Ungewöhnliches Beziehungsmodell Ehefrau von Bordellgänger: „Es macht unsere Beziehung entspannter“

Jeder vierte Mann hat laut einer repräsentativen Studie schon einmal für Sex bezahlt. Foto: terovesalainen - stock.adobe.com/Christian Charisius

Ulrike und Thomas Graf sind seit 22 Jahren verheiratet, seit 16 Jahren geht Thomas zu Prostituierten, weil ihm der Sex daheim nicht reicht. Seine Frau und die Tochter wissen davon. Warum sie das so locker nehmen und wie das Paar seine Beziehung lebt.

Familie/Bildung/Soziales: Lisa Welzhofer (wel)

Das hatte die Hausdame noch nicht erlebt! Ruft doch eine Ehefrau im Bordell an, und will einen Gutschein über zwei Stunden für ihren Mann kaufen, der dort Stammkunde ist! Weil sie keine Vordrucke für derlei Gelegenheiten in der Schublade hatte, schickte sie den Gutschein per Mail-Anhang. Die Kontonummer für die 300 Euro stand auch darauf. Ulrike Graf überwies, druckte das Papier aus, legte es in einen schönen Umschlag und ihrem Mann Thomas zu dessen 55. Geburtstag auf den Esstisch. „Alles Gute zum Geburtstag, Hase!“, sagte sie. Und er: „Du kannst mich immer noch überraschen.“

 

„Hase“ – das ist ein wunderbares Wort, um der Beziehung von Ulrike und Thomas Graf, die anders heißen, aber anonym bleiben möchten, einen Namen zu geben. Im Interview sagen sie es oft zueinander. Es hört sich lieb gemeint an und wertschätzend, kommt aber mit feiner Ironie daher. So als benutze das Paar diese etwas abgedroschene Koseform, um zu sagen: „Wir sind wie so viele langjährige Paare miteinander – und doch wieder nicht.“ Der Hase, wie ein Codewort zweier alter Komplizen dafür, dass unter die Konvention des ewigen Bundes viele Lebensentwürfe passen. Außerdem sagt Ulrike: „Wir pflegen einen trockenen britischen Humor miteinander.“ Der kann ja auch ein Umgang mit den Unwägbarkeiten eines Lebens sein.

Er geht regelmäßig zu Sexarbeiterinnen

25 Jahre kennen sie und Thomas sich schon, 22 Jahre sind sie verheiratet, 19 Jahre lang Eltern. Seit 16 Jahren geht Thomas regelmäßig zu Sexarbeiterinnen, wie er die Frauen nennt – und Ulrike weiß davon. Was bedeutet das für ihre Beziehung? Wie gehen beide damit um? Wie sehen sie das Feld des käuflichen Sex’, für das so viele die ideologische Deutungshoheit beanspruchen?

Ulrike und Thomas, heute beide Mitte 50, lernen sich Ende der 90er Jahre im Rheinland auf der Party eines gemeinsamen Freundes kennen. Sie ist Typ raspelkurzes Haar und „gradraus“, er Typ Motörhead-T-Shirt. Für ihr erstes Kino-Date wählen sie den Film „Fight Club“, in dem es unter der Oberfläche des Normalo-Lebens nur so brodelt. Der Karneval wird zum großen gemeinsamen Ding. Beide arbeiten gern und viel in verantwortungsvollen Jobs. Nach ein paar Jahren kommt die Tochter zur Welt. Es stimmt einfach zwischen den zweien, bis heute.

Sie hätten eine Basis, eine gemeinsame Welle, die eine Trennung undenkbar macht, sagen beide – auch als der Sex im Laufe der Jahre immer weniger, aus dem aufregenden Bettgerangel ein vertrautes Kuscheln, aus den Höhepunkten eines verknallten Paares das wohlig-verlässliche Grundrauschen einer Seelenverwandtschaft wird. Doch während Thomas es sich anders wünscht, denkt Ulrike gar nicht darüber nach, was passiert: „Es waren fordernde Jahre. Wir haben beide Vollzeit gearbeitet, hatten ein kleines Kind“, sagt sie. In den vollgepackten Tagen vergeht ihre Lust, in ihm drängt sie weiter.

Thomas bevorzugt Wohnungsbordelle

Ihr Liebesleben wieder anzukurbeln, ist kein Thema zwischen den beiden (man kann sie sich beim besten Willen auch nicht in einer Paartherapie vorstellen), sich eine Affäre zu suchen, ist für Thomas kein Gedanke. Der passendere Weg scheint ihm der in den Puff. Erst geht er heimlich, sie wundert sich nur ein bisschen, dass seine Motorradtouren immer länger dauern. „Die Unehrlichkeit war so schrecklich für mich. Ich bin einer, der sein Herz auf der Zunge trägt“, sagt Thomas. Nach ein paar Monaten erzählt er seiner Frau, was er treibt. Und die? Ist erst mal erleichtert. „Als er sagte ,Du, ich muss dir etwas beichten`, dachte ich ,Oh Gott, er hat eine Geliebte und die ist schwanger’“. Dass ihr Mann Frauen für Sex bezahlt, hinterlässt bei ihr „kein Störgefühl“. „Eine Geliebte könnte sich in unsere Beziehung drängen, eine Sexarbeiterin tut das nicht“, sagt Ulrike.

16 Jahre ist das nun her. Seither geht Thomas zwei Mal im Monat in Wohnungsbordelle oder Saunaclubs. Wenn er nach Hause kommt, fragt seine Frau „Wie war’s?“ Und er sagt: „Schön.“ Mehr will er nicht erzählen und sie gar nicht hören. Abends liegen sie im Bett und halten einander im Arm.

Dass ihr Mann seine Bedürfnisse befriedigen kann, mache ihre Beziehung entspannter, sagt Ulrike. „Er arbeitet täglich zehn, elf Stunden, ich gönne ihm diesen Ausgleich.“ Thomas sagt: „Andere Frauen interessieren mich seither nicht mehr.“ Vor drei Jahren hat er es der gemeinsamen Tochter erzählt. Die habe das hingenommen ohne große Worte, sagt der Vater. Teenager halt. Ansonsten wüssten es nur ein paar sehr enge Freunde.

Jeder vierte Mann hat schon für Sex bezahlt

2018 und 2019 haben Forscher für die repräsentative Studie „Gesundheit und Sexualität in Deutschland“ Männer zu ihrem Liebesleben befragt. Gut jeder vierte von ihnen hatte in seinem Leben schon für Geschlechtsverkehr bezahlt, am höchsten war der Anteil mit rund einem Drittel unter den 46- bis 55-Jährigen. Wie viele von ihnen in einer Beziehung leben, ist unklar. Aber dass viele Paare damit so offen und gleichzeitig beiläufig umgehen wie Ulrike und Thomas, glaubt nun wirklich kein Mensch.

Ulrike ist wichtig zu sagen, dass sie sich Thomas ebenbürtig fühlt. Nach dem Interview wird sie eine Mail schicken, in der steht: „Mein Mann und ich sind finanziell unabhängig voneinander und haben immer noch getrennte Bankkonten. Dass ich mich nicht von meinem Mann getrennt hab, hat also keine monetären Gründe.“ Und wenn sie wollte, könnte auch sie sich einen Callboy nehmen, sagt Ulrike. Nur will sie halt nicht. Seit den Wechseljahren schon gar nicht mehr. Penetration bereitet ihr Schmerzen. „Trockene Scheide, da hilft nix! Die Salben, die es gibt, können Sie sich gleich in die Haare schmieren.“ Ihre Ehe, sagen die Grafs, würde eine offene Beziehung, in der beide weitere amouröse Partner haben, nicht aushalten. Sie brauchten den „Dienstleistungscharakter“ der Sexarbeit. Deren Unverbindlichkeit lässt das Band zwischen ihnen unbeschädigt. Es sei schon vorgekommen, dass er etwas für eine der Frauen fühlte, sagt Thomas. Als er es bemerkte, ging er nicht mehr hin. Vielleicht könnte man es so sagen: Während andere Paare Streit-Klassiker wie Hausputz, Kinderbetreuung oder Essensversorgung auslagern, haben sich die Grafs entschieden, dasselbe mit dem Beischlaf zu tun.

Wo fängt der Zwang an?

Natürlich wissen sie, dass ihre nonchalante Sicht auf Prostitution als Dienstleistung („wie ein Friseur“) für all jene Provokation ist, die dies als zerstörerische Ausbeutung von Frauen beschreiben. Die nicht an die Freiwilligkeit glauben, weil Armut in ihren Herkunftsländern und gewaltvolle Strukturen im Milieu den meisten Frauen keine andere Wahl ließen. Wo fängt Zwang an? Die Antwort darauf entscheidet mit darüber, ob man für oder gegen ein Sexkaufverbot nach dem Vorbild von Schweden und Frankreich ist.

Ulrike und Thomas glauben an die Freiwilligkeit der Frauen, deren Körper er in Anspruch nimmt. Wenn er ein Bordell das erste Mal betritt, schaut er, ob es Alarmknöpfe, eine Kondompflicht und einen Sicherheitsdienst gibt, wie vom Gesetz vorgeschrieben, sagt Thomas. Eine gute Bezahlung ist ihm wichtig, dass beide sich über das, was passieren soll, einig sind – und auch darüber, was nicht. Ulrike macht zur Bedingung, dass Thomas nicht den Straßenstrich nutzt. Der sei dubios und hygienisch nicht einwandfrei.

Unnötig eigentlich zu sagen, dass das Ehepaar gegen ein Sexkaufverbot ist. Thomas ist Teil eines Freier-Netzwerks, das der Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen (BeSD) initiiert hat. Männer und Frauen habe sich darin zusammen getan, die die Sicht der Kunden von Prostitution als legitimen Frauenberuf, das Bild des verantwortungsvollen, wertschätzenden Freiers in der Öffentlichkeit platzieren wollen und deshalb sehr bereitwillig mit Journalisten sprechen.

Prostitution als Care-Arbeit

Sexarbeit sei doch ein Teil der Care-, also Sorge-Arbeit in dieser Gesellschaft, eine Art sozialer Kitt, sagt Thomas. „Diese Frauen und Männer tun viel für die Körper, aber auch Seelen ihrer Kunden“, sagt der Familienvater. „Was passiert in unserer Gesellschaft, wenn das fehlt?“ Ohne seine Umtriebe im Bordell wären sie wohl heute nicht mehr zusammen, sagt Ulrike. So aber sind sie das ewige Paar, während ihre Trauzeugen längst geschieden sind.

Sucht Thomas eigentlich im Rotlicht nach Frauen, die seiner ähnlich sind? Sozusagen eine Ulrike inklusive Sex? „Nein“, sagt Thomas, „meine Frau ist eh’ nicht zu ersetzen!“ Und Ulrike sagt: „Danke, Hase.“

Dieser Text erschien erstmals am 22. September 2024.

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