Künftig kann man an der Uni Stuttgart auch KI und Datenwissenschaften studieren. Und manches alte Fach soll unter neuem Namen besser ankommen. Doch solche Nachschärfungen müssen erst den Härtetest bestanden haben.

Lokales: Inge Jacobs (ja)

Die Bewerbungsphase fürs Wintersemester läuft. An der Uni Stuttgart haben Studieninteressierte die Wahl zwischen mehr als 160 Bachelor- und Masterstudiengängen. Damit Angebot und Nachfrage besser zusammenpassen, hat die Uni nachgesteuert: mit neuen Masterstudiengängen in den Bereichen Informatik und Bauen und neuen Namen für alte Studiengänge. Frank Gießelmann, Prorektor Lehre, versichert aber: „Wir wollen uns nicht von kurzfristigen Trends abhängig machen.“ Doch wer gibt dann die Impulse vor?

Denn nagelneu zum Wintersemester kommt der Master Artificial Intelligence and Data Science ins Angebot. Der heißt mit Absicht so, obwohl die Unterrichtssprache Deutsch ist. Aber von den Teilnehmern wird auch Englisch auf B-1-Niveau verlangt. Als Grund für das neue Angebot erklärt die Uni, die Nachfrage nach Fachkräften mit Kompetenzen in den Bereichen Künstliche Intelligenz und Datenwissenschaften steige stetig. „In allen Bereichen der Wirtschaft sowie in der Verwaltung und Forschung fehlen einschlägig ausgebildete DatenwissenschaftlerInnen“, heißt es in einer Pressemitteilung der Uni. Doch kann da die Wirtschaft einfach sagen: Hallo, wir brauchen neue Fachkräfte, und dann springt die Uni und sortiert ihre Studiengänge neu?

Vor der Entwicklung eines neuen Studiengangs gibt es viele Hürden

Nein, so sei es nicht, sagt Gießelmann. „Die Initiative kommt immer aus den Fächern.“ Die Fakultäten richteten ihre Lehrangebote eigenständig auf den wissenschaftlich-technologischen Wandel aus, zudem kämen diese alle sechs bis acht Jahre auf den Prüfstand. Und, nein, schnell gehe so etwas auch nicht. „Die Entwicklung eines Studiengangs ist ein relativ langwieriger Prozess.“ Bis dieser mitsamt seiner Prüfungsordnung durch alle Gremien durch und von allen befürwortet sei, dauere das anderthalb Jahre. „Für ein kleines Strohfeuer wird es keinen neuen Studiengang geben“, so Gießelmann. Bei aktuellen Entwicklungen steuere man eher über Vertiefungs- und Wahlangebote nach. Bei den neuen Masterstudiengängen spiele auch eine Rolle, dass man damit für besonders erfolgreiche Bachelorstudiengänge eine konsekutive Fortsetzung anbiete. „Für uns ist das erste Kriterium das Annahmeverhalten“, so der Prorektor. Also wie gut ein Studiengang belegt werde. Aber man schaue auch, wie groß der Schwund sei und wie viele Studierende es bis zum Abschluss schafften.

Studieninteresse und Bedarf in der Wirtschaft nicht immer deckungsgleich

Allerdings richtet sich das Studieninteresse nicht immer nach dem Bedarf der Abnehmer, etwa der Wirtschaft, wie man etwa beim Maschinenbau oder den Bau- und Umweltingenieurwissenschaften sehen kann, deren Absolventen ja durchaus gebraucht würden. Obwohl diese Studienfächer zuletzt weniger nachgefragt wurden, fahre die Uni sie nicht zurück. Es seien Grundlagenfächer. Gießelmann zieht daraus den Schluss: „Wir müssen die gesellschaftliche Relevanz der Mint-Fächer deutlicher machen.“ Allerdings entwickle man auch Studienangebote zwischen den klassischen Fächern, aktuell etwa einen Schnittstellenstudiengang wie Wirtschaftsinformatik, der als Master im Herbst starten soll. Das Besondere daran sei, dass Studierende eine große Freiheit bei der Wahl ihrer Module haben. Neben einer Pflichtveranstaltung können sie zwischen mehr als 120 Modulen aus der Wirtschaftsinformatik, BWL, Informatik, Ingenieurwissenschaften oder Technik wählen.

Auf die Verknappung von Rohstoffen, steigende Energiepreise, Klima- und demografischen Wandel reagiert die Uni mit einem neuen berufsbegleitenden Online-Master Bauphysik und Umweltgerechtes Bauen.

Name eines Studiengangs soll keine falschen Assoziationen bewirken

Doch manchmal entscheidet auch der Name eines Studiengangs darüber, wie gut und von wem er belegt wird. Deshalb nennt die Uni ihre Studiengänge „Softwaretechnik“ künftig „Software Engineering“. Das habe schon Diskussionen im Senatsausschuss und Fragen von Altphilologen ausgelöst. Doch der neue Begriff habe sich längst im deutschen Sprachumfeld durchgesetzt, von Stellenanzeigen bis zu Firmenportfolios. Auch die Studiengänge „Fahrzeug- und Motorentechnik“ heißen künftig nur noch „Fahrzeugtechnik“. Damit wolle man „veraltete Assoziationen vermeiden, die den zeitgemäßen Studieninhalten nicht gerecht werden“, erklärt die Uni. Gießelmann wird noch deutlicher: „Motorentechnik assoziiert man zu sehr mit Verbrennern.“ Dass der Name eine Wirkung zeitigt, könne man bei zwei Studiengängen sehen, die viele Überschneidungen hätten: Verfahrenstechnik und Umweltschutztechnik. Bei letztgenanntem sei der Anteil der weiblichen Studierenden allerdings wesentlich höher.