Unschuldig im Gefängnis 77 Tage in der Hölle von Stammheim

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Ein unbescholtener Bürger soll ein Mädchen vergewaltigt haben. Er kommt in U-Haft. Chronik einer bitteren Erfahrung.

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Stuttgart - Ein Hochsommermorgen, vor dem Ladenzentrum in einem kleinen Stuttgarter Stadtbezirk glüht der Asphalt. Volker Müller (Name geändert) steht in seiner Boutique und blickt durch die Schaufensterfront. Es ist nicht viel los – Urlaubszeit. Zwei Männer marschieren auf die Eingangstüre zu. Vertreter, denkt Müller. Einer der Männer hält ihm einen Wisch vor die Nase. Müller, 58, kann die Wörter nicht entziffern, er hat seine Brille nicht auf. Das Schriftstück, erklären ihm die Fremden, sei ein Haftbefehl.

Müller ist nicht vorbestraft und auch sonst ein unauffälliger Zeitgenosse, wenn man davon absieht, dass er gern laut bruddelt, wie sich das für einen überzeugten Schwaben gehört. Er, der südwestdeutsche Patriot, hat zweimal auf das Grundgesetz geschworen: nach der Schule diente er bei der Bundeswehr, dann arbeitete er im öffentlichen Dienst. Vor 28 Jahren machte er sich mit dem Modeladen selbstständig. Nach Feierabend joggt Müller regelmäßig. Er mag Stuttgart 21, manche Gegner des Großprojekts hält er für kriminell.

Nun steht er selbst wie ein Rechtsbrecher da. Die beiden Kripobeamten führen Müller ab, vorbei an den Nachbargeschäften. Im Präsidium am Pragsattel wird er verhört. Müller soll das Protokoll unterschreiben, aber er weigert sich, weil er nicht überprüfen kann, was drinsteht – noch immer fehlt ihm seine Lesebrille. Sie müssen unterschreiben, sagt der Polizist.

Der Vorwurf lautet: Vergewaltigung einer Zehnjährigen

Vor dem Haftrichter wird Müller wie ein Rindvieh an einen Eisenring gefesselt. Die Vorwürfe werden offiziell verkündet: Müller soll am helllichten Tag ein zehnjähriges Mädchen in seinem Laden vergewaltigt haben. Müller habe Tania (Name geändert) am Schritt und am Busen manipuliert, behauptet der Staatsanwalt. Der Vorgang liege bereits anderthalb Jahre zurück, aber erst jetzt habe Tania den Mut gehabt, davon zu berichten. Müller beteuert seine Unschuld, er kenne das Mädchen nur flüchtig.

Es steht Aussage gegen Aussage. Tanias wiegt schwerer, Justitias Waage neigt sich zu Müllers Ungunsten. Der Richter erkennt einen dringenden Tatverdacht sowie eine akute Fluchtgefahr und ordnet nach Paragraf 112 der Strafprozessordnung Untersuchungshaft an. Der Beschuldigte wird in Handschellen abgeführt und in ein Zivilfahrzeug gesetzt. Zehn Minuten später sieht Müller durchs Autofenster Betonmauern, Stacheldrähte und Überwachungskameras. Dann öffnet sich das Stahltor zu einer unbekannten Welt.

Stammheim. In Bau eins der Justizvollzugsanstalt waren in den 70er Jahren Terroristen eingesperrt – Baader, Meinhof und andere. An der Pforte gibt Müller seine Persönlichkeitsrechte und seine Privatkleidung ab. Duschen. Dann bekommt Müller einen grauen Overall überreicht, der ihm viel zu groß ist, sowie Unterwäsche, festes Schuhwerk und blau-weißes Bettzeug. Er darf wählen: Raucher- oder Nichtraucherzelle. Ich bin Nichtraucher, sagt er.

Per Aufzug geht es nach oben, die einzelnen Stockwerke unterscheiden sich nur durch die Farbe der Wände. Die Wachmänner führen Müller einen Gang entlang, die Schritte hallen wie in einer Höhle. Dazwischen immer wieder metallene Türen. Riesige Schlüssel drehen sich in den Schlössern. Auf, zu, auf, zu. Endstation ist eine Viermannzelle: gekachelter Boden, ein Tisch, zwei Etagenbetten, vier Stühle und vier Spinde. Das Klo ist nur durch einen Sichtschutz vom Rest des Raums getrennt. Daneben sind die Wände mit Fäkalien verschmiert. Es stinkt. Das ist die Hölle, denkt Müller.

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