Ungewöhnliches Kunstprojekt in Backnang Ein Bunker für das Kopfkino

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Die Baubrache auf der Oberen Walke in Backnang wird zurzeit durch eine Kunstinstallation belebt. An diesem Freitag steht sie im Fokus eines Projekts der Kulturregion Stuttgart. Unserer Zeitung gibt der Künstler zuvor ein Geheimnis preis.

Was mag in dem Gebäude hinter dem Bauzaun an der Gartenstraße vor sich gehen? Foto: Gottfried Stoppel 7 Bilder
Was mag in dem Gebäude hinter dem Bauzaun an der Gartenstraße vor sich gehen? Foto: Gottfried Stoppel

Backnang - Auf dem mit Planen zugedeckten Areal an der Backnanger Gartenstraße, wo einst mehrere Backsteingebäude aus der Ledergerber-Zeit standen, thront seit ein paar Tagen ein würfelförmiges Gebilde aus Beton. Darauf angebracht sind eine Satellitenschüssel und eine Art Antenne, deren Spitze in unregelmäßigen Abständen zu blinken beginnt. Fenster oder Türen hat das Bauwerk keine, aber schmale Lamellen an einer Seite könnten Lüftungsschlitze sein, zumal sie manchmal zu und manchmal leicht geöffnet sind. Direkt in Augenschein nehmen oder anklopfen geht nicht, denn das Gelände ist weiträumig mit Bauzäunen abgeriegelt. Was ist das – ein Bunker? Ist das Ding bewohnt? Ist es eine Forschungsstation oder dient es zum Schutz – oder gar militärischen Zwecken?

Das Kopfkino wird befeuert

Diese und noch möglichst viele andere Fragen will Dirk Schlichting hervorrufen. Der Düsseldorfer Installationskünstler hat seine „Station P.“ im Rahmen des Projekts „Unter Beobachtung – Kunst des Rückzugs“ der Kulturregion Stuttgart konzipiert. Er spiele mit der Lust, das sehen zu wollen, was im Verborgenen vor sich gehe, sagt er selbst. Und um das Kopfkino der Betrachter noch mehr zu befeuern, sendet er jeden Abend per Livestream auf dem Internetkanal Youtube kurze Videosequenzen aus dem Inneren, die andeuten, dass sich da jemand – wenn auch sehr spartanisch – häuslich niedergelassen haben könnte.

Die Stadt Backnang ist dem Künstler als Aktionsfläche vorgegeben worden, sonst nichts. Zwei Tage lang sei er mit dem Leiter der städtischen Galerie, Martin Schick, durch den Ort gefahren – und dabei auf das Areal gestoßen, das ihn sofort fasziniert habe. Bei jener mit Folien abgedeckten Baulandruine, von der er erfuhr, dass sie schon seit einer kleinen Ewigkeit vergeblich auf ihre Wiederbelebung warte, habe er spontan an ein Eismeer denken müssen, sagt Schlichting.

Betrachter kann sich per Fernrohr ranzoomen

Das Spannungsfeld zwischen dem Wunsch, in die Privatsphäre eindringen zu wollen und gleichzeitiger physischer Unerreichbarkeit sei durch die Absperrung hervorragend gewährleistet. Ganz bewusst hat er deshalb am Rand jenseits des Bauzauns ein Fernrohr aufgebaut, mit dem man sich ranzoomen kann an die Station und erkennen, dass sich – wie die Lüftungsschächte – bisweilen etwas leicht verändert. Hineinblicken in das Gebäude kann man damit indes nicht.

Kurze Einblicke gibt es nur über den virtuellen Umweg. Auf den Livestreams ist ein Mann in dem kleinen Raum zu sehen: wie er schläft, wie er mit einer Stirnlampe ausgestattet ein Buch liest oder wie er etwas eingeengt Frühsport betreibt. Man sieht, dass der Film nicht an einem Stück abgedreht worden sein kann, denn mal ist die Person bärtig, mal glattrasiert.

Wirklich viel passiert in den zehnminütigen Sequenzen nicht. Aber Dirk Schlichting, der dieser Mann ist, will die Betrachter auch nicht unterhalten. „Die Geschichte um diese Szenen muss sich in den Köpfen der Betrachter entwickeln“, sagt der Künstler.

Fünf Monate harte Arbeit habe die Realisierung des Projekts von der Konzeption bis zur Fertigstellung der „Station P.“ bedeutet, sagt Schlichting, der sich zum Broterwerb als Steinmetz betätigt. Nur zögerlich räumt er ein, dass die Videos nicht wirklich live, sondern im Voraus in seinem Atelier abgedreht worden sind – und er hofft, dass diese Information in dem Kopfkino seiner Rezipienten nun keinen Filmriss erzeugt.

Backnang im Fokus eines Kunstprojekts der Kulturregion

Projekt
Insgesamt 21 Kommunen beteiligen sich an dem Kunstprojekt der Region Stuttgart, das sich noch bis zum 18. Oktober mit der „Kunst des Rückzugs“ beschäftigt. „Die Kunstwerke sollen für den alltäglichen Umgang mit Daten und Überwachungssystemen sensibilisieren und auf humorvolle Weise zum Nachdenken anregen“, sagt Gottfried Hattinger, der künstlerische Leiter des Festivals. Der Fokus ist an diesem Freitag auf die Stadt Backnang gerichtet.

Backnang
Das Programm beginnt mit einer Führung durch die Ausstellung Vincent Tavenne in der Galerie der Stadt Backnang, um 16 Uhr, Petrus-Jacobi-Weg 1. Eine Anmeldung dazu ist erforderlich – per E-mail unter galerie-der-stadt@backnang.de oder telefonisch unter der Rufnummer 0 71 91/89 44 77. Um 18 Uhr erläutert der Galerieleiter Martin Schick die Installation der „Station-P“ des Künstlers Dirk Schlichting auf der Oberen Walke. Treffpunkt ist das stationäre Fernrohr auf Höhe des Gebäudes Gartenstraße 125. Auf der Terrasse des Boon-Cafés, Gartenstraße 107, wird gleichzeitig eine 30-minütige Live-Video-Performance von Schlichting aus dem Innern der Station-P gezeigt. Zum Abschluss des Fokustages gibt es um 19.30 Uhr einen Vortrag von Marc Steckling, Manager der Backnanger Firma Tesat Spacecom, Hersteller von Kommunikationstechnik für Satelliten. Steckling spricht über Kommunikationstechnik im Weltraum.




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