Universität Hohenheim Mit Hanf die Welt ein bisschen retten

Florian Pichlmaier von der Signature Products GmbH und Prof. Dr. Simone Graeff-Hönninger von der Uni Hohenheim begutachten im Versuchsfeld die Nutzhanf-Pflanzen. Foto: Jürgen Brand
Florian Pichlmaier von der Signature Products GmbH und Prof. Dr. Simone Graeff-Hönninger von der Uni Hohenheim begutachten im Versuchsfeld die Nutzhanf-Pflanzen. Foto: Jürgen Brand

In einem neuen Forschungsprojekt der Uni Hohenheim werden proteinreiche Lebensmittel aus regional angebautem Hanf erzeugt.

Lokales: Jürgen Brand (and)
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Hohenheim - Bei praktisch allen Forschungsprojekten der Unit Hohenheim geht es darum, die Welt ein bisschen besser und vor allem zukunftsfähiger zu machen. Jetzt ist dort ein Projekt gestartet worden, das gleich zwei überlebenswichtige Probleme der Menschheit angeht: Wie kann die Versorgung der immer rascher wachsenden Weltbevölkerung gesichert werden? Wie kann das auf pflanzlicher Basis geschehen, damit die rasant fortschreitende Klimakrise nicht noch weiter verschärft wird? Es geht dabei auch um die Selbstversorgung der Menschen in Baden-Württemberg und um zukunftsfähige Arbeitsplätze in der Landwirtschaft und der Lebensmittelerzeugung.

Das Projekt wurde TASTINO genannt, der Name aus Teilen des ausführlichen Projekttitels zusammengepuzzelt: „SchniTzel, Hanftofu, PASTa & Co aus dem Reallabor Hanf – proteINbasierte Lebensmittel aus regiOnalem Hanfanbau“. Projektpartner sind das Institut für Kulturpflanzenwissenschaften der Universität Hohenheim, das für die Begleitforschung verantwortlich ist, und die Signature Products GmbH mit Sitz in Pforzheim, zuständig für die Entwicklung von Lebensmitteln – vor allem von Fleischersatzprodukten wie Schnitzel, Tofu oder Bolognese – aus Hanfsamen. Ermöglicht wurde das Projekt durch das „Bioökonomie Innovations- und Investitionsprogramm für den Ländlichen Raum“ des Ministeriums für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg, aus dem rund eine Million Euro in das Projekt fließen, 365 000 Euro davon gehen an die Universität Hohenheim.

Neue, fleischlose Lebensmittel

„Wir sind an unseren planetaren Grenzen“, sagt die Professorin Simone Graeff-Hönninger, die im Uni-Institut für Kulturpflanzenwissenschaften die Arbeitsgruppe Anbausysteme und Modellierung leitet. Um den steigenden Proteinbedarf der Weltbevölkerung decken zu können, müssten neue, fleischlose Lebensmittel produziert werden. „Wir brauchen alternative Konzepte.“ Eine Alternative zu Fleisch, dessen Massenproduktion der Erde nachgewiesenermaßen alles andere als gut tut, sind Hanfsamen. Graeff-Hönninger hat dafür auch ein großes Ziel: „Ich hoffe, irgendwann Hohenheim zu einem großen Hanfstandort etablieren zu können.“

Gerade in Deutschland schrillen beim Begriff Hanf bei manchem die Alarmsirenen und ein Schreckensszenario vom Drogensumpf wird heraufbeschworen. Das war allerdings schon einmal ganz anders: Die großen Entdecker der Weltgeschichte benutzten auf ihren Segelschiffen einst Taue aus Hanffasern. Der legendäre Henry Ford ließ 1941 ein Auto auf Hanfbasis bauen. Und auch der neue Porsche-Rennwagen 718 Cayman GT4 Clubsport hat Türen aus Verbundwerkstoffen mit (importierten) Hanffasern.

Eine der ältesten Nutzpflanzen

Hanf ist eine der ältesten und multifunktional verwendbaren Nutzpflanzen überhaupt. Die Fasern können für Kleidung, Dämmmaterialien oder in Verbundwerkstoffen als Ersatz für Kohlefasern verwendet werden, der nicht psychoaktive Wirkstoff Cannabidiol ist entzündungshemmend und wird in der Medizin unter anderem bei Asthma oder chronischen Darmerkrankungen eingesetzt. Aus Hanfsamen kann man eben proteinreiche Lebensmittel herstellen. Und darüber hinaus bindet die Pflanze bis zu sechsmal so viel CO2 wie andere Pflanzen.

Allerdings wurde der Besitz der nachhaltigen Pflanze 1929 in Deutschland verboten, weil zumindest manche Sorten eine berauschende Menge des Wirkstoffs Tetrahydrocannabinol (THC) enthalten, der in Drogen wie Marihuana oder Haschisch wirkt.

Auf den Feldern der Hohenheimer Versuchsstation Ihinger Hof bei Renningen werden diese Sorten natürlich nicht angebaut, sondern ausschließlich Nutzhanfsorten. Deren THC-Gehalt muss unter 0,2 Prozent liegen, was auch von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung regelmäßig kontrolliert wird. Zum Vergleich in Europa: In Frankreich gilt zwar auch noch die 0,2 Prozentgrenze, Lockerungen sind aber angekündigt. Und in die Schweiz blicken die Hohenheimer Forscherinnen sogar mit ein bisschen Neid, weil die Regeln dort deutlich gelockert wurden, der nährungAnbau viel einfacher ist und es schon etliche Hanfprodukte in den Supermarktregalen gibt.

Anbaufläche soll verdoppelt werden

In diesem Jahr werden im Rahmen des TASTINO-Projekts 20 Hanfsorten angebaut. Geblüht haben sie schon, die Samenernte soll in der kommenden Woche beginnen. Im kommenden Jahr soll die Anbaufläche verdoppelt, vielleicht sogar verdreifacht werden. Dabei wollen die Forscherinnen und Forscher herausfinden, welche Sorte für welches Klima und welchen Boden am besten geeignet ist. Aus dem geernteten Samen will der Projektpartner Signature Products vor allem Fleischersatzprodukte, für die es in Deutschland inzwischen einen immer weiter wachsenden Markt gibt, herstellen.

Wer jetzt meint, die Versuchsfelder aus anderen als wissenschaftlichen Zwecken suchen zu müssen, kann sich die Mühe sparen: Da rauscht – außer früher oder später die Klospülung – nix, auch wenn man den Nutzhanf kiloweise isst.

Landwirte, Gastronomen oder auch Supermarkt-Betreiber aus Baden-Württemberg, die sich für das Projekt interessieren und sich für Forschungszwecke daran beteiligen wollen, können sich direkt bei der Universität Hohenheim melden. Weitere Infos gibt es unter https: //anbausysteme.uni-hohenheim.de sowie per E-Mail an simone.graeff@uni-hohenheim.de.




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