Universität Tübingen Kein Herz für die Nachkriegsmoderne

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In Tübingen soll der Zentralcampus umgebaut werden. Einige Baudenkmale sind gefährdet, darunter das Gutbrod'sche Clubhaus.

Die Neue Aula, das Herzstück der Tübinger Universität. Foto: dpa
Die Neue Aula, das Herzstück der Tübinger Universität. Foto: dpa
Tübingen - Die Architekturmoderne hat es schwer. Je jünger, desto schwerer. "Ungeliebte Architektur - Sanierung oder Abriss" betitelte unlängst das nordrhein-westfälische Museum für Architektur und Ingenieurkunst eine Ausstellung über Pflegefälle in Duisburg und Bochum, Leverkusen und Marl. Während aber die Klassische Moderne der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit zunehmendem Alter in der allgemeinen Wertschätzung allmählich steigt, wird die Nachkriegsmoderne der fünfziger und vor allem der sechziger Jahre in vielen Städten kurzerhand abgeräumt.

Berlin zum Beispiel hat sich des "Ahornblatts" des Schalenbaumeisters Ulrich Müther am Fuß des Fernsehturms entledigt, in Hannover droht die Zerstörung des Plenarsaals im Landtag von Dieter Oesterlen, Marburg will seine Universitätsbibliothek abreißen, Bonn seine Beethovenhalle. Die Verlustmeldungen mehren sich. Und nun macht auch Tübingen Anstalten, sich dieser Riege der Plattmacher anzuschließen. Abrisskandidaten sind hier die 1966 eröffnete Mensa von Paul Baumgarten und das studentische Clubhaus von Rolf Gutbrod aus den fünfziger Jahren, beides denkmalgeschützte Gebäude.

"Zerhäuselung" erschwert Lehrbetrieb


In der Universitätsstadt geht es um die Neugestaltung des sogenannten Zentralcampus. Anlass sind Bestrebungen der Hochschule, sich mit einem "strategischen Umbau als Forschungsuniversität mit herausgehobenen Profilbereichen für den nationalen und internationalen Wettbewerb neu zu positionieren". Anders gesagt: im akademischen Konkurrenzkampf um Fördermittel der Exzellenzinitiative, mit der Bund und Länder Wissenschaft und Forschung an deutschen Hochschulen voranbringen wollen, möchte Tübingen künftig besser abschneiden. Als Hindernis betrachtet die Universitätsleitung dabei die "Zerhäuselung" der über die ganze Stadt verteilten Hochschuleinrichtungen, die einen modernen Lehr- und Forschungsbetrieb erschwere.

Vor zwei Jahren schrieben Land und Universität darum einen städtebaulichen Ideenwettbewerb aus, der das Quartier rund um die Neue Aula, das Herzstück der Tübinger Alma Mater, und den zentralen Universitätsplatz neu ordnen soll. Ausdrücklich wurden die Teilnehmer von den Auslobern ermuntert, "ohne Denkverbote" an die Aufgabe zu gehen. Klarer Fall: Tabus und Spitzenforschung sind von Natur aus Antipoden.

Und siehe da, ausgezeichnet wurde ein Entwurf, der aus dem Ensemble von Gebäuden des 19. und 20. Jahrhunderts die Baumgarten-Mensa und das Gutbrod'sche Clubhaus herauspflückt. Die klassizistische Aula mit ihren freistehenden Flankenbauten rührten dagegen weder der Siegerentwurf noch die weiteren Preisträger an - so weit geht die Lockerung der Denkverbote dann doch nicht. Verschont bleibt aber beispielsweise auch der Magazintrakt der Universitätsbibliothek, ein grober Klotz aus den sechziger Jahren, geplant vom Universitätsbauamt, der dem noblen Bibliotheksgebäude, einem Frühwerk von Paul Bonatz, brachial in den rückwärtigen Flügel gerammt ist.

Und bei aller Pietät gegenüber dem klassizistischen Erbe - dem historischen Städtebau brechen die Wettbewerbsgewinner Hähnig und Gemmeke aus Tübingen buchstäblich das Rückgrat: Quer zur Wilhelmstraße, der schnurgeraden Achse des Viertels, und über diese hinweg legen sie einen neuen Universitätsplatz an, der als Platz kaum Kontur zeigt, sondern durch seine eigenständige Pflasterung kenntlich werden soll - wie weiland die Fußgängerzonen. Ein paar Restgebäude, Relikte des 19. Jahrhunderts, schwimmen auf diesem "urbanen Teppich" haltlos herum wie Schiffbrüchige. Was diese Rezepte von vorgestern für die Wettbewerbsfähigkeit des Hochschulstandorts von morgen bewirken sollen, bleibt schleierhaft.

Kein symbolischer Neubeginn ohne Opfer


Doch auf die alten Reflexe ist Verlass: ohne Opfer kein symbolischer Neubeginn, und wo diese Opfer zu suchen sind, ist auch klar. Dabei handelt es sich sowohl beim Clubhaus als auch der Mensa um Bauten, die eng mit der jüngeren Universitätsgeschichte verknüpft sind. Das Clubhaus von Rolf Gutbrod, dem Architekten der Stuttgarter Liederhalle, wurde in der Nachkriegszeit vom amerikanischen Kongress gestiftet, um die "studentische Gemeinschaft in der Demokratie" zu fördern. Es sollte sowohl Mittelpunkt des studentischen Lebens als auch Begegnungsstätte für die unterschiedlichen Fakultäten und Nationen sein.

Als studentischer Treffpunkt dient es auch heute noch - und erfreut sich offensichtlich größter Beliebtheit. Mittags brummt der Café-Betrieb in den Räumen, und auf der Außenterrasse ist an warmen Tagen kein Platz mehr frei. Dass der Bau die Fünfzig überschritten hat und in seinen vergleichsweise bescheidenen Nachkriegsära-Formen heutigem Exzellenzdenken nicht mehr entspricht, stört hier anscheinend keinen. Warum auch, das Haus bewährt sich nach wie vor und fügt sich mit seinem Walmdach und der feingliedrigen Gartenfront samt Loggia unaufdringlich in das Ensemble der Universitätsbauten rund um die Wilhelmstraße ein. Nicht zu übersehen ist allerdings, dass eine Sanierung fällig wäre. Ein Gebäude so lange vor sich hingammeln zu lassen, bis man behaupten kann, eine Reparatur lohne sich leider nicht mehr, gehört aber zu den probaten Entsorgungspraktiken.

Zu den "wenigen herausragenden Bauten der kompromisslosen Nachkriegsmoderne in Tübingen" rechnet das Landesamt für Denkmalpflege auch die Mensa von Paul Baumgarten. In Karlsruhe hat Baumgarten das Bundesverfassungsgericht gebaut, in Berlin den Plenarsaal im Reichstagsgebäude, der inzwischen Norman Fosters Neueinbauten weichen musste. Ebenso wie Gutbrod zählt er zu den profilierten Architekten der jungen Bundesrepublik.

Sein Mensagebäude besteht aus zum Teil aufgeständerten und gegeneinander verschobenen Kuben, die sich trotz des großen Volumens dem Maßstab ihrer Umgebung anpassen. Spätere Einbauten, die vor allem das weiträumige Foyer verstellen, verkraftet er ohne schwerwiegende Qualitätseinbußen. Die Speisesäle sind angenehm dimensioniert, hell und lichtdurchflutet und erinnern mit ihren raumhohen Verglasungen und den Verstrebungen ein wenig an Gewächshäuser. Ebenso wie das Clubhaus spiegelt die Mensa "eine Offenheit und Großzügigkeit, die in den 1960er Jahren als befreiend für die junge deutsche Demokratie sowohl in der Gesinnung als auch in der Architektur angesehen wurde", heißt es im Nachrichtenblatt der Landesdenkmalpflege.

Bürgerinitiative fordert Mitspracherecht


Inzwischen beharren Rektorat und Bauamt nicht mehr partout auf dem Abriss der Mensa, denn inzwischen ist eine Bürgerinitiative auf den Plan getreten, die ein Mitspracherecht der Öffentlichkeit fordert und die Nachkriegsveteranen erhalten will. Der Behörde, die eine Sanierung der Mensa für unwirtschaftlich hält, weil der Bau im Bereich der Küche und der Essensausgabe funktionale Mängel aufweise und zudem eine Energieschleuder sei, hält sie eigene Kalkulationen, Energie- und Modernisierungskonzepte entgegen. Nun wollen alle noch einmal genau nachrechnen, bevor im Sommer ein Wettbewerb für einen Neubau ausgeschrieben wird. Sollte man sich für diesen entscheiden, dann müsste der denkmalgeschützte Hörsaalanbau der Alten Physik aus dem 19. Jahrhundert verschwinden. Täuscht der Eindruck, oder haben gerade Baudenkmale in Baden-Württemberg schlechte Karten?

Was mit der alten Baumgarten-Mensa geschieht, falls wirklich eine neue gebaut wird, weiß niemand so recht. Ein funktionsloses Denkmal hat jedenfalls keine Zukunft. Die Idee, das Haus zur Stadthalle umzumodeln, scheitert schon an der Finanzlage der Stadt. Auch als Haus des Wissens oder als Ausstellungsgebäude, zu dem es andere machen wollen, ist die akademische Futterkrippe mit ihren riesigen Fensterflächen nicht sonderlich geeignet. Besser zu gebrauchen ist sie für den Zweck, dem sie heute schon dient: als Mensa.


Diskussionen über die Zukunft des Tübinger Universitätscampus


Podiumsveranstaltung
Der Tübinger SPD-Ortsverein lädt heute zu einer Podiumsdiskussion über das Thema "Campus der Zukunft – Umgestaltung des Univiertels an der Wilhelmstraße" ein. Die Veranstaltung findet um 20 Uhr im Audimax statt. Dabei soll darüber gesprochen werden, welche Anforderungen ein "Campus der Zukunft" erfüllen muss und wie er sich in die gewachsene Struktur des Universitätsviertels einpassen kann. Auf dem Podium: der Rektor der Universität Tübingen, Bernd Engler, der Tübinger Amtsleiter des Landesbetriebs Vermögen und Bau Baden-Württemberg, Bernd Selbmann, Volker Renner, der Sprecher der Bürgerinitiative Wilhelmvorstadt, sowie Christian Heinrich von der Juso-Hochschulgruppe und Mitglied im Mensabeirat.

Vortrag
Am Dienstag, 26. Januar, spricht der Tübinger Stadthistoriker Gernot Närger, der ebenfalls der Kerngruppe der Bürgerinitiative Wilhelmvorstadt angehört, über Paul Baumgarten (1900–1984). Titel seines Vortrags: "Der Architekt der Mensa Wilhelmstraße und einige seiner Zeitgenossen". Die Veranstaltung findet im Hörsaal 22 des Kupferbaus statt und beginnt um 20 Uhr.