Uniklinik Tübingen Musik auf der Palliativstation

Singen ist wegen Corona nicht erlaubt, und so summt Sabine Rachl unter ihrer Maske zum Spiel der Gitarre. Foto: Ines Rudel

Körperliche Schwäche annehmen, den Tod akzeptieren: vor dieser Aufgabe stehen unheilbar kranke Menschen. In der Uniklinik Tübingen hilft vielen die Musiktherapie von Sabine Rachl.

Tübingen - Die Frau im Krankenbett lauscht den Klängen der Gitarre. Sanft wiegt sie ihren Kopf, den sie auf zwei Kissen gebettet hat, im Takt des Liedes nach links und rechts. Nach ein paar Versen weint sie, wischt die Träne aber schnell weg, ihre rechte Hand zittert dabei ein bisschen.

 

Auf einem Stuhl am Fußende sitzt die Musiktherapeutin und streicht ihre Gitarre. Ein Volkslied spielt sie, „The river is flowing“, ein Stück aus Nordamerika. Die Melodie fließt dahin. Warme Klänge erfüllen Zimmer 814 der Uniklinik Tübingen. Wäre es nicht verboten, würde Sabine Rachl dazu den englischen Text des Liedes singen. Übersetzt geht er so: „Im Fluss sein heißt fließen, sich fließend ergießen, als Fluss wachsen, fließen heimwärts ins Meer.“ Doch Singen ist wegen Corona nicht erlaubt, und so summt Rachl unter ihrer Maske zum Klang der Gitarre.

Die 53-jährige Patientin in Zimmer 814 – in diesem Text soll sie Heidi heißen – ist seit vier Wochen in der Klinik. Wegen eines Hirntumors wird sie auf der Palliativstation behandelt, unter anderem bekommt sie Musiktherapie. An diesem Nachmittag summt Sabine Rachl drei Lieder für die Patientin. Es sind Lieder, die Gespräche anstoßen. Lieder, die Bilder im Kopf erschaffen. Lieder, die der Patientin helfen, die Krankheit, die körperliche Schwäche, die Einsamkeit und vor allem sich selbst anzunehmen.

In Gedanken ergießt sich der Fluss in Meer

Als die Töne verklungen sind, seufzt Heidi, die das Lied schon aus vorherigen Therapien kennt. Schnell wischt sie sich eine Träne weg und sagt: „Der Text, der bedeutet mir echt viel. In diese Melodie lege ich mich rein und lasse mich tragen.“

Als Heidi auf die Palliativstation kam, konnte sie ihren linken Arm und das linke Bein noch bewegen. Inzwischen ist die linke Körperhälfte gelähmt. Schuld ist der Hirntumor, der so sitzt, dass man ihn nicht wegoperieren kann. Im vergangenen November erhielt sie die Diagnose.

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Im Krankenhaus wird der Tumor bestrahlt, damit er sich nicht vergrößert. 15, 20 Minuten dauert eine Sitzung. Heidi ruht dann auf einer kalten Metallliege, wegen Corona trägt sie Mundschutz, und darüber eine Schutzmaske, damit die radioaktiven Strahlen nur den Tumor treffen. Mundschutz und Maske drücken auf ihr Gesicht, sie bekommt schlecht Luft. In Gedanken beginnt sie „The river is flowing“ zu singen. Sie sieht vor sich, wie sich ein Fluss ins Meer ergießt. Es ist ihre Meditation. Sie entspannt sich, ihr Atem geht langsamer. So verrinnen die Minuten, bis die Bestrahlung überstanden ist.

Bis zum letzten Herbst, bis der Hirntumor dafür sorgte, dass sie weniger schmecken, sich immer schlechter konzentrieren und mit der linken Hand nicht mehr richtig zupacken konnte, saß Heidi in ihrer Freizeit ständig am Klavier oder versuchte sich auf dem Akkordeon. Sie spielte Songs von Johnny Cash oder Element of Crime. Oft begleitete ihr Mann sie auf der Gitarre.

Die Pandemie macht es noch schwerer

Ihm würde Heidi jetzt gern nahe sein. Sie vermisst ihn, seit sie in der Klinik ist. Wegen Corona sind kaum Besuche möglich. Es braucht dafür einen besonderen Grund, ein Arztgespräch zum Beispiel. Einfach vorbeikommen, sich ans Bett setzen, miteinander reden, lachen oder weinen, das geht nicht. Nicht in der Pandemie.

Natürlich versteht Heidi, warum die Klinik Besuchsmöglichkeiten beschränkt. Natürlich gebe es dafür gute Gründe. Aber ihr Herz mag diese nicht akzeptieren. Oft fühlt sie sich einsam. Zweimal war ihr Mann letzte Woche bei ihr, für jeweils zwei Stunden. Vier Stunden in einer Woche. So gern würde sie ihn vier Stunden am Tag sehen.

Sabine Rachl, die Musiktherapeutin, ist 51 Jahre alt, hat lange, lockige Haare, die von grauen Strähnen durchzogen sind, trägt eine blaue Strickjacke und eine eckige Brille mit durchsichtigem Rand.

Veränderung in Wellen

Als Kind begann sie Klavier zu lernen, Gitarre und Klarinette. Seit ihrer Jugend sammelt sie Instrumente, bei denen Geräusche und Klänge durch Schlagen oder Schütteln entstehen. Ungefähr 300 zählt ihre Sammlung. Jahrelang arbeitete Rachl als Lehrerin, unterrichtete Deutsch, Philosophie und Religion, gründete sogar eine Schule. Vor elf Jahren starb ihr Mann, mit dem sie die Schule leitete. Da beschloss Rachl, sich beruflich neu zu orientieren. Erst wurde sie Sterbe- und Trauerbegleiterin, dann Musiktherapeutin.

„Musik macht innere Prozesse hörbar und so von außen her spürbar“, sagt Sabine Rachl. Darin liege die Kraft der Musiktherapie. Menschen, die schwer krank sind, können sich dadurch ihrer eigenen Veränderung bewusst werden, die meist in Wellen geschieht. Wahrzunehmen, wie der eigene Körper abbaut, sei oft mit Schmerz verbunden. Aus dem Körper, den man kennt, herauszutreten und ihn im Sterben zurückzulassen, ängstige viele Menschen. „Die Musiktherapie kann diese Schmerzwellen begleiten und manchmal tragen“, sagt Rachl.

Weil das innere Erleben eines Menschen so komplex ist, ist die Wirkung von Musiktherapie wenig erforscht. Hinzu kommt insbesondere bei älteren oder schwer kranken Menschen, dass sie nicht mehr sprechen und auch keine Fragebögen mehr ausfüllen können. Einige Studien belegen, dass Patienten sich nach der Therapie entspannter fühlen und ihr Herz ruhiger schlägt. Noch erkennen Krankenkassen die Musiktherapie nicht an, noch müssen Kliniken sie selbst finanzieren.

Es geht nicht mehr ums Überleben

In der Tübinger Palliativstation geschieht das über Spenden. Die Pflegedienstleiterin Aika Heinzelmann arbeitet seit drei Jahren mit Sabine Rachl zusammen. Wie die Stationsärztin Sylke Busch ist sie überzeugt: Musik spricht Menschen auf einer anderen Ebene an als beispielsweise Physio- und Ergotherapie. Vor allem Patienten, die sich wegen ihrer Krankheit nicht mehr bewegen oder mit Worten ausdrücken können, werden durch Klänge erreicht. Diese lenken sie entweder ab oder bringen sie dazu, sich mit ihrer Krankheit auseinanderzusetzen.

Für jeden Menschen ist die Palliativstation ein Wendepunkt. Wer hier behandelt wird, hofft nicht mehr auf Heilung, sondern darauf, seine letzten Tage, Wochen oder Monate so schön und so schmerzfrei wie möglich zu verbringen. Zwölf Stunden pro Woche unterstützt Sabine Rachl die Patienten dabei. Zu Beginn jeder Schicht bespricht sie sich auf der Station: „Die Pflegekräfte sind den Patienten am nächsten, sie wissen am besten, wem Musik oder ein Gespräch guttun würde.“ Bei diesen Menschen klopft Rachl dann als Erstes und schlägt vor, gemeinsam Atemübungen zu machen oder zu musizieren.

Mit älteren Menschen singt sie oft Volkslieder. Wer neugierig und körperlich dazu in der Lage ist, begleitet sie auf dem Glockenspiel, rasselt oder trommelt. Für Patienten mit körperlichen Einschränkungen singt und spielt die Therapeutin allein auf Instrumenten. Zwischen zehn Minuten und eineinhalb Stunden dauert eine Sitzung.

Die Musik weckt Erinnerungen

Wie die Länge variiert auch der Inhalt der Musiktherapie. Manche Menschen nutzen sie, um sich abzulenken. Wenn sie musizieren oder lauschen, harren sie ganz im Moment. Dass sie krank sind, dass ihre verbleibende Lebenszeit ungewiss ist, können sie kurz vergessen oder verdrängen.

Andere Menschen wünschen sich Lieder, die ihre Gedanken anregen. So wie Heidi. Musik bringt sie dazu, sich zu erinnern, und das mag sie. Lieder lassen Bilder in ihrem Kopf entstehen. Sie konfrontiert sich mit dem, was kommen wird. Und sie denkt an früher.

Einmal, als Heidi gerade Besuch von ihrem Mann hatte, klopfte Sabine Rachl an die Zimmertür und fragte, ob sie hereinkommen dürfe. Heidi und ihr Mann freuten sich. Zu dritt Musik hören, sich treiben lassen, spüren, was das auslöst, diese Idee gefiel ihnen.

Großer schwarzer Vogel

Auf Wunsch des Mannes von Heidi hörten sie mit der Therapeutin „Komm großer schwarzer Vogel“ über das Smartphone und eine Lautsprecherbox, ein Lied von Ludwig Hirsch. Ein langsames, trauriges Lied, in dem der Erzähler einen großen schwarzen Vogel bittet, ihn abzuholen. Heimzuholen in den Tod. „Komm, großer schwarzer Vogel, komm zu mir! Spann’ deine weiten, sanften Flügel aus. Und leg’s auf meine Fieberaugen! Bitte, hol’ mich weg von da!“

In der zehnten Therapiestunde mit Rachl blickt Heidi auf die gemeinsame Sitzung mit ihrem Mann zurück. Sie sagt: „Wenn mein Mann mit so einem Lied ankommt, dann hat er schon einen Teil des Schmerzes überwunden.“ Sabine Rachl erwidert: „Sie haben mit Ihrem Mann über die Lieder gesprochen, die Sie bei Ihrer Beerdigung haben wollen, oder?“ – „Genau, so sind wir darauf gekommen“, antwortet Heidi. „Wollen Sie es noch einmal hören?“, fragt Rachl.

Was ist der Tod?

Heidi lauscht mit geschlossenen Augen. Sieben Minuten vergehen. Ein paar Mal wiegt sie langsam ihren Kopf. Der Blick von Sabine Rachl ruht die ganze Zeit auf ihr.

Danach fragt Rachl: „Wie war es denn für Sie, das Lied das zweite Mal zu hören?“ Heidi sagt: „Sanfter. Diesmal habe ich es mehr mit dem Aspekt gehört, was meinen Mann daran so bewegt hat.“

Was das ist, will Rachl wissen. Kurz bricht Heidi die Stimme weg. „Dieses Befreiende, dieses Erlösende. Dass Sterben nichts ist, wovor man Angst haben muss, sondern wo man hin marschieren darf.“

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