Unsere Sprachmoden So ein Tag, so unfassbar wie heute!
Muss der VfB gegen Bielefeld eine „unfassbar gute“ Leistung abliefern, um den Pokal nach Stuttgart zu holen? Oder geht’s auch so – ohne Sprachfloskeln? Eine Glosse von Jan Sellner.
Muss der VfB gegen Bielefeld eine „unfassbar gute“ Leistung abliefern, um den Pokal nach Stuttgart zu holen? Oder geht’s auch so – ohne Sprachfloskeln? Eine Glosse von Jan Sellner.
Manche Wörter breiten sich unfassbar schnell aus. Wie aktuell die Blaualgen im Feuersee . . .
Sagten wir gerade unfassbar? Da haben wir es! Die glibbrige Floskel dringt bereits in Kommentare vor. Eilig greifen wir zum Instrument der Glosse, um sie loszuwerden. Doch kaum hat man das Unfassbare halbwegs zu fassen gekriegt und aus dem Manuskript entfernt, kommt auch schon jemand ums Eck und sagt, er freue sich unfassbar aufs Wochenende – wegen des Pokalfinales am Samstagabend in Berlin, das der VfB sicher gewinnt. Ganz unsere Meinung, aber geht‘s bitte auch ohne unfassbar?
Anscheinend nicht. „Unfassbar“ ist in unseren Wortschatz diffundiert und verbreitet sich dort wie eine invasive Art, die unsere heimischen Wörter – etwa das vertraute „unglaublich“ – auf unfassbare Weise verdrängt. Immerhin haben wir es bei „unfassbar“ nicht mit Denglisch zu tun. Unbelievable – das wär ja noch schöner! Apropos schön: Die Feststellung, dass etwas unfassbar schön oder schlecht ist, klingt unfassbar nichtssagend.
Und so weit ist das vom ursprünglichen Wortsinn ja auch nicht entfernt. „Unfassbar“ drückt Nichtwissen und Ratlosigkeit aus. Der Duden definiert das Wort so: „dem Verstand nicht zugänglich; sich nicht begreifen, verstehen lassend“. „Unfassbar“ ist außerdem etwas, „das das normale Maß übersteigt, sodass man es nicht wiedergeben kann“.
So gesehen, könnte sich der inflationäre Gebrauch von „unfassbar“ aus unserer Fassungslosigkeit über die gegenwärtige Weltlage erklären. Unfassbar viele Dinge sind durcheinandergeraten und wachsen uns über den Kopf. Das muss sich irgendwie in Sprache niederschlagen. Oder ist das jetzt unfassbar verkopft und man sagt „unfassbar“ nur deshalb, weil alle es sagen und es halt eine Sprachmode ist?
Dafür spricht, dass uns selbst Nichtigkeiten als „unfassbar“ erscheinen: etwa das Zögern des Vordermannes an der auf Grün umgesprungenen Ampel, der sich dadurch als unfassbar schlechter Autofahrer zu erkennen gibt, oder die unfassbare gute Kokos-Curry-Linsensuppe neulich beim Thailänder oder auch die unfassbar schlechte Leistung des Unparteiischen – aus eigener parteiischer Sicht. Unsere Unfassbarkeits-Schwelle ist demnach äußerst niedrig angesetzt. Mit positivem Staunen und Wundern, was „unfassbar“ auch ausdrücken kann, hat das nichts mehr zu.
Eher mit unserem Hang zu Superlativen. „Unfassbar“ stellt aktuell die höchste Steigerungsform der deutschen Umgangssprache dar – es steht sogar noch über „Mega!“: „Unfassbar gut“ ist die höchste Form der Anerkennung, „unfassbar schlecht“ die härteste Form der Kritik. Einem Schwaben kann man das vielleicht am besten so anschaulich machen: Auf den „Dackel“ folgt der „Halbdackel!“ Dackelhafter geht’s nicht!
Am häufigsten begegnet uns Unfassbares vermutlich im Sport. Zum Beispiel kann es passieren, dass der VfB an einem Tag unfassbar gut spielt und am anderen Tag unfassbar schlecht. Ersteres sollte bitteschön heute Abend in Berlin der Fall sein. Anschließend dürfte in Stuttgart, wo unfassbar viele Menschen bei hoffentlich unfassbar gutem Wetter dem Public Viewing auf dem unfassbar schönen Schlossplatz beiwohnen, eine unfassbare große Party stattfinden. Dort werden die Fans singen: „So ein Tag, so unfassbar schön wie heute!“ Der Stadt würde das unfassbar gut tun. Und wenn der VfB gegen Bielefeld doch verlieren sollte? Das wäre dann tatsächlich unfassbar!