Küchen im Bauhäusle sind Treffpunkte. Hier wird gemeinsam gelernt, gekocht und gequatscht. Im hauseigenen Kinosaal schauen die Bewohner zusammen Filme, und am Tischkicker entscheidet sich so manches Spiel.
Wenn 30 Leute zusammenwohnen, kommt es darauf an
„Wenn man in das Bauhäusle reinkommt, vergisst man die Architektur ganz schnell, denn das Leben hier spielt eine viel größere Rolle“, sagt der Student. Für Außenstehende aber sticht die Bauweise des Wohnheims hervor. Das Bauhäusle vereint mehrere Einzelbauten zu einem durch Gänge, Korridore und Gemeinschaftsräume verbundenen Wohnheim der besonderen Art. Nicht eine Baufirma hat hier ihr Werk verrichtet, sondern Studierende. Das Gebäude entstand nämlich im Rahmen eines universitären Projekts.
Und bis heute prägen die individuellen Einzelteile den Außenanblick des Wohnheims. Sein Name spielt in ironischer Weise auf den Baustil des Weimarer Bauhauses an. Der ist nämlich schnörkellos und reduziert – ganz anders als der des Bauhäusles. Wohnen kann man hier zum Beispiel in einer Tonne – natürlich symbolisch gesprochen. Das Dach des Zimmerkomplexes ist nämlich rund.
Versammlung zweimal pro Semester
Die Bewohner teilen sich im Bauhäusle zwei Küchen und zwei Bäder. „Wenn man mit 30 Leuten zusammenwohnt, gibt es auch schon mal Streitigkeiten. Man muss dafür sorgen, dass die angesprochen werden“, sagt Mackensen. Deshalb versammeln sich zweimal im Semester alle und besprechen beispielsweise, wer welche Aufgaben übernimmt. Wer beispielsweise das Gewürzamt inne hat, muss regelmäßig für Nachschub sorgen. Und auch um die beiden tierischen Mitbewohner muss sich wer kümmern. Denn seit einer Mäuseplage wohnen neben den 30 Studierenden auch zwei Katzen im Bauhäusle.
Tierische Mitbewohner hat Clara Minkwitz in Stuttgart-Hohenheim zwar keine. Doch auch an der Fruwirthstraße kommt Gemeinschaftsgefühl auf. Wohnheimpartys und Ähnliches mussten dieses Jahr zwar coronabedingt ausfallen. „Die Gemeinschaft macht das Leben hier aus“, sagt Minkwitz. Dafür nimmt sie die dusteren Küchen gerne in Kauf.