Ungewöhnliche Verbrechen Der Unheimliche

Dunkle Augenringe, große Ohren: So soll der Täter im Mordfall Brigitta J. im Juli 1995 in Sindelfingen ausgesehen haben. Foto: Polizei

Nach 25 Jahren scheint ein kaltblütiger Frauenmord in der Region Stuttgart dank DNA-Analyse aufgeklärt zu sein. Warum hat die Polizei dafür so lange gebraucht?

Lokales: Wolf-Dieter Obst (wdo)

Stuttgart/Sindelfingen - Hartmut M. sitzt in Stuttgart-Stammheim in Untersuchungshaft. Wieder einmal wird ihm ein Mord vorgeworfen, und es würde die Ermittler überraschen, wenn er diesmal umfängliche Angaben machen oder gar ein Geständnis ablegen würde. Der Mann wird im Juni 70 Jahre alt und hat einen beispiellosen Abstieg hinter sich. Einst war er ein angesehener Geschäftsführer mit Topverdienst. Dann brachte er eine Anhalterin um und erpresste den Shell-Konzern um Millionen. Und das soll noch nicht alles gewesen sein.

 

Knapp 20 Kilometer Luftlinie südlich vom Stammheimer Gefängnis liegt nahe einer großen Straßenkreuzung der Tatort eines Verbrechens, an dem sich eine Sonderkommission bis zuletzt die Zähne ausbiss. Vor 25 Jahren wurde in der Tilsiter Straße in Sindelfingen, unweit des Breuningerlands, eine Frau getötet. Auf offener Straße. Nachts. Vor den Augen von Zeugen. Doch die ließen sich vom Mörder täuschen. So verschaffte er sich einen Vorsprung. Einen Vorsprung von 25 Jahren.

Der Tod auf dem Heimweg

Es ist spät geworden an jenem 14. Juli 1995. Brigitta J. macht erst um 23.28 Uhr Feierabend in einem Sindelfinger Modeunternehmen, wo sie als Aushilfe arbeitet. Die 35-Jährige hat Kunst studiert, in Stuttgart ist sie als Töpferin gemeldet.

In dieser Nacht geht die allein lebende Frau zur S-Bahn-Haltestelle Goldberg. 1,8 Kilometer, 24 Minuten Fußweg. Mit der S-Bahn sind es 18 Minuten bis Stuttgart-Schwabstraße, von dort ist es nicht weit zu ihrer Wohnung am Bismarckplatz.

Sie wird die S-Bahn erst gar nicht erreichen. In dem menschenleeren Gewerbegebiet begegnet sie um 23.40 Uhr einem Autofahrer. Ihrem Mörder. Der Täter schlägt und sticht brutal auf sie ein – scheinbar rasend vor Wut.

Vier Zeugen lassen sich in die Irre führen

Zwei US-Piloten, die nur für eine Nacht in Deutschland sind, fahren mit ihrem Auto vorbei und sehen im Halbdunkel etwas, das wie ein Angriff aussehen könnte. Sie wenden und stoppen direkt vor dem Täter. Der Unheimliche flüchtet nicht, er tritt sogar ans Seitenfenster. Sie verstehen seine Worte nicht, weil sie kein Deutsch sprechen. Das Gesicht des Mannes sehen sie aber sehr nah. Auffällig sind schief stehende Schneidezähne und seine dunklen Augenringe. Die Zeugen erinnern sich auch an ein seriöses Erscheinungsbild, Hemd und Jackett. Die Piloten lassen sich beruhigen, der Mann steigt in ein auffälliges Auto und fährt davon. Zwei weitere Zeugen sehen die Szene, glauben an einen Verkehrsunfall, fahren zu einer Telefonzelle, um Hilfe zu rufen. Als sie zurückkehren, ist der Mann verschwunden. Zurück bleibt die sterbende Frau.

Auf Hartmut M. fällt nie ein Verdacht. Der 45-Jährige wohnt 13 Kilometer entfernt in Holzgerlingen. Er ist im Vorstand eines Villinger Unternehmens. Monate später übernimmt er einen Topjob bei einem Fensterhersteller in Rudersberg.

Die Soko der Landespolizeidirektion Stuttgart gerät von einer Sackgasse in die nächste. Keine Spur von dem gelben bis ockerfarbenen Kastenwagen des Täters, zweitürig, ohne Firmenaufschrift, vielleicht ein Ford Escort Express oder Opel. Keine Spur auch von einem dunklen Honda CRX: Während der Tat stand der Wagen am Straßenrand, kurz darauf war er jedoch verschwunden. Vielleicht ein Zeuge?

Keine heiße Spur sind auch die vielen DNA-Spuren an der Kleidung des Opfers – alles viel zu vermischt, um Brauchbares herausfiltern zu können. Und im Umfeld des Opfers gibt es nichts, was auf eine Beziehungstat hindeuten würde.

Der nächste tragische Fall

Sechs Jahre später, am 28. September 2001, stirbt Magdalene H. einen grausamen Tod. Mit einem grünen Klebeband gefesselt, wird sie an der Autobahn A 70 im oberfränkischen Thurnau von ihrem Mörder im Unterholz hingerichtet. Er schneidet ihr die Kehle durch, beseitigt an der Leiche alle Spuren, übersieht nur einen winzigen Rest Klebeband.

Magdalene H., Besitzerin eines Ladens in Obersontheim bei Schwäbisch Hall, war mit Landfrauen auf einer Busreise nach Ungarn, als an der Grenze festgestellt wurde, dass ihr Reisepass abgelaufen war. Die 51-Jährige ließ ihre Freundinnen weiterfahren und versuchte, sich als Anhalterin nach Hause durchzuschlagen.

Verräterisches Klebeband

Auf Hartmut M., der 56 Kilometer vom Tatort entfernt in Schwarzenbach im Landkreis Hof wohnt, fällt erst ein Verdacht, als die ungarischen Behörden der Kripo die Autokennzeichen mitteilen, die am Tattag an der österreichisch-ungarischen Grenze registriert wurden. Das Auto von Hartmut M. erweist sich unter Hunderten Fahrzeugen als Volltreffer. Als die Polizei ihn aufsucht, gibt er zu, die Frau mitgenommen zu haben. Zusammen sei man durch Österreich bis nach Regensburg gefahren, dort habe er sie an einer Raststätte abgesetzt.

Hartmut M. gibt nur das zu, was man ihm nachweisen kann. Er schweigt, als man ihm vorhält, dass er in Österreich an einem Rasthof ein grünes Klebeband gekauft hat. So eines, wie es an der Leiche gefunden wurde. Hartmut M. ist längst kein großer Manager mehr, nun ist er ein erfolgloser Kaufmann, unter anderem in Ungarn. Er hat offenbar viel Geld in den Sand gesetzt. Mord aus Habgier? Bei Magdalene H. waren nur 400 Euro zu holen.

Auf Freispruch folgt Erpressung

Im Juli 2003 wird Hartmut M. wegen Mordverdachts verhaftet. Doch am 21. Juni 2004 spricht ihn das Landgericht Bayreuth überraschend frei. Man sieht kein Mordmotiv, und seine zweite Frau hat ihm ein Alibi verschafft. Die Staatsanwaltschaft geht in Revision.

Ein schnelles Wiedersehen mit Hartmut M. gibt es am 24. November 2004 – in Bardowick bei Lüneburg. Einsatzkräfte nehmen ihn in einer Telefonzelle fest, als er die Modalitäten einer Geldübergabe regeln will. Der damals 54-Jährige entpuppt sich als „Garibaldi“, das Phantom, das seit September 2004 den Shell-Konzern erpresst. Seine Forderung: vier Millionen Euro – sonst fliegen Molotowcocktails auf die Autobahn!

Am 12. Januar 2005 kassiert der Bundesgerichtshof den Bayreuther Freispruch. Am 23. Februar 2005 wird er vom Landgericht Hamburg für die Shell-Erpressung zu vier Jahren Haft verurteilt. Am 11. Mai 2007 macht das Landgericht Würzburg im Revisionsprozess um Mordopfer Magdalene H. eine Gesamtstrafe von zwölfeinhalb Jahren Haft daraus. Das Alibi seiner Frau war falsch. Und in seinem Auto fand sich später doch eine winzige Blutspur des Opfers. Hartmut M. beteuert seine Unschuld.

Die Jahre vergehen

Doch was verrät der genetische Fingerabdruck von Hartmut M. in der DNA-Datei des Bundeskriminalamts seit seiner Inhaftierung 2007? Nichts. Seine Personendaten fallen nicht weiter auf. Dabei gelten DNA-Vergleiche schon zu dieser Zeit als „rasant fortentwickelt“, wie der damalige Landesinnenminister Heribert Rech stolz feststellt. Die Landespolizeidirektion findet aber keine Verbindung zu Brigitta J., dem Sindelfinger Mordopfer. Bis zum Jahr 2014. Dann fällt die Direktion einer politischen Reform zum Opfer. Das Polizeipräsidium Ludwigsburg erbt diesen rätselhaften Fall.

Dass Hartmut M. all die Jahre unsichtbar blieb, liege daran, dass seine Daten nur mit acht Merkmalen gespeichert waren, sagt Heiner Römhild von der Staatsanwaltschaft Stuttgart. Das habe dem damaligen Standard entsprochen. Seit 2011 jedoch werden Täterdaten mit 16 Merkmalen gespeichert, was Treffer viel aussagekräftiger macht. Die Daten von Hartmut M. blieben dennoch alter Standard.

Die Sache mit dem Schubs

2017 wird er vorzeitig aus der Haft in Hamburg-Fuhlsbüttel entlassen. 2018 macht sich die Ludwigsburger Kripo noch einmal an die Arbeit. Die Kriminaltechniker des Landeskriminalamts liefern hierzu eine verbesserte Auswertung der DNA-Spur vom Tatort. Wieder kein aussagekräftiges Ergebnis. „Aber wenigstens ein kleiner Schubs“, sagt Römhild.

Der Schubs geht Richtung Hartmut M., abgetaucht, wohnsitzlos. Im Januar 2020 finden die Ermittler in den Beständen noch Material von ihm, das sich zu einer Täter-DNA mit 16 Merkmalen auftypisieren lässt. Ergebnis: Es sind Merkmale des Unheimlichen, der Brigitta J. tötete.

Zielfahnder nehmen Hartmut M. am 12. Februar in einer Hamburger Gartenlaube fest. Jetzt sitzt er in Stammheim, vom Alter gezeichnet. Steht einer der rätselhaftesten Mordfälle in der Region Stuttgart kurz vor der Aufklärung?

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