Anfang Oktober hat das neue Wintersemester begonnen. Foto: imago/Christoph Hardt
Die beiden Universitäten hoffen, dass die Trendwende bei den Erstsemesterzahlen erreicht ist. Insgesamt sind die Studierendenzahlen aber weiter gesunken. Die klassischen Fächer wie Maschinenbau in Stuttgart und Agrarwissenschaft in Hohenheim bereiten den Verantwortlichen aber weiter Sorgen.
Im laufenden Wintersemester ist die Gesamtzahl der Studierenden an den beiden Stuttgarter Universitäten erneut zurückgegangen. Dennoch sind die Verantwortlichen mit der jüngsten Entwicklung zufrieden: Die Zahl der Erstsemester hat sich stabilisiert, ist sogar leicht gestiegen. „Das Tal der Tränen ist durchschritten“, hofft Wolfram Ressel, der Rektor der Universität Stuttgart. „Wir sehen eine vorsichtige Erholung bei den Neuanfänger“, erklärt Korinna Huber, Prorektorin der Uni Hohenheim.
„Das Tal der Tränen ist durchschritten“, sagt der Rektor der Universität Stuttgart, Wolfram Ressel. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Wie entwickeln sich die Zahlen? Die Universität Stuttgart verzeichnet im neuen Semester bis jetzt 21 384 Studierende, im vergangenen Jahr waren es noch 22 093, das ist ein Minus von 709 Personen. Allerdings hat die Zahl der Erstimmatrikulierten von 2413 auf 2513 (plus 99) zugenommen. Das sei „erstmals seit Jahren wieder ein minimaler Anstieg“, betont Wolfram Ressel. Diese Entwicklung hält der Uni-Rektor auch deshalb für bemerkenswert, weil die Zahl der Abiturienten seit drei Jahre um insgesamt 15 Prozent abgenommen habe.
Dass die Neueinsteiger wieder zunehmen, die Gesamtzahl der Studierenden aber weiter merklich sinkt, sei auf die starken Jahrgänge vor einigen Jahren zurückzuführen. So hatte die Uni Stuttgart Mitte des vorigen Jahrzehnts überproportional von der Aussetzung der Wehrpflicht und von den doppelten Abiturjahrgängen durch die Einführung von G8 profitiert. Lange lag die Zahl der Studierenden unter 20 000, erst im Wintersemester 2009/2010 überstieg man mit 20 468 diese Marke. Den bisherigen Höchststand erreichte man im Wintersemester 2015/2016 mit insgesamt 27 792 Studierenden. Inzwischen verlassen die starken Jahrgänge die Hochschulen wieder. Dies sei „der Kern“ der Entwicklung, betont Ressel.
Die Ingenieurwissenschaften? Interessant sind die Details. So ist das Lehramt an der Uni Stuttgart wieder gefragter. Mathematik, Naturwissenschaft, Sprachen, aber auch die Philosophie haben im ersten Fachsemester zugelegt (von 271 auf 312, ein Plus von 41; über alle Fachsemester sind es insgesamt 1206 Personen). Etwa zwei Drittel der Studierenden findet man in den Ingenieurwissenschaften. Die sind immerhin stabil geblieben, der Bachelor of Science im ersten Semester ist minimal von 2231 auf 2239 Personen gestiegen (über alle Fachsemester 8060, ein Minus von 286).
Auch hier ist ein genauer Blick aufschlussreich. So läuft die Informatik weiter gut (144 Erstsemester), die Wirtschaftsinformatik hat nennenswert zugelegt (132 Einschreibungen bei freigegebener Zulassung von 80). Auch Software-Engineering (93 Anfänger) ist stark nachgefragt. Gut erholt habe sich mit 289 Anfängern auch die Luft- und Raumfahrttechnik (Vorjahr: 227).
Der Maschinenbau? Weiter mäßig, wenn auch gleich geblieben, sind die Zahlen im klassischen Maschinenbau mit 102 Neueinschreibungen (Vorjahr: 103). Zum Vergleich: Im Wintersemester 2013/2014 verzeichnete der Maschinenbau 378 Erstsemester. In den Master-Studiengängen sind die Einschreibezahlen von 1719 auf 1679 (minus 40) zurückgegangen, allein im Maschinenbau von 557 auf 505. Ähnlich ist die Lage in der Fahrzeugtechnik.
Auch wenn die Zahlen in den Technikfächern etwas besser seien, bewege man sich weiter „auf niedrigem Level“, erklärt Rektor Ressel. „Das müssen wir verbessern.“ Deshalb plant die Uni eine neue Marketingstrategie an den Schulen, bei der Studierende stärker in der Werbung für die MINT-Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik beteiligt werden sollen.
Wie hoch ist der Anteil an ausländischen Studierenden? Bei sinkenden Abiturientenzahlen und einem geringfügig gestiegenen Frauenanteil (von 34,5 auf 35,2 Prozent, minus 76 auf 7547 Personen), der vor allem auf den sinkenden Männeranteil zurückgeht (von 65,4 auf 64,5 Prozent, minus 644 auf noch 13 797 Studierende), müssten gerade in den MINT-Fächern „die Leute aus dem Ausland kommen“, ist Rektor Wolfram Ressel überzeugt. Die Zahl der Ausländer unter den Studierenden ist insgesamt allerdings auch zurückgegangen (von 4885 auf 4735), er liegt aber gemessen an der Gesamtzahl nach wie vor bei rund 22 Prozent. Die größte Gruppe bleiben Studierende aus China, aber der Anteil derer aus Indien gewinnt an Bedeutung.
Auch an der Uni Hohenheim ist die Gesamtzahl der Studierenden im neuen Semester zurückgegangen, von 8905 auf 8735, das sind 170 weniger (zum Vergleich: Vor knapp zwei Jahrzehnten waren es noch etwa 4500). Neben den genannten Gründen sieht die Prorektorin für Studium und Lehre, Korinna Huber, auch die „Corona-Nachwirkungen“ als Grund für diese Entwicklung. So habe man in dieser Zeit Studierende verloren, die noch in der Statistik geblieben seien, sich nun aber vermehrt verabschiedeten.
Wie ist die Lage in Hohenheim? In Hohenheim hat die Zahl der neu Eingeschriebenen etwas zugenommen, von 2417 auf 2481, plus 64. Davon gehen plus 23 auf das Konto de Bachelor-Einsteiger (von 1603 auf 1626), und 41 Personen mehr haben sich für einen Master-Studiengang in Hohenheim entschieden (von 814 auf 855). Korinna Huber, die in Hohenheim zudem das Fachgebiet für Funktionelle Anatomie des landwirtschaftlichen Nutztieres leitet, führt diesen Zuwachs auch darauf zurück, dass man nach Corona nun wieder das ganze Informationsangebot in Präsenz aufbieten könne.
Ähnlich wie die Universität Stuttgart etwa im Maschinenbau hat auch die Uni Hohenheim ihre Mühe mit einem beziehungsweise mit zwei ihrer Kernfächer. Im Gebiet der Agrarwissenschaft, wo Hohenheim die Nummer eins in Deutschland, in Europa unter den ersten zehn und weltweit in Rankings mindestens unter den ersten 30 ist, wachsen die Bäume auch nicht mehr in den Himmel. Dass in dem Fach dieses Mal 130 Erstsemester zu verzeichnen sind (vorher 104), sei „sehr erfreulich“, sagt Professorin Korinna Huber. Allerdings waren es im Wintersemester 2018/2019 schon mal 272 Studienanfänger. Im Masterbereich der Agrarwissenschaften, wo die Hochschule einen ganzen Strauß von Fachgebieten offeriert, sind die Neueinschreibungen von 259 auf 238 zurückgegangen.
Korinna Huber, Prorektorin für Studium und Lehre an der Universität Hohenheim, sieht die Entwicklung in der Agrarwissenschaft „mit Sorge“. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt
Die Agrarwissenschaft? Die Tierärztin hat den Eindruck, dass Tierhaltung und Pflanzenschutz heute für viele junge Menschen „sehr kritische Inhalte“ sind. Gerade bei jungen Frauen, einer wichtigen Zielgruppe. Der Frauenanteil bei den Studienanfängern liegt in Hohenheim inzwischen bei 59 Prozent. Und man merke „den Rückgang der Landwirtskinder“, weiß die Prorektorin. Es gebe heute weniger, aber größere Bauernhöfe. Nicht nur Korinna Huber sieht die Entwicklung in der Agrarwissenschaft „mit Sorge“. Schließlich brauche man Fachleute in diesem Bereich etwa wegen des Klimawandels, der für die Landwirtschaft eine große Herausforderung ist. Deshalb plant die Hochschule einen „Reformprozess in der Agrarwissenschaft“.
Einmal mehr stark verloren haben die klassischen Wirtschaftswissenschaften. Die Erstsemester sind von 594 auf 510 Studierende gesunken, im Wintersemester 2018/2019 waren es noch 702. Dass bei den Neulingen im Bachelor-Bereich der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Summe aber doch exakt wie im Vorjahr 1017 Personen zusammengekommen sind, ist zwei Fächern zu verdanken. Anhaltend gut läuft in Hohenheim die Kommunikationswissenschaft (von 115 auf 167 Erstsemester gestiegen). Im Bereich Wirtschaft hat man den neuen Studiengang Digital Business Management aufgelegt (von 123 auf 185 Erstsemester gestiegen), der den Rückgang in der klassischen Wirtschaftswissenschaft etwas kompensiert. „Die jungen Leute erwarten andere Namen und eine exakte Bezeichnung“, sagt Korinna Huber. „Die Verpackung muss moderner werden.“