Unglück im Ärmelkanal Mehr als 20 Migranten sterben bei Untergang eines Boots

Bei dem Unglück im Ärmelkanal sind mehr als 20 Menschen gestorben. Foto: AFP/FRANCOIS LO PRESTI
Bei dem Unglück im Ärmelkanal sind mehr als 20 Menschen gestorben. Foto: AFP/FRANCOIS LO PRESTI

Fast täglich versuchen große Migrantengruppen von Frankreich aus über den Ärmelkanal nach Großbritannien zu gelangen. Viele geraten dabei in Seenot - nun ist ein Boot gekentert und mehr als 20 Menschen sind gestorben.

WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Calais - Beim Untergang eines Bootes mit Migranten auf dem Weg von Frankreich nach Großbritannien sind nach Medienberichten mehr als 20 Menschen gestorben. Das meldeten unter anderem die französische Nachrichtenagentur AFP und der Sender BFMTV am Mittwoch jeweils mit Verweis auf die Polizei. Von einem „Drama mit zahlreichen Toten“ sprach Frankreichs Innenminister Gérald Darmanin, der sich zum Ort des Unglücks begab. Der britische Premierminister Boris Johnson sagte, er sei „schockiert, entsetzt und zutiefst betrübt“ nach dem Tod von wenigstens 30 Migranten, berichtete die Nachrichtenagentur PA. Als Reaktion berief er das nationale Sicherheitskabinett ein.

Fischerboot setzt Notruf ab

Frankreichs Premierminister Jean Castex sprach von einer Tragödie, seine Gedanken seien bei den zahlreichen Opfern. Es gebe große Betroffenheit angesichts des Dramas beim Kentern des Bootes, sagte Innenminister Darmanin. „Man kann nicht oft genug betonen, wie kriminell die Schlepper sind, die diese Überfahrten organisieren.“

Wie die Maritime Präfektur während der noch laufenden Rettungsaktion mitteilte, setzte ein Fischerboot den Notruf ab, dass sich mehrere Migranten in Seenot im Ärmelkanal befänden. Mit Booten und Hubschraubern bemühten sich Helfer von Frankreich aus um eine Bergung. Einige der Geretteten befänden sich in Lebensgefahr.

Die Zeitung „La Voix du Nord“ berichtete von mindestens 27 Toten. Auf dem Boot hätten sich rund 50 Migranten befunden, als dieses rund 15 Kilometer von Calais entfernt kenterte. In dem von Sicherheitskräften abgesperrten Hafen von Calais habe eine bleierne Stille geherrscht, als die Toten in der Dunkelheit von den Rettungsschiffen an Land gebracht worden seien. Im Krankenhaus wurde zur Versorgung der Überlebenden ein Notfallplan aktiviert.

Innenministerin steht unter Druck

Im laufenden Jahr haben bisher mehr als 25 700 Menschen illegal den Ärmelkanal überquert. Das sind fast dreimal so viele wie im gesamten Jahr 2020. Die britische Regierung wirft Frankreich vor, nicht genug gegen illegale Überfahrten zu unternehmen, Paris weist das zurück. Erst im Juli hatten beide Seiten ein neues Kooperationsabkommen vereinbart, um die wachsende Zahl der Migranten, die mit kleinen Booten über den Ärmelkanal nach England kommen, in den Griff zu bekommen. London sagte dabei 62,7 Millionen Euro zu, um die französischen Behörden zu unterstützen.

Vor allem die britische Innenministerin Priti Patel steht wegen der wachsenden Zahl an Migranten unter Druck. Konservative Kreise und Medien sprechen von einer „Krise“. Allerdings ist die Zahl der Flüchtlinge, die in Großbritannien Asyl beantragen, deutlich niedriger als in anderen europäischen Ländern. Patel hatte angekündigt, die Überfahrten zu beenden. Nach dem Brexit führte die Regierung scharfe Zuwanderungsregeln ein. Noch aber hat Patel kein Mittel gefunden, die Migration über den Ärmelkanal zu stoppen. Zuletzt kündigte sie erneut eine Verschärfung der Asylregeln an.

„Die Briten sind verantwortlich“

Die konservative Abgeordnete Natalie Elphicke, die ihren Wahlkreis im Hafenort Dover hat, sprach von einer Tragödie. Der Fall zeige aber auch, dass die Schlauchboote gestoppt werden müssten, bevor sie in Frankreich zu Wasser gelassen werden, sagte Elphicke. Das Risiko, dass Menschen beim Versuch, nach Großbritannien überzusetzen, sterben, steige angesichts kalten Wetters und rauer See.

Der Vize-Präsident der Region Hauts-de-France, in der Calais liegt, beschuldigte am Abend Großbritannien. „Die Briten sind verantwortlich. Das ist nicht der Fehler Frankreichs, das ist nicht der Fehler von Europa“, sagte Franck Dhersin.




Unsere Empfehlung für Sie