United World College of the Atlantic in Wales Warum so viele Royals auf deutsche Pädagogik schwören

Das UWC College of the Atlantic nahe Cardiff ist in einem Schloss aus dem 12. Jahrhundert untergebracht. Foto: imago images/PPE

Kurt Hahn war nicht nur der Gründer des Internats Salem, nach der Idee des deutschen Pädagogen wird an den UWC-Colleges immer noch unterrichtet. Vor allem eine Schule ist zur heimlichen Kaderschmiede der europäischen Royals geworden.

Freizeit und Unterhaltung: Theresa Schäfer (the)

„Mutti, es ist die Hölle hier, vor allem nachts. Die Leute in meinem Schlafsaal sind garstig.“ Verzweifelte Zeilen wie diese erreichten Queen Elizabeth II. von ihrem Sohn Charles, als er in den 1960er Jahren das schottische Internat Gordonstoun besuchte. Der heutige König war nicht glücklich im hohen Norden, in der Schule, die der deutsche Pädagoge und Salem-Gründer Kurt Hahn nach seiner Emigration nach Großbritannien 1934 eröffnet hatte.

 

Doch auch wenn König Charles III. mit Gordonstoun nicht die besten Erinnerungen verknüpfen dürfte – nach Hahns Pädagogik werden noch heute viele Kinder des europäischen Hochadels unterrichtet. In den 1960er Jahren hatte der Deutsche die Idee, Jugendliche aus allen Teilen der Welt gemeinsam lernen zu lassen, um einen Beitrag für Frieden und Völkerverständigung zu leisten. Daraus entstanden die United World Colleges (UWC), von denen es heute 18 von Kanada über Tansania bis ins badische Freiburg gibt.

Alle UWC-Schulen eint das Hahn’sche Leitbild: Jugendliche sollen einen „offenen und kritischen Geist“ entwickeln, Verantwortung übernehmen, gemeinnützige Arbeit leisten und mit Kindern aus vielen verschiedenen Nationen zusammenkommen. Zwei Jahre lernen die 16- bis 18-Jährigen zusammen, am Ende steht ein international anerkannter Abschluss ähnlich dem Abitur. Wer einen Platz ergattern will, muss sich bereits hervorgetan haben – nicht nur durch gute Noten, sondern auch mit sozialem Engagement.

Prinzessin Alexia und Infantin Leonor werden bald Mitschülerinnen

Im ersten seiner Art, dem UWC Atlantic College in Wales, ist die Royaldichte besonders hoch: Das Internat in Llantwit Major unweit von Cardiff besuchten bereits der niederländische König Willem-Alexander und die belgische Kronprinzessin Elisabeth. Momentan gehen sogar gleich zwei Prinzessinnen durch die Gänge des St.-Donat-Schlosses aus dem 12. Jahrhundert: Willem-Alexanders zweitgeborene Tochter, Prinzessin Alexia, und die spanische Thronfolgerin, Infantin Leonor. Jetzt gab das spanische Königshaus bekannt, dass auch Leonors jüngere Schwester Sofía ab kommenden Herbst in Wales zur Schule gehen soll.

Das exklusive Internat in Wales hat seinen Preis: Das spanische Königshaus machte bei Leonors Schulantritt öffentlich, was die zweijährige Ausbildung an dem College kostet. Rund 38.000 Euro pro Jahr. Leonors Großmutter, die frühere spanische Königin Sofía, war Schülerin an Hahns erster Wirkungsstätte, Schloss Salem.

Für seine Mitschüler einfach „Alex“

Alexias Vater Willem-Alexander hatte das UWC Atlantic College von 1983 bis 1985 besucht – angeblich durchlebte er damals eine rebellische Phase, die Schule brachte ihn wieder auf die Spur. In Wales genoss der Prinz relative Anonymität: Für seine Mitschüler war er einfach „Alex“. Er arbeitete ehrenamtlich bei den Rettungsschwimmern.

Was hat die Hahn’sche Pädagogik an sich, das die Royals einnimmt? Kurt Hahn (1886 – 1974) gilt als einer der Begründer der Erlebnispädagogik. Er war der Überzeugung, dass Kinder am besten durch praktische Erfahrungen lernen. 1919 hatte er die Gelegenheit, seine Theorie in der Praxis anzuwenden: Unterstützt vom letzten deutschen Reichskanzler Max von Baden gründete er auf Schloss Salem am Bodensee seine Schule. Rasch entwickelte sich das Internat zur Kaderschmiede der Elite: Der Schriftsteller Thomas Mann schickte zwei seiner Kinder nach Salem, Anfang der 30er Jahre ging auch Prinz Philip für ein Jahr am Bodensee zur Schule.

Prinz Philip schickte seine Söhne nach Gordonstoun

Nach Adolf Hitlers Machtergreifung wurde der jüdische Pädagoge Hahn von den Nationalsozialisten aus dem Schuldienst entlassen und emigrierte 1934 nach Großbritannien. In Schottland gründete Hahn sein „zweites Salem“: Gordonstoun. Zunächst gingen vor allem Kinder anderer deutscher Emigranten auf das Internat. Auch Prinz Philip beendete in Gordonstoun seine Ausbildung. Der 2021 verstorbene Ehemann der Queen, einst schneidiger Marinekommandant und bekanntermaßen ein Freund körperlicher Ertüchtigung, hatte offenbar gute Erinnerungen an seine Schulzeit dort. Zusammen mit Hahn gründete Philip später sogar den „Duke of Edinburgh’s Award“, der junge Leute ermutigen soll, an ihre Grenzen zu gehen, Verantwortung zu übernehmen und anderen zu helfen. Es ist der Geist, im dem der Herzog von Edinburgh in Salem und Gordonstoun erzogen wurde.

Für Prinz Philip war es dann auch gar keine Frage, dass seine Söhne ebenfalls in Gordonstoun unterrichtet werden sollten. Vor allem für den sensiblen Charles war die Schule aber nicht die beste Wahl. Angeblich soll der heutige König seine frühere Schule sogar mit einem berüchtigten Kriegsgefangenenlager der Nationalsozialisten verglichen haben: Gordonstoun sei „Colditz in Kilts“. Rückblickend gibt der heute 75-Jährige aber auch zu: „Ich lernte dort eine Menge über mich selbst, meine Fähigkeiten und meine Unzulänglichkeiten. Ich lernte, Herausforderungen anzunehmen und die Initiative zu ergreifen.“ Seine Schwester, die deutlich toughere Prinzessin Anne, durfte als Mädchen zu ihrer eigenen Schulzeit nicht nach Gordonstoun, schickte aber später ihre Kinder Peter und Zara Phillips dort hin. Bezeichnenderweise gingen Charles’ und Dianas Söhne William und Harry dann aber nicht nach Gordonstoun, sondern nach Eton.

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