Uni Hohenheim bekennt sich zu Tierversuchen 6000 Versuchstiere für Forschung und Lehre

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Mit Presseführungen geht die Uni Hohenheim in die Offensive. Am Beispiel von Kühen mit Schraubverschluss und aus der Forschung an Parasiten haben Wissenschaftler erläutert, weshalb die Uni auf Tierversuche nicht verzichten könne.

Markus Rodehutscord, Professor für Tierernährung, greift der Jerseykuh Cosima direkt in den Pansen. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Markus Rodehutscord, Professor für Tierernährung, greift der Jerseykuh Cosima direkt in den Pansen. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Cosima kaut seelenruhig vor sich hin. Die Jersey-Kuh ist eines der 6000 Versuchstiere, die die Uni Hohenheim im vergangenen Jahr gelistet hat. Dass das zehnjährige Tier seit sechs Jahren eine Pansenfistel hat – eine Art Schraubverschluss, um den Mikrokosmos seines Mageninhalts regelmäßig kontrollieren zu können, scheint es nicht zu kümmern. „So können wir untersuchen, was im Verdauungstrakt des Tieres passiert“, sagt Raoul von Schmettow, Leiter der Tierhaltung auf dem Meiereihof. Am Mittwoch ist die Uni Hohenheim mit dem Thema Tierversuche in die Offensive gegangen – und hat Journalisten Einblicke in ihre Versuchsanlagen gewährt. „Wir brauchen die Tierversuche“, erklärte der Hohenheimer Unirektor Stephan Dabbert.

Professorin fordert respektvollen Umgang

Zugleich sollten diese so gering und abgemildert wie möglich erfolgen. Und: „Wir wollen Tierversuche nur dann machen, wenn sie unerlässlich sind“, so Dabbert – also nur dann, wenn ihre Wissenschaftler den Versuch für den Erkenntnisgewinn für unerlässlich halten. In der Parasitologie erklärt die Parasitologin Ute Mackenstedt, weshalb sie bei ihrer Forschung auf tote Füchse mit Fuchsbandwurm, eine hochgesicherte Feldmauszucht im Keller und Zecken von der Wiese nebenan nicht verzichten kann. Zwar wisse man, dass der Fuchsbandwurm die Leber seines Wirtstieres zerfresse, aber es sei „eine Erkrankung, die wir noch nicht verstehen“. Das funktioniere aber nicht in der Petrischale. „Wir sind auf Wirtstiere angewiesen“, so Mackenstedt. Das gelte auch für Zecken. „Die ernähren sich ausschließlich von Blut. Deshalb bringe man die Zecken auf dem Rücken von mongolischen Wüstenrennmäusen aus. „Wir brauchen Grundlagenforschung zum besseren Verständnis von zeckenübertragenen Krankheiten – danach werden die Wüstenrennmäuse schmerzfrei getötet.“ Mit CO2. Die Zecken wiederum behandle man mit Pilzen, um sie zu töten.

Während mit lebender Maus, lebender Zecke und totem Fuchs nur im Hochsicherheitslabor der Stufe L3 gearbeitet wird, zu dem nur wenige Wissenschaftler Zugang haben, dürfen im normalen Labor Studierende Trichine aus Ratten isolieren. „Ich fordere von den Studierenden einen respektvollen Umgang mit den Tieren“, sagt die Professorin. „Ich habe die Tiere für diesen Kurs infiziert – dafür fordere ich Wertschätzung.“ Andernfalls werde sie fuchsteufelswild.

Nicht nur Respekt, auch Freundlichkeit gegenüber Versuchstieren hat zumindest bei den Milchkühen messbaren Erfolg – nämlich bis zu 20 Prozent mehr Milchleistung, wie von Schmettow berichtet. Bei den Versuchen gehe es nicht nur darum, wie man das Futter optimieren und die Methangase verringern könne, sondern auch ums Tierwohl. Nicht nur die fünf gefistelten Jerseys, auch die 46 Schwarzbunten mögen die Selbstbedienungsbürsten, die die Uni 1993 eingeführt hatte. Seither haben die Kühe keine Milben mehr. Natürlich ist der Umgang mit männlichen Eintagesküken heikler, die schmerzfrei getötet werden und von Bachelorstudierenden im Pflichtkurs seziert werden. Allerdings setze die Uni, wenn möglich, auf Alternativmethoden zum Tierversuch, berichtete die Hohenheimer Tierschutzbeauftragte Ramona Böhm. Auch die ethische Vertretbarkeit werde geprüft. Böhm prüft jeden Antrag auf Tierversuche und leitet ihn dann ans Regierungspräsidium weiter.

Uni will transparent agieren

Zu den Alternativen gehöre, dass man für Physiologieuntersuchungen abgelaufene Humanblutkonserven aus Tübingen verwende. Außerdem würden tierische Organe, die in Versuchen nicht genutzt worden seien, über Datenbanken weitervermittelt.

Die Uni hat all dies in Leitlinien gefasst, die der Senat im Februar beschlossen hat. Man sei darüber auch im Dialog mit Tierschutzorganisationen, berichtete Dabbert. Bedrohungen gegenüber Forschungseinrichtungen oder Wissenschaftlern wie vor kurzem am Max-Planck-Institut in Tübingen und seiner Affenforschung habe es in Hohenheim nicht gegeben, versichert der Rektor. „Hier lief nichts schief.“ Aber er weiß auch: „In der Gesellschaft gibt es große Vorbehalte gegen Tierversuche – und viel Unwissen.“

Um bei dem heiklen Thema möglichst große Akzeptanz zu erreichen, will die Uni ihr Tun transparent machen. Auf ihrem neuen Infoportal im Internet unter www.uni-hohenheim.de/tierversuche veröffentlicht sie Hintergründe zu Forschungsinhalten, angewandten Tierversuchs-Alternativen, Versuchstierzahlen und -belastungen.

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