Die schlechten Nachrichten über das von der grün-schwarzen Koalition auf den Weg gebrachte neue Übergangsverfahren von der Grundschule auf die weiterführenden Schulen reißen nicht ab, auch wenn das Kultusministerium aufgrund einer eigens angefertigten Stichprobe jetzt mitgeteilt hat, dass 51 Prozent der Viertklässler von ihren Lehrkräften eine Gymnasialempfehlung erhalten hätten. „Die Tendenz zeigt, dass die Werte im Vergleich mit den Vorjahren in etwa stabil sind“, teilte das Kultusministerium mit.
Wieso wirft jetzt auch der Deutsch-Test Fragen auf?
Nachdem der Kompass 4-Test, der eigentlich eine ergänzende objektivierbare Kompetenzmessung zum Leistungsvermögen der Schüler in den Kernfächern Deutsch und Mathematik liefern sollte, nur sechs Prozent der Viertklässler im Land ein für das Gymnasium ausreichendes Leistungsniveau in Mathematik attestierte, hat Kultusministerin Theresa Schopper den Mathe-Test im Dezember bereits für untauglich erklärt. Der Deutsch-Test wurde in seiner Konzeption vom Kultusministerium nicht in Zweifel gezogen. Allerdings ist das Ergebnis, das das Ministerium jetzt aufgrund der Auswertung von achtzig Prozent der Klassen und siebzig Prozent der Schüler veröffentlicht hat, auch nicht zur Beruhigung angetan: Denn nur 27 Prozent der Viertklässler bescheinigt der Kompass 4-Test in Deutsch die nötigen Sprachkenntnisse für das Lernen im Gymnasium.
Wie erklärt der Landeselternbeirat die schwachen Testergebnisse?
Die neuen Zahlen lösen weitere Irritationen bei Eltern, Lehrerverbänden und in den Landtagsfraktionen aus. Sebastian Kölsch, der Vorsitzende des Landeselternbeirats, sieht es inzwischen als erwiesen an, dass ein ganzer Viertklässler-Jahrgang als „Versuchskaninchen“ für das neue Verfahren herhalten musste. Kölsch befürchtet, dass ein substanzieller Teil der in Kompass 4 abgefragten Kompetenzen sowohl in Deutsch als auch in Mathematik erst in den Monaten nach dem Test im Unterricht behandelt wurde. „Durch die Reform des Bildungsplans von 2004 gibt es keinerlei Verpflichtung für Lehrkräfte, sich an eine bestimmte Reihenfolge zu halten“, erklärt Kölsch. „Damit ist eine erfolgreiche Teilnahme nicht allen Kindern möglich.“ Der Elternvertreter hat außerdem noch viele Fragen zur Größe der gezogenen Stichprobe, sodass die aktuellen Zahlen zum Übergang ans Gymnasium „für mich noch keinen grundlegenden Rückschluss zulassen“.
Was sagen die Lehrerverbände?
„Die schwachen Sprachkenntnisse machen uns Sorgen, denn ohne Sprache wird es schwierig, Wissen und Kenntnisse in allen Fächern zu vermitteln“, erklärte Martina Scherer, die Vorsitzende des baden-württembergischen Philologenverbands auf Anfrage. Überrascht ist sie nicht wirklich über die Ergebnisse des Tests. An den Gymnasien falle seit einigen Jahren auf, dass fehlende oder geringe sprachliche Fähigkeiten „mit die größte Hürde beim Verstehen und Lösen von Aufgaben aller Art“ darstellten.
Bis die von der Landesregierung auf den Weg gebrachten Sprachfördermaßnahmen vor und in der Grundschule wirkten sind laut Martina Scherer auch die Gymnasiallehrer gefordert, für Spracherwerb und Sprachverständnis mehr Zeit aufzuwenden. Dagegen sieht GEW-Landeschefin Monika Stein sich in ihrer Auffassung bestätigt, dass die Neuregelung mit einer verbindlichen Grundschulempfehlung fürs Gymnasium überflüssig sei. „Der Gedanke, dass Schüler und Schülerinnen nach Leistung auf Schularten sortiert werden und damit am Ende für alle bessere Leistungen erreicht werden, ist veraltete Bildungspolitik“, betonte sie. „Deshalb hält die GEW Kompass 4 als verpflichtenden Test und die ergänzenden Potenzialtests für überflüssig“.
Gibt es einen Konflikt in der Koalition?
Bei Grün-Schwarz fallen die Reaktionen unterschiedlich aus. „Kompass 4 ist im jetzigen Durchgang weder in Deutsch, noch in Mathematik eine valide Grundlage für eine Bildungswegeempfehlung“erklärt der grüne Bildungspolitiker Thomas Poreski. Er ist überzeugt, dass die Grundschulempfehlung der Lehrkräfte „ein relativ stimmiges Gesamtbild“ von der Leistungsfähigkeit der Viertklässler ergibt. Dagegen pocht sein CDU-Kollege Andreas Sturm auf das Ziel des landesweiten Kompass-Test als „neutralem Vergleichsmaßstab“, der „Schülern, Eltern und Schulen eine qualifizierte Rückmeldung zur Wahl der weiterführenden Schule liefern sollte“. Es klingt angestrengt diplomatisch, wenn Sturm erklärt, dass „die offenkundigen Abweichungen zwischen den durch Kompass 4 diagnostizierten Kompetenzniveaus und den Grundschulempfehlungen zu analysieren sind“ und noch tiefer gehende Analysen der Problematik vom Kultusministerium anmahnt.