Unschuldig in Haft "Das Rechtswesen ist ein Interessengeflecht"

Von  

Inzwischen streiten sich Hautärzte über ihren Fall. Es geht um einen Leberfleck, den man auf dem Foto der Überwachungskamera am Nacken des Täters erkennen kann. Der Cannstatter Chefarzt Peter von den Driesch schreibt in einer Expertise, dass Sie an dieser Stelle keinen Leberfleck haben und dort auch nie einen hatten, sonst müsste eine Narbe zu erkennen sein. Daher spreche alles dafür, dass Sie nicht der Täter seien.

Bei meinem Prozess hieß es noch, der dunkle Punkt könnte "Dreck oder Schmutz auf dem Film" sein. Das Originalfoto ist seltsamerweise bei der Polizei verschwunden. Dennoch konnte die Schmutztheorie widerlegt werden. Rolf Staudhammer, ein Dermatologe, der mich im Auftrag des Landgerichts Ravensburg kürzlich untersucht hat, meint jedoch, dass es sich bei dem Fleck um eine Hautirritation gehandelt haben könnte, die spurlos verheilt sein könnte. Das ist zwar viel unwahrscheinlicher als ein Leberfleck, aber eben theoretisch denkbar.

Damit sind Sie aus dem Schneider, es gilt schließlich der In-dubio-pro-reo-Grundsatz.

Schön wär's! Da ich kein Angeklagter, sondern ein Verurteilter bin, heißt es: im Zweifel gegen mich. Mein Anwalt Ekkehard Kiesswetter beruft sich auf die Strafprozessordnung. Demnach muss ein Verfahren wiederaufgenommen werden, wenn es Fehler bei der Beweiswürdigung gab. Letztendlich entscheidet ein Gericht, was als Fehler eines anderen Gerichts zu bewerten ist. In der deutschen Nachkriegsgeschichte gibt es nur ein Dutzend Fälle, in denen nach Paragraf 359, Absatz 5 StPO ein Wiederaufnahmeverfahren zugelassen wurde. Das zeigt, wie gering die Bereitschaft unserer Gerichte ist, eigene Irrtümer aufzuspüren. Man vertuscht sie lieber.

Glauben Sie ernsthaft, dass die deutsche Justiz jemanden unschuldig im Gefängnis sitzen lässt, um Fehler zu verbergen?

Aber sicher, weil da Karrieren dran hängen. Der Staatsanwalt, der mich in Stuttgart angeklagt hat, ist heute Oberstaatsanwalt in Ravensburg, also ausgerechnet dort, wo über mein Wiederaufnahmeverfahren entschieden wird. Es wäre doch lebensfremd, wenn sich die jetzt zuständige Richterin nicht mit dem einst zuständigen Staatsanwalt austauschen würde. Das Rechtswesen ist ein Interessengeflecht. Polizei, Staatsanwälte, Richter - alle wollen Erfolge vorweisen, um voranzukommen.

Sie tun gerade so, als sei Ihre Verurteilung vollkommen unbegründet gewesen. Es gab jedoch klare Indizien gegen Sie. So hatten Sie zwei der vier Überfalltage in einem Kalender mit einem Ü gekennzeichnet.

Ich war in der Sicherheitsbranche tätig und habe am Killesberg in unmittelbarer Nähe der überfallenen Banken gewohnt. Ich wollte feststellen, ob die Taten nach einem zeitlichen Muster stattfinden, deswegen habe ich mir die Termine notiert. Ich hatte unter anderem auch alle möglichen Informationen über die Reemtsma-Entführung gesammelt, trotzdem kam niemand auf die Idee, mich damit in Verbindung zu bringen.

Sie haben die Beherrschung verloren, als Sie dem Haftrichter vorgeführt wurden.

Ich habe ihn im Affekt angegriffen, weil er mich mit dem ungerechtfertigten Vorwurf konfrontierte, dass ich der Bankräuber sei. Daraufhin wurde ich von einem Polizisten ins Bein geschossen. Der Haftrichter konnte am nächsten Tag wieder seinen Dienst antreten, und ich wurde allein für diese folgenlose Attacke zu sieben Jahren Haft verurteilt. Einem Mann, der seine Frau im Vollrausch erschossen hatte, wurden kurz darauf vom Landgericht nur drei Jahre aufgebrummt. Ich kann nicht verstehen, warum die Justiz mit derart unterschiedlichem Maß misst. Offenbar ist ein Richter wertvoller als ein Normalbürger.

Ihr Fall erinnert an den Nürnberger Hausmeister Donald Stellwag, der 1995 als Bankräuber zu acht Jahren Haft verurteilt wurde. Wenige Wochen nach seiner Entlassung wurde der wirkliche Täter gefasst und legte ein Geständnis ab. Haben Sie die Hoffnung, dass Ihnen so etwas auch passieren könnte?

Größer ist die Chance, dass ich meine Unschuld selbst beweisen kann, wenn ich erst einmal draußen bin.

Wäre es nicht besser, wenn Sie dann endlich die Vergangenheit ruhen lassen würden?

Sie meinen, den Kopf in den Sand stecken und 13 Jahre Freiheitsberaubung akzeptieren? Paul McCartney hat mal gesagt: "In diesem Leben ist jeder mutig, der nicht aufgibt." Ich kann nicht auf mir sitzen lassen, dass ich Banken überfallen haben soll. Mein Fall sollte jeden wachrütteln, weil das, was mir passiert ist, jedem passieren kann. Niemand ist vor einem Justizirrtum sicher. Niemand.

Und wann wollen Sie Ihren Kampf für Gerechtigkeit beenden?

Ich werde mit meinen Unterstützern so lange weitermachen, bis ich vollständig rehabilitiert bin. Wenn's sein muss, ziehen wir bis vor den Europäischen Gerichtshof.

 

Sonderthemen