Stuttgart - Die Krankenschwester von der Ulmer Uniklinik schrieb direkt an den Oberbürgermeister. Per Offenem Brief schilderte sie Gunter Czisch, was die von ihm zugelassenen Zwölf-Stunden-Schichten in der Praxis bedeuteten. Schon physisch sei es „extrem belastend“, so lange im Schutzanzug auszuhalten: quälend warm sei es darin, die Gesichtsmaske drücke. Trinken und Essen sei während des Tragens nicht möglich, weil An- und Ausziehen bis zu 15 Minuten dauere. Hinzu komme die Angst, sich bei Covid-19-Patienten oder untereinander anzustecken. Ihre dringende Bitte: der OB möge seine Verfügung überdenken.
Czisch formulierte eine zweiseitige Antwort voller Verständnis: Er habe „große Hochachtung“ vor der schweren und zugleich unerlässlichen Arbeit. „Die enorme Leistung und die hohen Belastungen“ seien ihm „absolut bewusst“. In der Sache aber blieb der OB hart: Um die Coronakrise zu meistern gebe es leider keine Alternative zu der per Ausnahmeregel verlängerten Arbeitszeit. Auf Facebook erntete der Christdemokrat dafür reichlich Kritik. Tenor: es sei reines „Politiker-Bla-Bla“, was er da von sich gebe.
Personalrat ist auf der Palme
Innerhalb der Uniklinik wird die Debatte noch heftiger geführt – und deutlich kontroverser als an den anderen Unikliniken im Südwesten. Seit die Schichten in einigen Bereichen von acht auf zwölf Stunden verlängert wurden, ist der Personalrat auf der Palme. Man bestreite gar nicht, dass dies im weiteren Verlauf der Pandemie notwendig werden könnte, heißt es in einer einstimmig beschlossenen Erklärung. Aber es komme nur als „ultima ratio“ in Betracht, also als letzte Möglichkeit. „Verfehlt“ sei es, das belastende Schichtmodell schon jetzt einzuführen, ohne dass es eine Notsituation gebe. Zudem sei dies teils ohne Zustimmung des Personalrats, teils gegen dessen erklärten Willen geschehen.
Rückendeckung bekommen die Personalräte von der Gewerkschaft Verdi. Tägliche Arbeitszeiten von bis zu zwölf Stunden kämen nur dann in Betracht, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft seien. Die vom Bund ermöglichte Lockerung dürfe nur in „absoluten Ausnahmesituationen“ genutzt werden, fordert Verdi – und schon gar nicht voreilig: Corona im Krankenhaus sei schließlich „kein Sprint, sondern ein Marathon“. Gerne verweisen Gewerkschafter auf die Erfahrungen in China, wo überlange Arbeitszeiten zu Gefahren und Fehlern geführt hätten.
Klinikchef gegen lange Diskussionen
Adressat des Unmuts in Ulm sind der Klinikdirektor Udo Kaisers und seine Personalchefin. Hoch ging es her, als sie sich im April mit Vertretern des Personalrats zur Aussprache trafen; auch in der internen Korrespondenz ist die Tonlage inzwischen gereizt. Wenn Kaisers argumentiert, man könne in der Krise nicht über jede Maßnahme „langwierige Diskussionen führen“, verstehen die Personalräte das als Vorwurf, sie würden die Reaktionen auf Corona „nur unnötig aufhalten“.
Dabei sieht der Klinikchef, so sorgenvoll er die Lage insgesamt beurteilt, für Aufregung eigentlich keinen Grund. Man habe die Zwölf-Stunden-Schichten „sehr restriktiv eingeführt“, lässt er eine Sprecherin ausrichten; in einem Bereich seien sie gar nicht umgesetzt, in zwei Teilbereichen bereits wieder eingestellt worden. Man könne die Umstellung aber nicht erst vornehmen, „wenn die Notsituation eingetreten ist“, sondern brauche einen gewissen Vorlauf. Zudem sei für Ruhepausen und einen Freizeitausgleich gesorgt.
Streitpunkt ist die Mitbestimmung
Knackpunkt zwischen Kaisers und dem Personalrat ist inzwischen die Frage der Mitbestimmung. Ein Recht dazu gebe es nicht, weil die Tarifverträge eine Öffnungsklausel für längere Arbeitszeiten enthielten, sagt die Klinik. Zudem verweist sie auf die Verfügung der Stadt Ulm. Die Mitarbeitervertretung sieht das anders, unterstützt von Verdi – und drohte bereits mit dem Gang vor Gericht.
Vom Ulmer OB erhielten die Klinikoberen übrigens eine Art Persilschein. Auf das Angebot der Krankenschwester, „sich vor Ort ein Bild zu machen“, ging er zwar nicht ein. Aber er bekundete „großes Vertrauen“ in die Verantwortlichen, die hohen Belastungen bei der Planung des Personaleinsatzes zu berücksichtigen.