Stuttgart - Die Auswirkungen der Coronapandemie bekommen inzwischen auch die Hochschulen zu spüren. Nach drei Semestern Digitalstudium ist bei vielen Studierenden die Luft raus. „Große Sorge bereitet der fortschreitende psychologische Belastungszustand durch die Isolation der Studierenden“, berichtet Dorothea Elsner, die Sprecherin der Uni Hohenheim. „Viele Studierende haben ihre Prüfungen geschoben.“ Somit werde dies die Studierenden nicht nur länger ohne Abschluss halten, sondern solche persönlichen Tiefs könnten sich auch auf die Lernfähigkeit auswirken, sodass es in den nächsten zwei Jahren zu mehr Studienabbrüchen kommen könne, befürchtet die Prorektorin für Lehre, Korinna Huber. Inzwischen hat die Uni ihre psychologische Beratung aufgestockt. „Die Sprechstunden unserer Psychologin sind ausgebucht“, berichtet Ulrich Krieger, Studienberater an der Uni Hohenheim.
Vielen Studienanfängern ist unklar: Wie organisiere ich mich zuhause?
„Als die Coronapandemie anfing, hatte wir eine unheimlich ruhige Zeit – als wären die Studierenden in Schockstarre“, erzählt Krieger unserer Zeitung. „In den vergangenen Monaten haben die Beratungsanfragen der Studierenden extrem zugenommen – wir haben die Stundenzahl unserer Psychologin verdoppelt“, berichtet er, „im Moment muss man bei ihr drei bis vier Wochen auf einen Termin warten.“ Auf dem freien Markt könne das aber bis zu einem Jahr dauern, so gefragt sei diese Dienstleistung. Zum Teil fingen die Probleme beim Studium ganz banal an. So sei vielen Anfängern unklar: „Wie organisiere ich mich zuhause? Wie baue ich mir eine Lernumgebung auf, um ein Studium im Homeoffice überhaupt zu bewältigen?“ Vielen fehle die Selbstmotivation, etwa einen Plan für die Woche zu machen und sich dann auch daran zu halten. Viele hätten die Uni noch nie von innen gesehen, keinen Kontakt zu ihren Kommilitonen, starrten stundenlang auf den Bildschirm und sagten: „Ich kann mich nicht mehr konzentrieren.“
„Die Leute haben die Schnauze voll von Online-Angeboten“
In solchen Fällen könne auch schon der Hinweis hilfreich sein: „Machen Sie mal eine Pause.“ Aber natürlich gebe es auch weitergehende Studienberatungsangebote – allerdings derzeit alle digital. „Die waren am Anfang super ausgebucht, aber jetzt ist die Nachfrage rückläufig, wir haben keine Warteliste mehr“, sagt Krieger, „die Leute haben die Schnauze voll von Online-Angeboten“. Dennoch seien die Zoom-Sprechstunden weiterhin sehr gefragt. Denn die Uni sei derzeit eben noch geschlossen. Und noch etwas habe sich verändert. Früher seien eher leistungsschwache Studierende in die Beratung gekommen. „Inzwischen kommen auch Studierende mit guten Noten, die sagen: Ich kann nicht mehr, ich schaff’s nicht mehr , den Rechner einzuschalten“, erzählt Krieger. Anders als in Vor-Corona-Zeiten sei der Leistungsdruck gerade kein Thema. Doch die Isolation, die fehlenden sozialen Kontakte, das verändere die Leute – bis hin zum Burnout oder depressiven Verstimmungen. Er habe das Gefühl, „die Studierenden wurden vergessen“, so Krieger und fügt hinzu: „Da hat man immer gesagt, die sind ja erwachsen, die kriegen das auch alleine hin.“ Doch das sei eben nicht bei allen der Fall. „Jeder an der Uni wünscht sich mehr Präsenz“, sagt Krieger. Doch bisher ist eine Öffnung nicht in Sicht.