Digitalisierung Blick in die Zukunft auf 5000 Quadratmetern

Forscher der Universität Stuttgart wie Professor Stephan ten Brink arbeiten an Algorithmen für die Datenübertragung der Zukunft. Foto: Arena 2036 (z)
Forscher der Universität Stuttgart wie Professor Stephan ten Brink arbeiten an Algorithmen für die Datenübertragung der Zukunft. Foto: Arena 2036 (z)

In der Forschungsfabrik Arena 2036 auf dem Campus in Stuttgart-Vaihingen werden Einsatzmöglichkeiten von 5G-Technologie für Produktion, Logistik und Mobilität ausgelotet. Dieses Testzentrum findet weltweit Beachtung.

Vaihingen - Ein Gang durch die Forschungsfabrik Arena 2036 auf dem Campus der Universität in Vaihingen gleicht einem Blick in die Zukunft. Linker Hand wird an induktiver Energieübertragung über den Boden getüftelt. Rot leuchten die Bahnen, die unter Strom stehen. Orangefarbene Felder markieren potenzielle Maschinenstandorte. Kabel? Fehlanzeige. Nebenan ruht ein gängiger Staubsaugerroboter. Hier in der Halle muss er nicht sauber machen. Er dient der Simulation eines fahrerlosen Transportvehikels. „Bis zum Gewicht einer Katze tut es bekanntlich auch dieses Modell“, erklärt Arena-2036-Forschungskoordinator Philipp Weißgraeber schmunzelnd.

Auf 5000 Quadratmetern wird an jeder Ecke getüftelt und getestet. Die größte Attraktion aber bleibt unsichtbar: Das mit Nokia-Technologie umgesetzte 5G-Campusnetz, das neue Horizonte für Produktion und Mobilität eröffnet. Stolz zeigt Johannes Koppenborg, Leiter 5G Fertigungslösungen für Industrie 4.0 bei Nokia Enterprise, ein kaum streichholzschachtelgroßes Modem. „Mehr brauchen wir nicht, um riesige Datenmengen zu übertragen“, erklärt er. Ausfallsicher und schnell: Der Zeitraum vom Absenden eines Befehls bis zur Reaktion der Maschine liegt im Millisekundenbereich. Das erhöht die Arbeitssicherheit. Maschinen lassen sich so programmieren, dass sie sich sofort abschalten, wenn eine Gefahrensituation entsteht. „Sie stehen still, ehe ein Unfall passiert ist“, so Koppenborg.

Eine Einrichtung wie die Arena 2036 werde in der ganzen Welt beachtet

Gemeinsames Ziel der wissenschaftlichen Einrichtungen und Wirtschaftsunternehmen, die sich in Vaihingen der Erforschung mobiler Anwendungen widmen (neben der Universität Stuttgart und Nokia sind unter anderem Bosch, Daimler oder das Fraunhofer Institut beteiligt) ist nicht weniger als die grundlegende Transformation der industriellen Fertigung. Transportfahrzeuge und Roboter sollen sich an Produktionsstandorten frei bewegen. Maschinen sind nicht länger an einem Ort fixiert und lassen sich je nach Anforderung neu anordnen. Die Konfiguration von Programmen erfolgt in Echtzeit. Neben autonom agierenden Fahrzeugen in der Fabrik ist auch das selbststeuernde Automobil für den Straßenverkehr Gegenstand der Forschung. „Vor allem geht es um Flexibilität in der Produktion“, erklärt Weißgraeber. „Letztlich soll die neue Technologie auch Kosten reduzieren und es so wieder rentabler machen, im Inland zu produzieren“, sagt er und ergänzt: „In den vergangenen Pandemie-Monaten haben wir gesehen, wie problematisch es ist, dass so viel Arbeit ins Ausland verlagert wurde.“

Während die Digitalisierung in Bereichen wie der Ausstattung von Schulen im internationalen Vergleich hinterherhinkt, nimmt Deutschland in der Forschung zu 5G-basierten Produktionssystemen eine führende Rolle ein. Martin Zagermann von der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH betont, eine Einrichtung wie die Arena 2036 werde in der ganzen Welt beachtet. „Weil neue Technologien sehr oft über Anwendungsmöglichkeiten in die industrielle Praxis adaptiert werden, ist ein 5G-Testbett, wie das der Arena 2036, von sehr hohem Wert für den technischen Fortschritt“, gibt er zu verstehen. Daher sei es „ein Highlight, die Arena 2036 in der Region zu wissen“.

Ein Team befasst sich bereits mit der Folgetechnologie G6

Ines Isabell Aufrecht, Leiterin der Abteilung Wirtschaftsförderung Stuttgart, teilt seine Begeisterung. Gerade steht ein neues, vom Bund gefördertes Projekt in den Startlöchern, das unter dem Titel „SynergieRegion“ die Themen Industrie 4.0 und Smart City zusammenführt. Auch für die Stadt ist 5G ein Zukunftsthema. „Gerade für Stuttgart ist das verarbeitende Gewerbe ein zentraler Wirtschaftsbereich, sodass Entwicklungen im Bereich Industrie 4.0 von zentraler Bedeutung sind“, so Aufrecht. Als Beispiel für Smart-City-Anwendungen nennt Aufrecht den Einsatz von Drohnen. Er sei im Zusammenhang mit Bluttransporten für Krankenhäuser denkbar. Die fliegenden Helfer könnten aber auch bei Wartungsaufgaben behilflich sein, etwa der Suche nach Schäden an den Landebahnen des Flughafens.

„Es ist eine spannende Reise, die wir dieses Jahr angetreten haben“, ordnet Johannes Koppenborg die Arbeit in der Arena 2036 ein. Die digitale Zukunft hat begonnen. Neue 5G-Anwendungsfälle werden erprobt und in der Industrie eingeführt. Dass die fünfte Mobilfunkstandard-Generation die letzte sein wird, ist unwahrscheinlich. Das sieht man auch in Vaihingen so. Auf einer der Projektflächen befasst sich ein Team der Universität Stuttgart bereits mit der Folgetechnologie 6G.




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