Unschuldig in Haft Von der Deutung eines Fotos hängt alles ab

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Vorwurf Mitte der 90er Jahre kommt es in Stuttgart zu vier Banküberfällen, bei denen 50.000 Mark erbeutet werden. Der Räuber ist ein maskierter Mann, mal ist er als Clown, mal als Gorilla getarnt. Im Juli 2000 wird der gelernte Maurer Andreas Kühn festgenommen. Eine Ex-Freundin hatte ihm vorgeworfen, in ihrem Hausflur aus Eifersucht gezündelt zu haben. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung findet die Polizei einen Kalender, in dem zwei der vier Überfalltage mit einem Ü gekennzeichnet sind.

 

Urteil Als Kühn dem Haftrichter vorgeführt wird, verliert er die Beherrschung. „Ich war’s doch nicht!“ schreit er, greift sein Gegenüber an und verwundet den Haftrichter leicht. Auch vor der Ersten Strafkammer des Stuttgarter Landgerichts beteuert Kühn beharrlich seine Unschuld. Doch am Ende des Indizienprozesses wird er zu insgesamt 13 Jahren Haft verurteilt.

Beweislage Das entscheidende Beweismittel ist eine Aufnahme, die eine Überwachungskamera am 2. August 1995 in der Filiale der Landesgirokasse am Killesberg gemacht hat. Während des Prozesses meint ein Gutachter, ein pensionierter Polizist, dass der Mann auf dem Foto Kühn sein könne. Das bezweifelt Rainer Glöckle, ein ehemaliger Arbeitgeber Kühns. Der Stuttgarter Unternehmer Glöckle studiert die Gerichtsakten und stößt dabei auf Widersprüche.

Wiederaufnahme 2008 engagiert Glöckle den Anwalt Ekkehard Kiesswetter, der wiederum bei dem Anthropologen Friedrich Rösing ein Gutachten in Auftrag gibt. Rösing kommt zu dem Ergebnis: Kühn ist nicht der Bankräuber. Im Juli 2009 entscheidet das Oberlandesgericht Stuttgart, dass der Wiederaufnahmeantrag zulässig ist. Seither prüft das Landgericht Ravensburg, ob der Fall tatsächlich neu aufgerollt werden muss.

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